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14.06.2019, 17:02 Uhr

Zeitzeugen berichten über NS-Vernichtungspolitik

Auch in diesem Jahr besuchten polnische Zeitzeugen das Gymnasium Nordhorn und berichteten über ihre Familienschicksale im Zusammenhang mit nationalsozialistischer Rassen-, Kriegs- und Vernichtungspolitik.

Zeitzeugen berichten über NS-Vernichtungspolitik

Schulleiter Andreas Langlet mit den Zeitzeugen, ihren Übersetzern und den Geschichtslehrerinnen Karin Beckmannshagen und Claudia von Behren.Foto: privat

Nordhorn Vier Zeitzeugen ließen Schüler des neunten Jahrgangs an Erinnerungen aus ihrer Kindheit teilhaben.

Jan Maciocha, war vier Jahre alt, als sein Heimatdorf im Juni 1943 zwangsgeräumt wurde. Frauen und Kinder wurden zusammengetrieben und von einem Sammelplatz aus mit Lastwagen ins Lager Zamosc überführt. Drei Wochen später wurden sie ins Konzentrationslager Majdanek deportiert. Maciocha hat Bilder und Erinnerungen an die Zeit im Konzentrationslager: Das Kahlscheren der Köpfe, die dreistöckigen Holzpritschen, die Wassersuppe, von der alle Durchfall bekamen, die 10-jährige Cousine, die immer schwächer wurde und starb, die furchtbaren Latrinen, in die er ohne die Hilfe seines Bruders hineingefallen wäre, vor allem die Appelle am frühen Morgen, vor denen alle Angst hatten, weil gebrüllt, geschlagen, und geschossen wurde. Sie sahen auch, wie immer Gruppen von Menschen direkt in Baracken geführt wurden, aus denen niemand wieder herauskam. „Sie töten dort die Juden“ wussten auch die Kinder.

Mutter und Kinder wurden nach Monaten entlassen und konnten auf einem Bauernhof unterkommen. Bei ihrer Rückkehr ins Heimatdorf war dieses vollständig geplündert. Es folgten Angst- und Hungerzeiten bis zur Befreiung durch die Rote Armee. Vor der Deportation versteckte Lebensmittel, sicherten das Überleben.

Die Schüler fragten danach, wie man als Kind und auch später mit solchen Erlebnissen leben könne. „Kinder können viel vergessen, aber einige Bilder bleiben das ganze Leben.“ Maciocha verwies darauf, dass er trotz der Erlebnisse durch Schul- und Berufsausbildung und Gründung einer Familie ein „normales“ Leben führen konnte. Ein Weg der Bewältigung ist seine ehrenamtliche Mitarbeit in der heutigen Gedenkstätte Majdanek.

Mikolaj Slodowski, Priester der Altkatholischen Kirche, wurde gegen Ende des Krieges im März 1945 im Frauenkonzentrationslager Ravensbrück geboren. Im Lager hätten unmenschliche Zustände geherrscht. Man habe Experimente an den vermeintlichen „Untermenschen“ durchgeführt. Viele Frauen seien als Versuchskaninchen missbraucht worden. Die für medizinische Experimente verantwortliche Ärztin des Lagers durfte nach Beendigung des Krieges, wie Slodowski berichtete, wieder als Ärztin arbeiten, wurde aber doch noch zu einer Gefängnisstrafe verurteilt. Aus den Leichen der im KZ ermordeten Frauen sei Seife gemacht worden, aus der Haut Lampenschirme. Aufgrund einer Abmachung SS-Führer Himmler mit dem schwedischen Roten Kreuz durften schwergezeichnete Frauen das Lager verlassen. Auch Slodowski sei deshalb für acht Monate in Schweden gewesen.

Irina Schudek wurde 1938 als Kind jüdischer Eltern in Nadansko geboren. 1942 seien sie in den Osten Polens deportiert worden. Im Januar 1942 entstand das Ghetto Prody, in dem die Juden einziehen mussten. Auch Irina Schudek wurde mit ihrer Familie dort einquartiert. Das nichtjüdische Kindermädchen der Familie habe ihnen geholfen und Essen und etwas zum Anziehen gebracht. Dafür habe sie einen Wachmann bestechen müssen. Dadurch schaffte sie es auch, die kleine Irina aus dem Ghetto herauszuholen. Sie ließ Irina umbenennen und wurde somit die „neue Mutter“. Im Sommer 1942 wurden Teile des Ghettos liquidiert.

Zum Ende des Krieges beschloss das Kindermädchen aufgrund ständiger Anfeindungen durch ihre antisemitischen Brüder, den Ort zu verlassen. Zusammen mit Irina zog sie nach Oppeln. Sie habe Frieden geschlossen, sehe es aber als ihre Pflicht an, über die schrecklichen Ereignisse während der nationalsozialistischen Herrschaft zu reden.

Elzbieta Novak wurde am 19. April 1945 im Konzentrationslager Ravensbrück geboren. Ihre Mutter habe kaum über die Zeit gesprochen, sodass Elzbieta nur durch vor Kurzem gefundene Aufzeichnungen, welche ihre Mutter anfertigte, weiß, was sie erlebt habe. Diese musste mehrere Lager durchlaufen, darunter Auschwitz, bis sie nach Ravensbrück verlegt wurde, wo sie unter unvorstellbaren Verhältnissen ihre Tochter zur Welt gebracht habe. Stundenlange Appelle in dünner Häftlingskleidung sowie schwerste Arbeit bei mangelhafter Ernährung gehörten zum Alltag. Die Traumata dieser Zeit hätten ihre Mutter, so berichtet Novak, noch lange verfolgt, sodass sie sich beispielsweise in Panik versteckte, sobald jemand unangekündigt an die Tür klopfte.

Die Betroffenheit der Schüler war groß, was sich an den vielen Fragen an die Zeitzeugin im Anschluss an ihren Vortrag äußerte. Es wurde klar, dass kein Medium des Unterrichts das Grauen der Zeit im Konzentrationslager so vermitteln kann wie der Bericht einer Zeitzeugin.

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