02.03.2020, 15:58 Uhr / Lesedauer: ca. 4min

Theaterstück thematisiert Nordhorner Zeitgeschichte von 1932

Am 1. September 2020 feiert das Stück „Lindenallee – Straße der SA“ Premiere in der Kornmühle in Nordhorn. Es spielt die Theaterwerkstatt Nordhorn unter der Regie von Francisca Ribeiro. Geschrieben wurde das Stück von Dr. Werner Rohr.

Als Historiker hat sich Dr. Werner Rohr (zweiter von rechts) schon vor vielen Jahren für die Geschichte des Nationalsozialismus interessiert. In diesem Zusammenhang erschien auch unter seiner Leitung das Buch „Nordhorn im Dritten Reich“. Die historischen Fakten bildeten die Grundlage für das von ihm geschriebene Theaterstück „Lindenallee – Die Straße der SA“. Mit auf dem Foto, das beim Casting entstand, ist die Regisseurin des Stücks, Francisca Ribeiro (zweite von links). Foto: privat

Als Historiker hat sich Dr. Werner Rohr (zweiter von rechts) schon vor vielen Jahren für die Geschichte des Nationalsozialismus interessiert. In diesem Zusammenhang erschien auch unter seiner Leitung das Buch „Nordhorn im Dritten Reich“. Die historischen Fakten bildeten die Grundlage für das von ihm geschriebene Theaterstück „Lindenallee – Die Straße der SA“. Mit auf dem Foto, das beim Casting entstand, ist die Regisseurin des Stücks, Francisca Ribeiro (zweite von links). Foto: privat

Nordhorn Von einem dramatischen Kapitel Nordhorner Geschichte des 20. Jahrhunderts handelt die nächste Produktion der Theaterwerkstatt Nordhorn. Unter dem Titel „Lindenallee – Die Straße der SA“ hat sich der Nordhorner Historiker und Autor Dr. Werner Rohr mit einem Ereignis auseinandergesetzt, das 1932 die politischen Frontlinien in der Endphase der Weimarer Republik deutlich macht. Circa ein Jahr später erfolgt in ganz Deutschland die Machtergreifung durch die NSDAP. Die Hoffnungen auf Freiheit, Frieden und soziale Gerechtigkeit, die mit der Einführung der Demokratie verbunden waren, wurden zerstört. Willkürliche Verhaftungen der Gegner der NSDAP, der Zweite Weltkrieg und der Völkermord an den Juden folgten.

Nordhorn 1932

Was war in Nordhorn geschehen? Am 14. Juni 1932 hatte die Regierung des vorletzten Kanzlers der Weimarer Republik, Franz von Papen, auf Druck der Habsburger Front, einem Bündnis antidemokratischer Nationalisten und Rechtsextremisten, das Verbot der SA, einem äußerst gewalttätigen Kampfverband der NSDAP, aufgehoben. Sofort ging die SA dazu über, Massenaufmärsche an Orten mit starker Arbeiterbevölkerung durchzuführen, um die eigene Ortsgruppe zu ermutigen und die Gegner zu demoralisieren. Auch in der Grafschaft Bentheim. Am 15. Juli 1932 fand in Nordhorn das Gautreffen „Weser-Ems“ der NSDAP statt. Die Veranstalter planten eine Versammlung in einem Stadion mit anschließender Demonstration durch die Arbeiterviertel Bussmaate und Stadtsiedlung. Etwa 1500 Nationalsozialisten trafen in Nordhorn zusammen. Gegen dieses Treffen setzte sich ein Bündnis aus KPD, SPD, DTV und dem Mieterschutzbund der Stadtsiedlung zur Wehr. Trotzdem begann um 19.45 Uhr die Demonstration der NSDAP mit einem Umzug durch die Bussmaate. Dort wurden sie mit einem Steinhagel empfangen. In verschärfter Form gab es diesen Widerstand in der Stadtsiedlung. Die Lindenallee, Hauptstraße der Stadtsiedlung, war in Höhe der Margueritenstraße aufgerissen, die Pflastersteine lagen als Wurfmaterial bereit. Ein Steinbombardement auf die Nazis folgte. Angesichts der Tausende zählenden Menge eröffnete die begleitende Polizei das Feuer mit ihren Pistolen. Die Schüsse trafen. Acht Gegendemonstranten wurden verletzt, zwei davon schwer, 14 Gegendemonstranten wurden verhaftet. Der Demonstrationszug wurde umgeleitet und um die Stadtsiedlung herum wieder zum Stadion zurückgeführt. Zum Andenken an diese Kämpfe trug die Lindenallee in der Zeit der NS-Herrschaft den Namen „Straße der SA“.

Basierend auf diesen Ereignissen und weiteren historischen Forschungen hat der Nordhorner Historiker Dr. Werner Rohr ein Theaterstück geschrieben. Als Wissenschaftler hat er sich mit dem Thema des Nationalsozialismus in Nordhorn schon 1991 auseinandergesetzt. Damals entstand unter seiner Leitung im Rahmen einer Geschichtswerkstatt der damaligen Volkshochschule Nordhorn das Buch „Nordhorn im Dritten Reich“, das inzwischen in zweiter Auflage vorliegt. Auch in seiner Doktorarbeit zur Geschichte der Arbeiterbewegung in Nordhorn wurden die Ereignisse von 1932 thematisiert. Die Regie des Stückes liegt in den Händen von Francisca Ribeiro. Die gebürtige Nordhornerin stand schon mit sieben Jahren auf den Brettern, die die Welt bedeuten. Die Begeisterung wurde bei der Theaterwerkstatt Nordhorn geweckt und reichte so weit, dass sie nach dem Abitur begann, Theaterwissenschaften zu studieren.

Regie: Francisca Ribeiro

Im Rahmen ihres Studiums realisierte sie zwei eigene Theaterprojekte und arbeitete als Regieassistentin am Gostner Hoftheater. Zudem sammelte sie professionelle Erfahrungen als Souffleuse am Staatstheater Stuttgart und ist aktuell dabei, an der Ruhr-Universität Bochum ihren Master im Bereich Theaterwissenschaften zu machen. Jetzt führt sie die Regiearbeit also zurück an die Anfänge ihrer Theaterzeit. Nachdem sie das Stück gemeinsam mit dem Autor noch einmal dramaturgisch aufbereitet hatte, wurde es bei einem Casting, das vor Kurzem in Nordhorn stattfand, der Öffentlichkeit vorgestellt. Vor voll besetztem Hause in der Rampe gegenüber der Kornmühle präsentierte Francisca Ribeiro ihr Konzept, wie sie das Stück inszenieren wird. Ihr ist es wichtig, keine naturalistische Darstellung auf die Bühne zu bringen, sondern Stilelemente der griechischen Tragödie wie den Chor, der als Erzählinstanz fungiert, und Stilelemente des Brechtschen Epischen Theaters. zu nutzen, um dem Stück „Lindenallee – Die Straße der SA“ eine eigene Form zu geben. Der von Bertolt Brecht 1926 geprägte Begriff episches Theater verbindet zwei literarische Gattungen, das Drama und die Epik, also theatralische und erzählende Formen der Literatur. In den 1920er-Jahren hatten Bertolt Brecht und Erwin Piscator begonnen, mit neuen Formen des Theaters zu experimentieren. Sie wollten weg von der Darstellung tragischer Einzelschicksale, von der klassischen Illusionsbühne und ihrer Scheinrealität. Ihr Ziel war die Darstellung der großen gesellschaftlichen Konflikte wie Krieg, Revolution, Ökonomie und soziale Ungerechtigkeit. Sie wollten ein Theater, das diese Konflikte durchschaubar macht und die Zuschauer dazu bewegt, die Gesellschaft zum Besseren zu verändern. Genau das Gleiche gilt für die Inszenierung von Francisca Ribeiro. Sie will deutlich machen, wie es geschehen konnte, dass die Nationalsozialisten die Macht ergriffen. Premiere für das Stück ist am 1. September 2020 in der Kornmühle. Weitere Vorstellungen werden folgen.

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