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03.08.2018, 12:12 Uhr

Sorgenkind-Faultier Iggy: Im Tierpark per Hand aufgezogen

Weil seine Mutter nicht ausreichend Milch produzierte und Faultiernachwuchs Iggy nicht genug Gewicht zulegte, musste er im Nordhorner Tierpark mit der Hand aufgezogen werden – ein Erfahrungsbericht von Dr. Heike Weber.

Sorgenkind-Faultier Iggy: Im Tierpark per Hand aufgezogen

Faultier „Iggy“ (im Alter von 4,5 Monaten) klammert sich an ein Stofftier. Foto: Frieling

Nordhorn Noch kuschelt er sich bei Gefahr und zum Schlafen an eines seiner Stofftiere. Die Rede ist von Iggy, dem jüngsten Faultier im Tierpark Nordhorn. Ende Januar kam er zur Welt. Knapp einen Monat lang ging alles gut. Er lag, wie es sich für Faultiere gehört, auf dem Bauch seiner Mutter Gypsy. Diese hat schon viele Jungtiere problemlos aufgezogen, ist also eine erfahrene Mutter. Die Faultiere im Tierpark Nordhorn gehören zu den Zwei-Finger-Faultieren (Choloepus didactylus). Wie der Name sagt, haben sie an den Händen zwei „Finger“, die zu langen Krallen umgewandelt sind. An den Füßen haben sie dagegen drei dieser langen Krallen, mit denen sie sich an den Stämmen und Ästen entlanghangeln und festhaken können. Immer kopfüber, das heißt mit dem Rücken zum Boden, klettern oder liegen sie im Geäst. So haben die Jungtiere auf dem Bauch der Mutter einen sicheren Platz, fast wie in einer Hängematte. Da die Zitzen brustständig sind, können die Jungen die Milchquelle leicht im Liegen erreichen. Das ist wichtig, denn in den ersten Lebensmonaten sind sie wie alle Säugetiere auf die Muttermilch als Nahrungsquelle angewiesen. Sie knabbern zwar bereits nach wenigen Wochen an Blättern oder fressen das mit, von dem die Mutter abbeißt, aber vorwiegend trinken sie Muttermilch.

Sorgenkind-Faultier Iggy: Im Tierpark per Hand aufgezogen

Frisch auf die Welt gekommen, liegt „Iggy“ wohlbehalten auf Mamas Bauch. Foto: Heike Weber

Obwohl Gypsy Medikamente bekommen hatte, die die Milchproduktion anregen sollten, reichte es wohl nicht aus. Iggy hatte immer Hunger und kaute gierig auf den Futterstücken herum, die die Tierpfleger ihm reichten. Zu Beginn bekam er im Zoo weich gekochte Möhre, Zucchini, Reis oder Ei. Avocado wurde ebenfalls sehr gerne gegeben. Jedoch fiel schnell auf, dass Iggy ab und an Schwierigkeiten beim Kauen hatte. Außerdem begann er Gypsy zu verlassen und auf seinem Vater Sid herum zu klettern. Dieser war aber als Milchquelle natürlich völlig ungeeignet…

Nach einem Monat war klar: Iggy konnte nicht von seiner Mutter Gypsy großgezogen werden. Er hatte kaum zugenommen, wog nur um die 500 Gramm. Das entspricht fast dem normalen Geburtsgewicht von Zwei-Finger-Faultieren, das bei 350 bis 450 Gramm liegt. Da Faultiere recht selten sind, sie im Europäischen Zuchtbuch (ESB) geführt werden und viele Zoos großes Interesse an dieser Tierart haben, wurde von der Ethikkommission des Tierparks beschlossen, Iggy in die Handaufzucht zu nehmen. Ein Verbleib bei seiner Mutter wäre sein Todesurteil gewesen. Schon in der Vergangenheit hatte der Tierpark gute Erfahrungen mit einer Handaufzucht in ähnlicher Notsituation gemacht. Denn wichtigstes Ziel – gerade auch bei Handaufzuchten – ist, dass die Tiere nicht allein auf den Menschen geprägt werden, sondern ein faultiergerechtes Leben führen können.

Sorgenkind-Faultier Iggy: Im Tierpark per Hand aufgezogen

Die namensgebenden Krallen des „Zwei-Finger-Faultiers“ sind gut zu erkennen. Foto: Heike Weber

Zufüttern auf seiner Mutter Gypsy wäre eine noch bessere Option gewesen, lässt sich aber leider nicht sicher regelmäßig durchführen. Denn die Faultiere im Tierpark Nordhorn sind zwar den Menschenkontakt gewöhnt, wenn sie allerdings „keine Lust“ haben, bleiben sie einfach weit oben im Gehege hängen oder kugeln sich ein, sodass man an die Jungtiere nicht herankommt. Außerdem werden die Mütter sehr aggressiv, wenn man ihnen das Jungtier abnehmen will. Und das wäre natürlich nötig gewesen, um Iggy regelmäßig zu wiegen und Kontrolluntersuchungen durchführen zu können.

Als „Mutterersatz“ bekam Iggy Kuscheltiere und die streichelnden Hände seiner „Ziehmütter“. Er wurde abwechselnd von verschiedenen Tierpflegerinnen und der Zootierärztin Dr. Heike Weber betreut. Zu Beginn bedeutete dies: Alle zwei bis drei Stunden füttern, mehrmals am Tag Körperkontakt (durch die Gegend tragen, streicheln) und baden, wenn der Bauch zu dick wurde. Ein dicker Bauch zeigt nämlich an, dass Kot- und Urinabsatz nötig sind. Faultiere haben eine unglaublich große Harnblase. Während Iggy oft alle drei bis fünf Tage „auf die Toilette“ musste, geschieht dies bei ausgewachsenen Tieren nur zirka einmal pro Woche. Die Faultiere klettern dazu auf den Boden. Jungtiere dagegen kann man mit einem Bad in warmem Wasser oder auch einer Massage zum Urinieren und Koten anregen. Das ist bei Handaufzuchten wichtig, denn sonst bekommen die Tiere leicht eine Verstopfung, die tödlich enden kann.

Sorgenkind-Faultier Iggy: Im Tierpark per Hand aufgezogen

Kaum größer als ein Schuh ist „Iggy“ im Alter von drei Monaten. Foto: Heike Weber

Da Faultiere vorwiegend Blattfresser sind, funktioniert ihr Magen wie eine kleine Gärkammer. Es braucht sehr lange, bis das Futter aufgespalten und verdaut ist. Daher haben sie einen langsamen Stoffwechsel und bewegen sich auch nicht viel. Faultiere sind einfach perfekte Energiesparer. Zudem sind sie dämmerungs- und nachtaktiv, sodass viele Zoobesucher die grauen Fellknäuel gar nicht richtig wahrnehmen, wenn sie tagsüber schlafend in den Astgabeln sitzen. Zu den Fütterungszeiten im Zoo kann man sie aber sehr gut beobachten. Ebenso wie früh morgens oder spät abends, wo das ein oder andere Faultier auch mal im Außengehege herumklettert.

Iggy, der leider die verschiedenen Ersatzmilchsorten gar nicht lecker fand und daher sofort mit gekochtem Gemüse, Reis, Obst, Salat, Ei und Laub gefüttert werden musste, ist mittlerweile auch ein kleiner Kletterkünstler. Aufnahmen der Nachtkamera in seinem Gehege hinter den Kulissen haben das aufgezeichnet. Außerdem nimmt er inzwischen das angebotene Futter selbständig aus der Futterschale. Ebenso die Erde – am liebsten die aufgelockerte Erde aus Maulwurfshügeln, die auch ausgewachsene Faultiere immer wieder fressen. Vermutlich benötigen sie diese für die Verdauung und zur Deckung ihres Mineralstoffbedarfes.

Sorgenkind-Faultier Iggy: Im Tierpark per Hand aufgezogen

Mittlerweile hat „Iggy“ gut an Gewicht zugenommen und übt sich im Klettern. Foto: Heike Weber

Alle Faultiere, auch Iggy, halten die Futterstücke und Äste übrigens ganz geschickt mit ihren Krallen fest. Das erfordert zu Beginn natürlich Übung und führt auch nicht selten zu totaler Matscherei oder zum Verlust des Futterstückes. Aber irgendwann haben sie den Dreh raus. Erde dagegen graben und schaufeln sie mit den Krallen vor ihr Maul und beißen dann hinein. Beim Kauen knirschen die Sandkörner zwischen den wenigen Zähnen. Denn Faultiere besitzen Zähne, auch wenn sie zur Ordnung der Zahnarmen (Pilosa) gehören. Es sind nicht viele, aber insbesondere die Eckzähne sind beeindruckend und auch nicht ungefährlich. Sie schleifen sich gegenseitig ab und werden so enorm scharf und spitz wie Dolche.

Auch Iggy hat bereits früh gewusst, seine Eckzähne einzusetzen, wenn ihm irgendwas missfiel. Und schon der Biss eines jungen Faultieres zwickt ganz ordentlich und hinterlässt eindrucksvolle Abdrücke. Je nach Alter des Faultieres kann es dann auch blutig werden und anstelle von Abdrücken hat man Löcher in der Haut. Meist jedoch war Iggy friedlich.

Eine einfache Handaufzucht war er dennoch nicht. Das größte Problem: Seine Ersatzmilchabneigung. Manchmal konnte man ihn überlisten und gekochte Gemüsestücke in das Milchpulver tunken, sodass er wenigstens etwas davon aufnahm. Denn Milchpulver enthält viel Protein und ist angereichert mit Vitaminen und Mineralien. Aber immer wieder gab es Tage, da fraß Iggy nur sehr mäkelig. Mal mochte er dies nicht, mal das nicht, hatte Probleme beim Kauen und musste zwischenzeitlich auch noch wegen einer Pilzinfektion im Maulbereich behandelt werden. Ein Faultier-Sorgenkind, das zwar sehr langsam, aber zum Glück doch immer stetig wuchs und an Gewicht zu nahm. Allerdings gab es Phasen, da war nicht sicher, ob er es schaffen würde.

Mittlerweile jedoch ist Iggy mit über sechs Monaten in einem Alter, wo Faultierjunge auch schon mal alleine umher klettern und sich langsam von ihrer Mutter „abnabeln“. Nun fehlt noch der letzte Schritt, nämlich die Gewöhnung von Iggy an das Faultiergehege, seine Artgenossen und die anderen Mitbewohner, also die Grünarassaris sowie die Landschildkröten. Deshalb wird er in den nächsten Wochen und Monaten täglich ein paar Stunden im Faultiergehege verbringen. Zunächst noch mit seinen Stofftieren und seinem gewohnten kleinen Transportkäfig als sichere Rückzugsmöglichkeit. Das hat so 2009 mit Wutz auch gut geklappt. Das mittlerweile sehr erfahrene zweite Zuchtweibchen des Tierparks Nordhorn war nämlich ebenfalls per Hand aufgezogen worden. Ihre Mutter Efra verstarb ganz plötzlich, als Wutz knapp einen Monat alt war.

Tierparkbesuchern rät Tierärztin Heike Weber: „Wundern Sie sich nicht, wenn Sie den Transportkäfig und die Stofftiere im Faultiergehege sehen.“ Vielmehr sollten Besucher Ausschau halten nach einem kleinen, etwa zwei Kilogramm schweren Faultier, das vielleicht irgendwo zusammengerollt liegt oder hängt und schläft.

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