Grafschafter Nachrichten
07.09.2014

Eine Parade des Phantastischen

Eine Parade des Phantastischen

Der „Brüller“ des diesjährigen Straßenkulturfestes: El Kote, der wilde Clown, Einradfahrer, Jongleur, Akrobat und Provokateur aus Chile. Mit seiner einzigartigen Mischung aus Akrobatik und Spontantheater begeisterte er jung und alt.

Immer wieder neu und immer wieder anders: Das Internationale Straßenkulturfest in der Nordhorner Innenstadt verwandelte am Wochenende auch in seiner 24. Auflage die Fußgängerzone in eine Bühne des Staunens und Lachens.

Nordhorn. Nein, er kippt nicht um. Und wenn er noch so schief dasteht, er verliert nicht das Gleichgewicht. Überhaupt: Welches Gleichgewicht? „Herr Niels“ steht da, als wollte er die Physik ad absurdum führen, stemmt sich gegen imaginäre Kräfte, weicht vor Luftballons zurück wie vor tonnenschweren Eisenkugeln.

Der Bewegungsillusionist ist einer der Top-Acts des diesjährigen Straßenkulturfestes. „Umsonst & draußen“ hat Festivalleiter Heinz Siemering am Sonnabend und Sonntag mehr als ein Dutzend Künstler zu einer unvergleichlichen Mischung dessen versammelt, was in der internationalen Straßen- und Kleinkunstszene gerade gefragt ist.

Zwei Tage lang sind die sieben festen Spielorte in der Fußgängerzone von Menschentrauben umlagert. Zwischen ihnen begegnen City-Besucher – oft unvorbereitet und überrascht – wundersamen weißen Elfen und Hirschen, dem phantasievollen „letzten Drachenhüter“ mit seinem Feuer speienden Jungdrachen oder dem erstaunlichen „Bett-män“ des Buchfinktheaters. Oder sie geraten unversehens in die Fänge der Nordhorner Kulturfest-Klassiker „Mathilda & George“, die neuerdings französisch parlierend ihre Späße mit dem Publikum treiben.

Atemberaubend geht es vor allem auf der großen Rundbühne im Zentrum der Hauptstraße zu. Dort turnt der Comedy-Akrobat Jens Ohle auf Stehleitern herum und jongliert dabei mit Keulen, zaubert aber auch schon mal eine nicht mehr ganz taufrische „Assistentin“ aus seinem Klappenkoffer.

Das Trio Satschok braucht keine Requisiten. Die drei Künstler wirbeln in wild-chaotischer Akrobatik durch die Luft, um eine Zirkusnummer einzustudieren, bei der so gar nichts (oder alles) klappen will.

Aufpassen! Zuhören! Der Chilene „El Kote“ duldet keine Unachtsamkeit. Wenn meterhoch über den Köpfen sein Diabolo herumwirbelt oder auch ein paar Wurfmesser, dann Achtung bitte! Niemand kann wissen was passiert. Sprechen Englisch? Deutsch? Alles verstehen? Der Mann ist Clown, Einradfahrer, Jongleur, Akrobat und Provokateur in einem. Und Sprachgenie, das mit radebrechenden Kommunikationsfetzen seine Zuschauer zu Lachsalven hinreißt. Für viele Innenstadtbesucher der eigentliche „Brüller“ dieses Straßenkulturfestes.

Phantastisch auch die italienische Puppenspielerin Laura Kibel. Sie kann ihr erstes Gastspiel in Nordhorn erst verspätet beginnen, weil ihr Künstlergepäck sich im internationalen Flugverkehr verirrt hatte. Aber dann erweckt sie mit ihren Füßen und Händen die wunderbarsten Figuren zum Leben und entführt mit ihrem Figurenspiel ins Reich der Poesie.

Picco Bello – mit Sturmfrisur und Knickerbockerhosen das menschgewordene Klischee des schrillen Professors – wagt die tollsten Experimente mit dem Publikum. Alles schon mal gesehen und doch ganz anders. Und dass der Untergang der „Titanic“ wunderbar anrührend mit zwei Zollstöcken inszeniert werden kann, erleben die Zuschauer beim Musikclown-Trio „Bombastics“.

Nachdenklich werden die Besucher vor der St.-Augustinus-Kirche. Hier gibt es zum Abschluss der Nordhorner Ausstellung über „Circus im Nationalsozialismus“ die szenische Lesung „Der Clown und die Zirkusreiterin“. Sie erzählt die Lebensgeschichte der verfolgten jüdischen Artistin Irene Danner. Schwere Kost inmitten der Kleinkunst-Heiterkeit. Aber notwendige Erinnerungsarbeit. Die Freiheit – auch die Freiheit der Künste – ist nicht selbstverständlich.

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