14.01.2022, 11:00 Uhr / Lesedauer: ca. 4min

Post vom Chefredakteur

Wir zittern vor niemandem, nur vor eigenen Fehlern

author Von Guntram Dörr

Liebe Leserinnen und Leser,

sollten Sie eine Vorstellung davon haben, wie „die Medien“ ticken oder wie „die Presse“ funktioniert, vergessen Sie es schleunigst wieder. Diese Branche bleibt heterogen, die Auswahl der verbreiteten Inhalte ist in vielen Fällen das Ergebnis redaktioneller Findungsprozesse, es kommen zugegebenermaßen auch einsame Entscheidungen von Chefredakteuren zum Tragen.

Eine Gleichschaltung findet nicht statt

Die Meinungsbildung in Teilen der Bevölkerung speist sich aus subjektiver Wahrnehmung und wird im Wesentlichen durch Schnellschüsse im Internet befeuert. Eine Gleichschaltung, wie sie die Geschichte von diktatorischen Regimen kennt, findet nicht statt. Jedenfalls nicht in dem demokratisch aufgebauten Staat, in dem wir leben.

Medien und Presse: Beide Sammelbegriffe unterstellen eine Steuerung journalistischer Veröffentlichungen durch a) die Bundesregierung oder b) die Mächtigen der Wirtschaft oder c) Bill Gates im Wechsel mit Außerirdischen. In Wahrheit kann Journalismus in diesem Land frei und unabhängig erfolgen, was nicht heißt ohne Druck, Ärger und den Versuch der Beeinflussung. Das gilt für die öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten ebenso wie für die großen deutschen Tageszeitungen und ganz gewiss auch für die Grafschafter Nachrichten.

Angesichts der zugespitzten Diskussionen um das Für und Wider von Impfungen gegen Covid 19 erscheint diese Klarstellung notwendig. Zeitungen, Zeitschriften und Sender sind in den vergangenen knapp zwei Jahren der Corona-Pandemie im Einklang mit der deutlichen Mehrheit der Menschen in Deutschland dem Bestreben von Politik und Wissenschaft gefolgt, die Verbreitung des Erregers durch ein Bündel von Einschränkungen, die gewiss Freiheitsrechte berühren, möglichst wirkungsvoll einzudämmen. Dass nicht alle „Maßnahmen“, wie es im schrecklichen Bürokratendeutsch heißt, die erwünschte Wirkung erzielt haben, bleibt unbenommen.

Wir dürfen es niemals allen recht machen

Doch Journalisten haben die Möglichkeit, das Handeln der Verantwortlichen in Kommentaren zu bewerten. Mein Kollege Burkhard Ewert, Politik-Chef unseres Partnerverlages „Neue Osnabrücker Zeitung“, hält in dieser Frage mit Kritik an Regierung und Virologen nicht hinter dem Berg. In den Kommentaren aus den Reihen der GN-Redaktion wird tendenziell ein grundsätzliches Einverständnis mit dem Corona-Management deutlich.

Für beide Varianten ernten die jeweiligen Autoren in aller Regel Ablehnung, die bis zur Anfeindung reicht. Wer einem Beitrag zustimmt, drückt dies zumeist durch Schweigen aus. Das ist schade, zugleich ist es eine Lehre: Journalisten können es niemals allen recht machen, sie dürfen es nicht.

Augen auf bei der Berufswahl

Wer also zur Presse oder in die Medien will und einen spannenden, herausfordernden und handwerklich anspruchsvollen Job anstrebt, sollte sich über diese Tatsache im Klaren sein. Augen auf bei der Berufswahl: Das gilt im Journalismus mehr denn je.

Medienrummel bei einer Wahlkampfveranstaltung – ein vertrautes Bild, als es die Corona-Beschränkungen noch nicht gab. Die Vielfalt und Unabhängigkeit der veröffentlichten Meinung ist nicht in Gefahr. Archivfoto: Silas Stein/dpa

Medienrummel bei einer Wahlkampfveranstaltung – ein vertrautes Bild, als es die Corona-Beschränkungen noch nicht gab. Die Vielfalt und Unabhängigkeit der veröffentlichten Meinung ist nicht in Gefahr. Archivfoto: Silas Stein/dpa

Andererseits bietet dieses Berufsfeld ein Ausmaß von Freiheit, wie man es anderswo lange suchen muss, dies allerdings gepaart mit hoher Eigenverantwortung. Volontäre, wie die Auszubildenden bei uns heißen, müssen keine Prüfung ablegen, sie brauchen kein Zeugnis und keinen amtlichen Stempel für ihren Abschluss. Wenn sie durch eine zweijährige Ausbildung auf hohem Niveau gegangen sind, erhalten sie den Redakteur-Status und befinden sich von da an im permanenten Prüfungsstress, weil ihre Leistung tagtäglich von mehr als 50.000 Leserinnen und Lesern der GN bewertet wird – auf Papier und in den digitalen Kanälen.

Die Leser lassen uns wenig durchgehen

Falls Sie bisher also der Auffassung waren, die GN-Redaktion müsse sich nach anderen Vorgaben als dem journalistischen Ethos und den presserechtlichen Vorgaben richten, darf ich Sie ehrlichen Gewissens beruhigen: Da ist niemand, der uns Vorschriften machen könnte. Wie wir mit diesem Privileg umgehen, soll und muss den kritischen Blicken unserer Leserschaft standhalten, und dieses Publikum steht in der Grafschaft in langer Tradition: Sie lassen uns nur wenig durchgehen, und das ist auch gut so, wenn wir „vierte Instanz“ bleiben wollen.

Hin und wieder hat es „geknallt“

Wir zittern vor eigener Fehleinschätzung, vor schlechten Überschriften und unausgereiften Artikeln, aber ganz sicher nicht vor Landräten, Bürgermeistern, politischen Parteien, der Kirche, Wirtschaftsverbänden oder Sportfunktionären. Und damit ich nicht im Ansatz falsch verstanden werde: Diese Spitzen der Grafschafter Gesellschaft verfolgen sehr genau, was wir schreiben und kommentieren, sie sagen uns dazu immer wieder die Meinung. Hin und wieder hat es „geknallt“, es dauerte eine Weile, bis sich der Rauch verzog.

Aber massive Beeinflussung, Informationsverweigerung, Bedrohung? Es gab keinen einzigen Tag, an dem ich in der Grafschaft so etwas erlebt habe. Und diese Zeitspanne hat im Dezember 1993 begonnen.

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