28.01.2022, 11:00 Uhr / Lesedauer: ca. 3min

Post vom Chefredakteur

Wir ringen mit Sprache, damit Sie besser verstehen

author Von Guntram Dörr

Sprache: Der Philosoph Hegel nennt sie den „Leib des Denkens“, der Schriftsteller Saint-Exupéry hält sie für „die Quelle des Missverständnisses“. Wenn Sie glauben, dazwischen liege eine weite Spanne, gespickt mit Fallstricken und gefährlichen Trugschlüssen, dann liegen Sie richtig. Willkommen in meiner Welt!

Schreiben, um zu informieren

Jede der etwa 300 GN-Ausgaben pro Jahr und all die Meldungen, Nachrichten, Reportagen, Glossen und Kommentare auf den digitalen Kanälen der Grafschafter Nachrichten speisen sich aus der Sprache, die wir Journalisten anwenden, übersetzen, zuspitzen, akzentuieren. Wir schreiben, um zu informieren, und selbst unsere Fotos und Videofilme sprechen eine Sprache, sie sagen gelegentlich – wie es im Sprichwort heißt – mehr als 1000 Worte.

Es geht vor allem um Verständlichkeit

Die Sprache, dieses tückische Ding, dominiert den journalistischen Alltag in all seinen Erscheinungsformen. Über nichts streiten wir uns häufiger. Dieses breite Feld will ich heute eingrenzen auf einen zentralen Begriff, den ich für das entscheidende journalistische Leistungskriterium halte: die Verständlichkeit. Sie verlangt, den Dingen auf den Grund zu gehen, aber was dort zum Vorschein kommt, droht aus der Mode zu geraten, es liegt unter einem gewollten Schleier oder entspringt bürokratischem Denken.

Wort für Wort, Satz um Satz: Wer für Medienhäuser wie die Grafschafter Nachrichten schreibt, hat auf eine verständliche Sprache zu achten. Foto: Dörr

© Dörr

Wort für Wort, Satz um Satz: Wer für Medienhäuser wie die Grafschafter Nachrichten schreibt, hat auf eine verständliche Sprache zu achten. Foto: Dörr

Zebrastreifen und Müllabfuhr

Ich möchte, dass wir von Atomkraft sprechen, nicht von Kernenergie. Ein Fußgängerüberweg bleibt für mich ein Zebrastreifen, die Abfallentsorgung eine Müllabfuhr. Ein 90-Jähriger ist ein alter Mann, kein „Senior“. Örtliche Gegebenheiten sind die Zustände am Ort, Niederschläge entweder Regen oder Schnee. Eine kleine Reihe von Beispielen, die das Geschriebene der Reihe nach wahrer, eingängiger, treffender, ehrlicher und angemessen machen.

Mach’s Maul auf, hör bald auf!

Martin Luther, der den Deutschen im Mittelalter die Bibel übersetzte, hat klare Vorgaben gemacht: Tritt fest auf, mach’s Maul auf, hör bald auf! Wir können in dieser Hinsicht vom großen Reformator lernen, nämlich: einen Standpunkt einnehmen, treffend formulieren, kurz bleiben. Gelingt uns das immer? Sicher nicht.

Aufgebläht und unnötig verschachtelt

Vor ein paar Tagen las ich in einem GN-Artikel über den verurteilten Massenmörder Breivik: „Sein Verteidiger ließ keinen Zweifel daran, dass er es als unglücklich betrachtete, eine gerichtliche Verhandlung mit einem Hitlergruß zu beginnen.“ Ein aufgeblähter, unnötig verschachtelter Satz, der hätte lauten sollen: „Über den Hitlergruß seines Mandanten war der Verteidiger unglücklich.“

Ein langer und ein kurzer Satz

Hingegen hat das Bürgerforum Nordhorn, seit September im Nordhorner Stadtrat vertreten, ein wunderbares Beispiel für Klarheit im Ausdruck geboten. Nicht sofort, die Pressemitteilung begann weitschweifig: „Im Jahr 2022 möchte die politische Initiative das Thema Nachhaltigkeit in die politische und gesellschaftliche Diskussion in Nordhorn einbringen, um letztendlich dem Wegwerfen einen Riegel vorzuschieben.“ Aha. Aber siehe da, im nächsten Satz sorgte das BFN selbst für den nötigen Durchblick: „Das BFN möchte ein Pfandsystem für Becher in der Stadt etablieren.“ Mehr muss ich nicht wissen, um zu verstehen.

Was ist Ihnen aufgefallen – oder aufgestoßen?

Wenn Sie, liebe Leserinnen und Leser, von unserem täglichen Ringen mit Sprache mehr erfahren wollen, hätte ich in den nächsten Newslettern einiges parat. Besser noch: Machen Sie gerne mit und schicken Sie mir gelungene oder misslungene Beispiele, die Ihnen aufgefallen oder aufgestoßen sind. Dieses Thema verdient eine permanente Betreuung.

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