23.09.2022, 11:00 Uhr / Lesedauer: ca. 4min

Post vom Chefredakteur

Wertschätzung? Abneigung? Das darf keine Rolle spielen

author Von Guntram Dörr

Liebe Leserinnen und Leser,

ein ehemaliger Bundespräsident kommt nicht allzu oft in die Grafschaft, deshalb war der Besuch von Christian Wulff bei Rammelkamp in Nordhorn schon etwas Besonderes. Für den gebürtigen Osnabrücker und ehemaligen niedersächsischen Ministerpräsidenten geriet die Stippvisite zum Heimspiel, er kennt sich aus an Vechte und Dinkel. Friedrich Kethorn, sein CDU-Parteifreund und aktueller Vorsitzender des Vereins „Mentor – Die Leselernhelfer“, freute sich erkennbar über Wulffs Zusage, einen Festvortrag zu halten. Unsere Interviewfragen beantwortete der 63-Jährige routiniert, er wirkte nachdenklich und abwägend; geprägt vom Auf und Ab einer Karriere, in deren Verlauf auch sein Privatleben hineinspielte.

„Wie findest du den eigentlich?“, wollte ein guter Freund wissen. Ich gehöre eben zu den Privilegierten, die Prominente berufsbedingt aus der Nähe kennenlernen dürfen. Das weiß mein nahes Umfeld, deshalb liegen solche Fragen nahe. Nun, eine Reihe von Politikern, die mir in den vergangenen Jahrzehnten über den Weg gelaufen sind, vermag ich nach persönlichen Begegnungen besser einzuschätzen als es Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, wahrscheinlich möglich ist. Ich bilde mir deswegen nicht ein, sie wirklich zu kennen.

15 Jahre „Mentor Grafschaft Bentheim“: Die Festrede hielt Bundespräsident a. D. Christian Wulff im Saal der Nordhorner Traditionsgaststätte Rammelkamp. Foto: Udo Wohlrab

© Wohlrab, Udo

15 Jahre „Mentor Grafschaft Bentheim“: Die Festrede hielt Bundespräsident a. D. Christian Wulff im Saal der Nordhorner Traditionsgaststätte Rammelkamp. Foto: Udo Wohlrab

Im absolut notwendigen Spannungsfeld zwischen Journalisten und Akteuren auf politischer Bühne haben persönliche Wertschätzung oder herzliche Abneigung einen Spielraum, wir sind ja Menschen. Eine Rolle darf das im professionellen Umgang miteinander nicht spielen; aber einen veränderten Blickwinkel, ein etwas umfassenderes Bild und damit letztlich eine rundere Beurteilung halte ich für hilfreich. Und offen gesagt: Ohne den direkten Kontakt, das Gespräch Auge in Auge bis hin zum ausführlichen Austausch im Hintergrund, der oft mit erstaunlicher Offenheit geführt wird, fehlte das Salz in der Suppe der Nachrichtenarbeit.

Nehmen wir zunächst zwei Grüne, die zu den legendären Figuren der Ökopartei zählen. Joschka Fischer, den späteren Bundesaußenminister, habe ich in den späten 1980-ern in seiner frühen hessischen Turnschuhphase erlebt. Er kam zum Redaktionsbesuch, setzte sich auf die Umbruchtheke und ließ die Beine baumeln. Hellwach, schlagfertig, milde Revoluzzerattitüde. Ein charismatischer Typ mit Ambition, dachte ich seinerzeit. Mehr als 30 Jahre später, trotz aller Häutungen des begnadeten Debattenredners, finde ich Fischer im Kern unverändert.

Jürgen Trittin wiederum galt in Journalistenkreisen als schwierig. Ein intellektueller Kopf, der Arroganz zumindest ausstrahlte. Als er vor einigen Jahren nach Nordhorn kam, lernte die GN-Redaktion einen umgänglichen, freundlichen und zugewandten Gesprächspartner kennen. Vielleicht weil ihm die Gegend nicht fremd war und er Verwandtschaft in der Obergrafschaft hatte, die er hin und wieder besuchte?

Ich gebe zu, diesen Trittin hatten wir nicht erwartet. Dass einer seiner Nordhorner Parteifreunde versehentlich seinen Wintermantel angezogen hatte und damit nach Hause gefahren war, nahm er äußerlich gelassen hin. Das gute Stück konnte tags darauf nach Berlin geschickt werden, der Karriere des grünen Kommunalpolitikers aus Nordhorn hat die Verwechslung nicht geschadet.

Eines der besten Interviews gab mir um die Jahrtausendwende Edmund Stoiber. Geistreich, teils witzig und mit kleinen Nadelstichen gegen CDU-Chefin Angela Merkel, dabei flüssiger und eloquenter sprechend als bei vielen seiner öffentlichen Reden: Diesen Politiker hatte ich bis dahin anders eingeschätzt. Leider nahm die Sache kein gutes Ende.

Nachdem ich das Gespräch in Form gebracht hatte, ging der Text zur Autorisierung nach München – ein übliches Verfahren bei Wortlaut-Interviews. Normalerweise handelt es sich dabei um die eine oder andere Glättung, weil manche Formulierungen in gedruckter Form eine andere Wucht entfalten als das Gesagte aus der Situation des Augenblicks. Was allerdings aus der Staatskanzlei zurückkam, war eine zu 90 Prozent veränderte Urfassung. So landete der Text im Papierkorb.

Dass ausgefuchste Politprofis durchaus gerne in die Trickkiste greifen, davon kann mein Kollege Rolf Masselink ein Liedchen singen. Ihm war es gelungen, 1998 den damaligen Ministerpräsidenten und Kanzlerkandidaten Gerhard Schröder für ein Exklusiv-Interview zu gewinnen. Weil der Terminkalender des SPD-Politikers eng getaktet war, öffnete sich ein ungewöhnliches Zeitfenster: Schröder bot an, den Redakteur der Grafschafter Nachrichten in seinem Dienstwagen mitzunehmen, das Gespräch könne auf der Fahrt von Osnabrück nach Nordhorn geführt werden.

So geschah es. Man begrüßte sich, schüttelte sich die Hand – und nach einem Blick in die abendliche Dunkelheit schaltete Schröder die Innenbeleuchtung aus. Mitschreiben unmöglich. Es wurde ein gutes, intensives Gespräch, das in einen lesenswerten Artikel mündete. So schnell ließ sich der GN-Journalist eben nicht hinters Licht führen.

Wie waren die (und manch andere) so? Leicht geöffnetes Visier, würde ich sagen, um ein Gefühl von Nähe zu erzeugen. Mehr darf nicht drin sein, wir spielen auf verschiedenen Seiten. Und so habe ich häufig geantwortet: „Eigentlich ganz nett.“

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