16.10.2021, 12:00 Uhr / Lesedauer: ca. 3min

Zum Sonntag

Wer ist mein Nächster?

Von Henrike Lüers

„Wer ist mein Nächster?“ Seitdem er in der vergangenen Woche das Wort Nächstenliebe irgendwo aufgeschnappt hat, lässt ihn diese Frage nicht mehr los. Fast jeden Morgen wacht er mit der Frage auf. So auch heute. Er steht auf und geht zuerst einmal ins Badezimmer. Nimmt sich die Zahnbürste und fängt an, seine Zähne zu putzen. Dabei betrachtet er sein Spiegelbild.

„Gar nicht so leicht zu beantworten, diese Frage“, denkt er sich. Die Antwort setzt voraus, dass man selbst erst einmal sich selbst nah ist. Seine eigenen Baustellen kennt. Weiß, was einem wichtig ist. Sich selbst schätzt. Für sich selbst gut sorgt. Achtsam ist und die eigenen Grenzen kennt. Und trotz einiger Ecken und Kanten sich im Spiegel lächelnd anschauen kann. Er spült seinen Mund aus, wäscht sich das Gesicht und betrachtet sich noch einmal im Spiegel. Die Haare sind noch etwas zerzaust. Mit den Händen versucht er, sie etwas zu ordnen, und wirft sich dann ein Lächeln zu.

„Erst dann, wenn der Blick gar nicht mehr so sehr um sich selbst kreisen muss, kann der Blick hinausgehen. In die Welt und zu anderen“, denkt er, während er sich auf den Weg zur Arbeit macht. Nach Feierabend fährt er noch schnell in den Supermarkt. Es ist mal wieder voll, na klar, jeder will noch schnell die Besorgungen vor dem Abendessen machen. An den Einkaufswagen ist ein Gedrängel. „Bitte“, sagt er zu einer jungen Mutter, die mit Kleinkind von den anderen abgedrängt wird, und zeigt ihr mit einer Geste, dass sie sich zuerst einen Wagen nehmen soll. Erleichtert lächelt sie ihm zu und hebt ihr Kind in den Einkaufswagen.

Im Supermarkt geht es zu wie im Bienenstock. Er schiebt seinen Wagen durch die Gänge, legt hier und da etwas aus den Regalen hinein. Im Gang mit den Konserven sucht er seine Lieblingsoliven. Dabei sieht er aus den Augenwinkeln, wie ein älterer Mann versucht, etwas aus dem obersten Regal zu greifen. „Warten Sie, ich helfe Ihnen. Was möchten Sie denn?“, fragt er und geht auf den Herrn zu. „Danke, sehr freundlich. Die Rote Bete bitte dort oben“, erwidert dieser und nimmt lächelnd das Glas entgegen. Nach dem Bezahlen fährt er nach Hause, verstaut die Einkäufe und bereitet sich sein Essen zu. Abends lässt er sich müde und doch glücklich ins Bett fallen. „Mal sehen, für wen ich morgen zum Nächsten werden kann“, geht ihm noch durch den Kopf.

Pastorin Henrike Lüers, lutherische Christus- und Kreuzkirchengemeinde Nordhorn

  • Drucken
  • Kommentare 0
  • rating rating rating rating rating
Newsletter abonnieren

Um Ihnen Newsletter schicken zu können, benötigen wir Ihre E-Mail-Adresse. Bitte melden Sie sich unten an oder registrieren Sie hier eine neue E-Mail-Adresse:

Bereits registriert?

Deine Auswahl kannst du jederzeit ändern. Du erhältst den Newsletter kostenfrei an die E-Mail-Adresse, die du in deinem Benutzerkonto hinterlegt hast.

>>> mehr GN-Newsletter

Vorschau
So erreichen Sie uns

Digital
Hilfecenter

Zentrale
Telefon 05921 707-0

Redaktion
Telefon 05921 707-300

Anzeigen
Telefon 05921 707-400

Abo-Service
Telefon 05921 707-500

E-Mail
gn@gn-online.de

Postanschrift
Grafschafter Nachrichten
Coesfelder Hof 2
48527 Nordhorn