23.04.2022, 12:00 Uhr

Zum Sonntag

Wenn alles still ist, geschieht am meisten

Da donnern sie wieder über Nordhorn hinweg, die Kampfflugzeuge. Und sie werfen ihre Übungsbomben ab über Nordhorn-Range. Fürchterliche Geräusche. Geräusche des Krieges. Geräusche des Todes. Gerade in diesen Zeiten ohren- und seelenbetäubend!

Wie laut ist unsere Welt! Das fällt einem erst dann auf, wenn man mitten im Heseper Feld plötzlich die totale Stille erlebt. Kein Geräusch, absolut nichts zu hören. Und doch geschieht genau in diesen Momenten der Stille Entscheidendes. Doch wie kann ich etwas hören, was nicht ist? Diese Gegenfrage stellt, wer nur die Außenseite der Dinge sieht. Die meisten Dinge in diesem Universum geschehen nämlich in der Stille, in der Dunkelheit. Beides meiden wir in unserer Kultur oft wie die Pest.

Marketingexperten wissen, dass die Dinge ins rechte Licht gesetzt werden müssen, wenn sie unsere Konsumlust entfachen sollen. Und sie wissen, dass Stille unsere Konsumlust hemmt. Deshalb gibt es in Supermärkten und anderen Verkaufsräumen viel Licht und oft irgendeine Gute-Laune-Musik im Hintergrund. Und manche Menschen werden ganz nervös, wenn es plötzlich ganz still um sie ist. Absolute Stille scheint für viele schwer auszuhalten zu sein.

Doch die grundlegenden Dinge geschehen in der Stille. Unsere Organe zum Beispiel arbeiten in der Stille, ohne dass je ein Licht auf sie gefallen ist. Und auch seelisch wissen wir, dass jenseits der vielen Gedanken, die oft in unserem Bewusstsein herumschwirren, noch viel mehr geschieht. Das taucht oft erst dann auf, wenn wir in die Stille gehen. Zum Beispiel dann, wenn wir schlafen und träumen.

Stille ist der Ort, an dem Gott uns begegnet. Elia, der Prophet, hat Gottes Gegenwart so erlebt: Ein mächtiger Sturm zieht auf, aber Gott ist nicht im Sturm. Ein Erdbeben erschüttert alles, aber Gott ist nicht im Erdbeben. Ein gewaltiges Feuer breitet sich aus, aber Gott ist nicht im Feuer. Und dann, ein leises Säuseln – Stille. Und in dieser Stille begegnet Elia Gott.

„Die größten Ereignisse – das sind ... unsere stillsten Stunden“, so schreibt der große Philosoph Friedrich Nietzsche. Das alltägliche Hintergrundrauschen ist unterbrochen. Vielleicht brauchen wir solche Unterbrechung gerade jetzt, in den lauten Zeiten eines unfassbaren und lauten Krieges. Einer Gewalteskalation, die kaum jemand noch für möglich gehalten hat. Ob die Antwort mit Gewalt auf Gewalt denn wirklich einen Ausweg eröffnet, ist und bleibt für mich sehr fragwürdig.

„Meine Seele ist stille zu Gott, der mir hilft!“ Worte des 62. Psalms. Keine fertigen Antworten, kein fertiges Lösungskonzept für unsere Fragen. Aber Zufluchtsort. Und den brauchen wir!

Wenn alles still ist, geschieht am meisten.

Jörg Düselder ist Pastor der reformierten Kirchengemeinde in Nordhorn