02.09.2022, 11:00 Uhr / Lesedauer: ca. 4min

Post vom Chefredakteur

7. Was in der Zeitung steht… sind keine „Fake News“

author Von Steffen Burkert

Liebe Leserinnen, liebe Leser!

Die Medien verstehen sich als „Vierte Gewalt“, und einige Beispiele in vorherigen Folgen dieser Serie zeigen, dass Journalisten dieser Rolle durchaus gerecht werden – und dass sie gerade in Zeiten immer komplexer werdender Netzwerke und weltweit agierender Konzerne dringend als Anwälte der Bevölkerung, als Hüter der Demokratie gebraucht werden.

Aber: So werden Journalisten nicht von allen wahrgenommen. Im Gegenteil: Sie gelten ausgerechnet in dieser Zeit manchen als Vertreter des „Systems“, als „Systempresse“, als „Lügenpresse“, als manipuliert und manipulierend.

Ausgerechnet diejenigen, die aus Eigeninteresse ganz unverhohlen die Unwahrheit sagen, werfen den Medien, die diese Unwahrheiten aufdecken, vor, sie würden „Fake News“ verbreiten – und stellen dem ihre eigenen sogenannten „alternativen Fakten“ entgegen, die oft nichts anderes sind als die nächsten dreisten Lügen.

Plötzlich glauben viele nicht mehr den Medien, die Politiker oder Wirtschaftsbosse kontrollieren und öffentlich kritisieren. Sondern sie stimmen im Gegenteil ein in eine teilweise hasserfüllte Medienschelte, für die Politiker vom US-amerikanischen Ex-Präsidenten bis zu AfD-Ortsvorsitzenden offene Ohren finden. Diejenigen, die Macht haben oder nach Macht streben, haben es sehr erfolgreich geschafft, diejenigen zu diskreditieren, die Macht kontrollieren und beschränken.

Medien-Bashing

Wie konnte das geschehen? Ein wesentlicher Grund für den Vertrauensverlust ist zweifellos, dass Populisten gezielt „Medien-Bashing“ betreiben – und dank neuer, digitaler Kanäle damit viel mehr Menschen ungefiltert erreichen, als ihnen dies noch vor wenigen Jahren möglich gewesen wäre. Sie tun dies, um eigene Ziele zu befördern und zugleich Kritik am eigenen Verhalten zu unterbinden. Putin mit seinen seit vielen Jahren aktiven russischen Troll-Fabriken und Trump mit unverhohlenen Lügen auf Twitter haben es vorgemacht, AfD und andere eifern ihnen in Deutschland nach. Das sorgt für Verunsicherung, für Misstrauen, Spaltung und Hass.

Aber es wäre falsch und viel zu einfach, den Grund für den Vertrauensverlust der Medien allein bei Trump & Co. zu suchen. Auch wir selbst, wir Journalisten haben dazu beigetragen, ihnen den Boden zu bereiten, haben die Voraussetzungen dafür geschaffen, dass sie ein bereits latent vorhandenes Misstrauen so erfolgreich für ihre populistischen Kampagnen nutzen konnten. Viele von uns hatten es sich tatsächlich zu bequem gemacht, haben sich zu stark der „Obrigkeit“ angenähert, haben viel zu wenig die Perspektive der Bürger eingenommen, deren Anwalt wir doch sein sollen und wollen.

Zu sehr Teil des „Systems“

In Leserbefragungen wird uns „Verlautbarungsjournalismus“ und „Hofberichterstattung“ vorgeworfen. Einen Journalisten trifft solch ein Vorwurf mitten in der Berufsehre. Der erste Reflex ist daher häufig, ihn empört von sich zu weisen. Es hat etwas gedauert, bis bei uns die Erkenntnis reifte, dass unsere Leser Recht haben. Die Vorwürfe mögen zugespitzt, überzogen und dadurch vielfach ungerecht sein. Aber im Kern sind sie treffend. Wir haben zu viel mit Bürgermeistern, Fraktionsvorsitzenden, Behördenleitern und Geschäftsführern, kurz: mit Entscheidern gesprochen. Und zu wenig mit den Menschen, die deren Entscheidungen betreffen. Wir, die Medien insgesamt, waren tatsächlich mehr und mehr zu einem Teil des „Systems“ geworden, statt uns als kritische Beobachter und Kontrolleure desselben zu positionieren.

Was können wir dagegen tun? Als Profis in den Redaktionen müssen wir weiterhin gründlich und gewissenhaft arbeiten, müssen unsere Arbeit aber auch auf den Prüfstand stellen, dürfen Kritik nicht vorschnell als unberechtigt abtun, müssen aus Fehlern – die zweifellos passieren – lernen. Vor allem aber müssen wir Kurs halten und auch unter Druck unsere Unabhängigkeit wahren.

Faktenchecks

Ein Beispiel dafür, wie sich die Arbeit von Journalisten durch den Druck, ihre Glaubwürdigkeit stärker untermauern zu müssen, verändert hat, sind „Faktenchecks“, wie wir sie seit einigen Jahren auch in den GN und auf GN-Online veröffentlichen. Macht eine Corona-Impfung wirklich unfruchtbar, wie einige Impf-Gegner warnen? Sind deutsche Autobahnen tatsächlich die sichersten Straßen, wie mancher Verkehrspolitiker behauptet? Und was ist dran an der Beschwichtigung, dass die Klimawirkung von CO2 gar nicht bewiesen sei? Solchen Behauptungen, die öffentlich verbreitet werden, gehen Journalisten vermehrt nach.

Ihre Faktenchecks sind also streng genommen Behauptungs-Checks: „Stimmt das?“ oder „Ist das wirklich so?“ Mit diesen grundlegenden Fragen überprüfen Journalisten aktuelle, gesellschaftlich relevante Behauptungen. Wichtig ist dabei, dass sie diese nicht nur überprüfen, indem sie Fakten zusammentragen und bewerten. Sondern sie legen ganz bewusst und dezidiert auch ihre Recherchen offen, nennen und verlinken ihre Quellen.

Die Deutsche Presseagentur (dpa), über die ich bereits in einem früheren Newsletter geschrieben habe, hat zum Beispiel eine solche Rubrik eingerichtet. Sie begründet das so: „Die Faktenchecks sollen es […] den Leserinnen und Lesern ermöglichen, sich auch bei komplexen Themen eine eigene, auf Fakten gestützte Meinung zu bilden. Im Idealfall können die Leser damit unbegründete Vorurteile oder in die Irre führende Manipulationen hinterfragen und letztlich widerlegen. Es ist zudem ein Ziel der dpa, durch Faktenchecks die Leserinnen und Leser mit Recherche-Techniken im digitalen Zeitalter vertraut zu machen.“ Mündige Leser sollen also verstehen, wie Journalisten arbeiten, und so Vertrauen in deren Arbeit gewinnen.

Ich hoffe, dass auch meine Serie (hier alle Folgen im Überblick), die mit der heutigen Folge endet, dazu beitragen konnte: dass Sie verstehen, wie wir Journalisten arbeiten, und so Vertrauen in unsere Arbeit gewinnen.

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