12.08.2022, 11:00 Uhr / Lesedauer: ca. 5min

Post vom Chefredakteur

4. Was in der Zeitung steht… können Sie selbst beeinflussen

author Von Steffen Burkert

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

die Regeln, nach denen Nachrichten in einer Redaktion ausgewählt, aufbereitet und gewichtet werden, habe ich in den erster Folgen meiner Serie bereits in Ansätzen erläutert. Vor allem habe ich darauf hingewiesen, dass sich diese Regeln kaum in wenigen Sätzen allgemeinverbindlich benennen lassen, dass letztlich immer auch subjektive Entscheidungen der Redakteure einfließen.

Man könnte auch sagen: Redakteure haben Zeitung lange überwiegend „nach Bauchgefühl“ gemacht. Das bedeutet nicht, dass sie willkürlich agieren. Das Bauchgefühl beruht auf Ausbildung, Erfahrung, gesundem Menschenverstand. Aber ob wir tatsächlich den Bedürfnissen und Interessen unserer Leser gerecht werden, ist für uns bei reinen Print-Produkten schwer in Erfahrung zu bringen.

Was wünschen unsere treuen Abonnenten?

Redakteure von Boulevardzeitungen wissen dies noch am ehesten, denn sie haben Tag für Tag die aktuellen Verkaufszahlen genau im Blick. Ob eine Titelseite, eine Schlagzeile, ein Aufmacherbild das Interesse der Leser trifft, entscheidet sich täglich neu am Kiosk und schärft so die Sinne der Boulevardjournalisten für den Geschmack des Publikums.

Redakteure von Abonnementzeitungen haben diese regelmäßige Rückmeldung nicht. Ihre treuen Abonnenten entscheiden nicht Tag für Tag mit Blick auf die Schlagzeilen, ob sie die Zeitung kaufen oder nicht, sondern sie haben sich langfristig dafür entschieden. Sie holen ihr Exemplar auch nicht am Kiosk, sondern bekommen es frei Haus geliefert. Sie müssen nicht jeden Morgen aufs Neue zum Kauf animiert werden, sondern sollen dauerhaft zufriedengestellt und an die Zeitung gebunden werden.

Deshalb titeln und berichten Abo-Zeitungen in der Regel auch sachlicher, weniger reißerisch als Boulevardblätter. Verkaufszahlen geben den Redakteuren von Abonnementzeitungen also nur sehr langfristig eine Rückmeldung, wie zufrieden die Abonnenten mit ihrer Zeitung sind.

Und egal, ob Abo oder Einzelverkauf: Wer welchen Artikel wie intensiv liest, welcher Leser was von welchem Inhalt hält – das bleibt den Journalisten bei gedruckten Zeitungen weitgehend verborgen. Ehe jemand anruft, einen Leserbrief schreibt oder gar das Abo kündigt, muss meist viel passieren. Und dann sind die wenigen Rückmeldungen, die der Redakteur von den Abonnenten der gedruckten Zeitung bekommt, zunächst einmal Einzelmeinungen. Mit einer Zeitung für möglichst alle Grafschafter werden wir es nie allen recht machen können.

Um wirklich ein repräsentatives Bild zu ermitteln, ist eine umfassende Marktanalyse erforderlich, wie sie die GN vor wenigen Jahren durchgeführt haben. Wir haben daraus einiges gelernt. Aber solche repräsentativen Studien kosten viel Zeit und viel Geld und müssten zudem regelmäßig wiederholt werden, um tatsächlich nachhaltigen Einfluss auf die tägliche Arbeit der Journalisten nehmen zu können.

Was unsere Leser lesen, sehen wir in Echtzeit

Kurzum: Über viele Jahrzehnte haben Redakteure die Zeitung weitgehend so gemacht, wie sie es für richtig hielten – und ihre Leser haben das Endprodukt weitgehend so hingenommen, wie es eben war.

Das ist heute völlig anders. Welches Thema wen zu welcher Zeit in welcher Aufmachung wie stark interessiert, wissen wir in den Zeiten des Online-Journalismus ständig und in Echtzeit. Entsprechende Statistiken laufen bei uns am Newsdesk, unserer Nachrichtenzentrale, permanent über die Monitore. Erfreulich oft merken wir, dass unser Bauchgefühl passt: Die Themen, die wir Redakteure als besonders interessant für unsere Leser einstufen, werden auch tatsächlich am häufigsten angeklickt, am intensivsten gelesen. Aber wir werden auch immer wieder überrascht, weil Themen, die wir selbst als nicht sonderlich stark eingestuft haben, auf unerwartet großes Interesse stoßen – oder aber, weil ein vermeintliches Topthema kaum Leser findet.

Die Gewichtung der Themen auf der Startseite, der Titelseite von GN-Online, orientiert sich daher nicht nur an der Steuerung durch uns Redakteure, sondern automatisiert auch an den Interessen und am Verhalten unserer Leser. Und das wird in Zukunft noch viel stärker der Fall sein.

Wir Journalisten schauen uns das Verhalten unserer Leser auf den digitalen Kanälen sehr genau an. Und die Erkenntnisse, die wir daraus ziehen, fließen direkt in unsere Arbeit ein. Aus Marktanalysen wissen wir: Ein Thema, das im Webportal sehr häufig geklickt wird, findet auch in der gedruckten Tageszeitung viel Beachtung. Und deshalb wird es in der Regel auch dort einen entsprechend prominenten Platz finden.

Daten ergänzen das Bauchgefühl

Daten ergänzen also mehr und mehr das Bauchgefühl der Journalisten – ein Prozess, der noch lange nicht abgeschlossen ist und Zeitungen stärker verändern wird, als manchem heutzutage vielleicht bewusst ist. Was zählt, ist nicht mehr allein die persönliche Entscheidung eines Redakteurs oder einer Redaktionskonferenz. Es zählt auch das Verhalten der „Crowd“, des „Schwarms“, also der Vielzahl unserer Leser.

Und es zählen auch das Verhalten, die Vorlieben und Interessen jedes Einzelnen, der, wenn er möchte, seinen ganz persönlichen, auf ihn allein zugeschnittenen Bereich auf der Homepage bekommen kann. „Meine GN“ – diesen Bereich gibt es auf GN-Online bereits, und er wird sich weiter entwickeln.

Der Draht zur Redaktion ist kürzer geworden

Aber die Leser beeinflussen unsere Arbeit nicht nur passiv aufgrund ihres Nutzungsverhaltens, sondern auch aktiv. Sie können viel leichter und schneller persönlich Kontakt zu einem Redakteur aufnehmen, als noch vor wenigen Jahren. Zum Telefon zu greifen oder einen Brief zu schreiben, bedeutet eine recht hohe Hürde. Auf dem Smartphone einen schnellen Kommentar zu diktieren, auf Facebook „Gefällt mir“ zu klicken oder eine formlose E-Mail zu senden, geht viel einfacher, unkomplizierter, schneller.

Und diese Möglichkeiten nutzen unsere Leser. Eine wesentliche Aufgabe unserer Nachrichtenzentrale in der Redaktion ist daher längst die direkte Kommunikation mit unseren Lesern. Deren Anregungen, Kritik, Korrekturen fließen sofort in unsere Arbeit ein. Denn viele dieser Rückmeldungen kommen ja, bevor die Zeitung von morgen gedruckt ist. So können Reaktionen, die uns auf einen Online-Artikel oder einen Facebook-Post erreichen, nicht nur in eine aktualisierte Fassung im Web eingebaut werden, sondern auch noch in den Bericht für die Zeitung von morgen. Unsere Leser tragen also auf vielfältige Weise dazu bei, dass wir und unsere Arbeit besser werden.

Nehmen Sie Einfluss!

Für uns Tageszeitungsredakteure war das anfangs ungewohnt. Wenn wir früher einen Artikel geschrieben haben, dann haben ihn vielleicht ein Kollege und der Chefredakteur in Augenschein genommen, ehe er gedruckt und dann am nächsten Morgen von Tausenden Grafschaftern gelesen wurde. Heute hingegen wird ein Artikel meist schon während der Arbeitszeit des Autors, ja manchmal, wenn wir bei aktuellen Ereignissen häufig aktualisieren, sogar noch während des Entstehungsprozesses von Hunderten gelesen, bewertet, kommentiert, ergänzt, verrissen – und der Autor erfährt dies ganz unmittelbar, kann darauf reagieren, muss sich vielleicht rechtfertigen, kann ergänzen und aktualisieren.

Sie als Leserinnen und Leser müssen die Zeitung also längst nicht mehr so hinnehmen, wie sie ist. Sie können Einfluss nehmen auf die Arbeit der Journalisten – indirekt durch Ihr Leseverhalten in den digitalen Kanälen, aber auch ganz direkt durch Kommentare, Bewertungen, Nachrichten an die Redaktion.

Nutzen Sie diese neuen Möglichkeiten! Der Journalismus kann dadurch nur besser werden.

PS: Haben Sie auch den Eindruck, dass der Journalismus eher die dunkle als die helle Seite der Welt abbildet? Das stimmt. Warum, erkläre ich in der nächsten Folge meiner Serie.

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