26.08.2022, 11:00 Uhr / Lesedauer: ca. 4min

Post vom Chefredakteur

6. Was in der Zeitung steht… ist leider nicht immer richtig

author Von Steffen Burkert

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

Journalisten sind Menschen, und Menschen machen Fehler. Wenn Journalisten Fehler machen, steht das am nächsten Tag in der Zeitung – oder schon in der nächsten Minute im Internet. Es ist Kern und Sinn unseres Berufs, dass unsere Arbeit oder zumindest die Ergebnisse unserer Arbeit öffentlich sind. Dadurch stehen wir auch im Fokus der Öffentlichkeit, sind wir Kritik besonders stark ausgesetzt. Darüber dürfen wir uns nicht beschweren, im Gegenteil. Das Schlimmste, was uns passieren könnte, wäre ja, wenn unsere Arbeit nicht wahrgenommen würde und es den Lesern egal wäre, ob das, was in der Zeitung steht, überhaupt richtig ist.

Bitte lesen Sie mit Verstand!

Journalisten unterlaufen manchmal haarsträubende Fehler. Sie als Leser sollten uns Journalisten daher niemals alles glauben. Die wichtigste Regel beim Konsumieren von Nachrichten lautet: Lassen Sie ihren eigenen gesunden Menschenverstand eingeschaltet – und benutzen Sie ihn bitte auch!

Ein Beispiel: Manche Journalisten tun sich schwer mit Zahlen. Das fängt bei der korrekten Umrechnung von Maßeinheiten an: Wieviel Kilogramm hat eigentlich ein Zentner? (50) Wie groß ist noch mal ein Hektar? (10.000 Quadratmeter) Wenn Ihnen Werte in der Zeitung viel zu groß oder zu klein vorkommen, rechnen Sie ruhig mal nach… Das gilt erst recht, wenn Journalisten Statistiken interpretieren, die sich ja häufig in ganz unterschiedliche Richtungen deuten lassen. Auch hier gilt: Nichts blind glauben, immer mitdenken.

Und wenn Ihnen Fehler auffallen: Weisen Sie den Journalisten bitte darauf hin! Wie leicht das heutzutage geht, habe ich ja in der vorherigen Folge dieser Serie beschrieben. Wenn Sie das dann sogar noch freundlich und ohne allzu oberlehrerhaften Ton tun, wird er Ihnen dafür dankbar sein und seinen Fehler schnellstmöglich korrigieren. Idealerweise korrigiert er ihn sogar so transparent, dass die Korrektur anschließend für jeden weiteren Leser als solche erkennbar ist.

Vorsicht bei Skandalen und Sensationen!

Vorsicht ist auch immer dann geboten, wenn Journalisten mit einer Sensation oder einem Skandal aufwarten. Journalisten neigen zu Übertreibungen, insbesondere dann, wenn sie nicht in erster Linie für langjährige Abonnenten schreiben, sondern ihre Story auf dem Boulevard oder im Internet zu Markte getragen wird. Natürlich: Es gibt Skandale und es gibt Sensationen, und Journalisten dürfen und sollen sie auch als solche benennen. Aber nicht jeder Skandal ist so skandalös und nicht jede Sensation so sensationell, wie einzelne Medien sie darstellen.

Deshalb: Vergleichen Sie, bedienen Sie sich möglichst mehrerer unterschiedlicher Medien. Dann entwickeln Sie bald ein Gespür dafür, wem sie erfahrungsgemäß vertrauen können und bei wem Sie eher skeptisch sein sollten; wer seriös einordnet und wer für eine knackige Schlagzeile auf dem Titel gerne mal übers Ziel hinausschießt.

Kontrolle durch Nähe

Ein solcher Vergleich ist, zugegeben, bei den vielen großen, überregionalen Medien einfacher als bei der Lokalzeitung, von der es in vielen Regionen nur eine einzige gibt. Allerdings sind die lokalen Medien per se weniger anfällig für Übertreibungen, Dramatisierungen oder Verharmlosungen als die überregionalen. Das zeigt beispielhaft der „Fall Relotius“, der 2018 für einigen Wirbel sorgte. Claas-Hendrik Relotius ist ein junger Journalist, der für seine Reportagen vielfach ausgezeichnet wurde. Er schrieb für die renommiertesten deutschen Zeitungen und Magazine und galt als einer der besten deutschsprachigen Reporter. Bis sein Arbeitgeber, „Der Spiegel“, im Dezember 2018 öffentlich machte, dass Relotius vor allem eines war: ein Betrüger. Seine preisgekrönten Reportagen waren über weite Strecken verfälscht, übertrieben, inszeniert oder gar schlichtweg erfunden.

Ich behaupte: In einer Lokalredaktion kann das ebenfalls passieren, aber nicht in diesem Ausmaß und über einen so langen Zeitraum. Denn die Leser einer Lokalzeitung sind viel näher dran an den Themen und an den Protagonisten, über die berichtet wird. Wenn ein Journalist wie Claas Relotius oder der ebenfalls als Fälscher bekannt gewordene Tom Kummer ein Interview ganz oder in Teilen erfindet, dann fällt dies vielleicht niemandem auf, wenn der Interviewte irgendwo in Übersee lebt, während das Interview ausschließlich im deutschsprachigen Raum gelesen wird. Lebt und arbeitet der Interviewte jedoch in derselben Region wie die Leser, dann werden handwerkliche Fehler oder gar betrügerisches Vorgehen eines Journalisten viel eher bemerkt. Ich bin mir sicher: Legte ein Grafschafter Journalist einem Grafschafter Politiker ein erfundenes Zitat in den Mund, dann erführe die Redaktion das sehr schnell.

Das bedeutet nicht, dass Sie die Arbeit eines Lokalredakteurs nicht genauso kritisch hinterfragen sollten wie die aller anderen Journalisten. Aber es bedeutet, dass Sie bei Lokalzeitungen stärker auf die korrigierende Kraft der Nähe vertrauen können, die zwischen dem Berichterstatter, seinen Themen und seinen Lesern besteht.

Glaubwürdigkeit ist für Medien ein ganz wichtiges Gut. Glaubwürdigkeit unterscheidet sie von vielen anderen Akteuren vor allem in digitalen Netzwerken, die dort Allerlei völlig ungeprüft als angebliche Fakten veröffentlichen. Deshalb sind Fehler ärgerlich und Betrügereien existenzgefährdend für einen Journalismus, der letztlich darauf angewiesen ist, dass Menschen ihm vertrauen.

PS: Fehler in der Zeitung sind übrigens nicht gleichzusetzen mit „Fake News“. Um den Unterschied geht es in der nächsten – und letzten – Folge meiner Serie.

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