29.07.2022, 11:00 Uhr / Lesedauer: ca. 6min

Post vom Chefredakteur

Was in der Zeitung steht… ist immer nur ein Teil der Wirklichkeit

author Von Steffen Burkert

Liebe Leserinnen, liebe Leser!

Eine Zeitung oder eine Nachrichtensendung liefert nie ein komplettes Abbild der Wirklichkeit. Journalisten sind keine Protokollführer, sie müssen und können keineswegs „alles“ berichten, was geschieht. Das wäre ja auch gar nicht möglich. Journalisten wählen aus, lassen weg, ordnen ein, gewichten. Das ist ihre Aufgabe. Wie sie das tun, darüber möchte ich Ihnen heute – im zweiten Teil meiner Serie – berichten.

Journalisten beschreiben in der Regel nicht das Alltägliche, das Erwartbare, das Selbstverständliche. Sondern sie berichten vor allem über das, was eben nicht alltäglich und selbstverständlich ist, was nicht zu erwarten, sondern im Gegenteil überraschend war. Ein Beispiel, das jeder Journalist in seiner Ausbildung zu hören bekommt, lautet: „Hund beißt Mann“ ist keine Nachricht, „Mann beißt Hund“ hingegen sehr wohl.

Das Normale ist halt normal – und daher keine Nachricht

Zudem berichten Journalisten weniger über das, was gleich geblieben ist, und mehr über das, was sich verändert hat. Sie bilden also nicht in jeder Ausgabe, in jeder Sendung die gesamte Wirklichkeit ab, sondern lediglich die wichtigsten Veränderungen seit Erscheinen der vorherigen Ausgabe.

Wer Zeitung liest, Fernsehen schaut oder durchs Internet surft, sollte sich dieser Nachrichtenauswahl bewusst sein. Nur, weil die Journalisten über so viele ungewöhnliche Dinge berichten, bedeutet dies nicht, dass nichts Gewöhnliches mehr passiert, dass die ganze Welt verrückt geworden ist. Aber das Normale ist eben normal und damit weniger interessant und berichtenswert als das Unnormale, Überraschende, Unerwartete. Beispiele:

  • Wenn ein großes Unternehmen in der Grafschaft entweder einen Großauftrag bekommt und deshalb Mitarbeiter sucht, oder aber mangels Aufträgen viele Mitarbeiter entlassen muss, dann hat das einen größeren Nachrichtenwert, als wenn in derselben Firma alles seinen gewohnten Gang nimmt.
  • Wenn ein prominenter Parteifreund auf Oppositionskurs zu den eigenen Leuten geht, dann ist das relevanter, als wenn auch die Opposition mal wieder den Landrat oder den Bürgermeister einer konkurrierenden Partei kritisiert.
  • Und ein Bombenanschlag in einer Stadt, in der es bislang friedlich zuging, wird einen viel größeren medialen Widerhall finden als ein Anschlag in einer Stadt, in der seit Jahren Krieg herrscht und täglich Menschen sterben – weil der gewaltsame Tod in der einen überraschend kam, während er in der anderen leider längst zum Alltag gehört.

Diese Art der Auswahl und Gewichtung von Nachrichten gilt übrigens nicht nur für den Journalismus, sondern ist ein ganz typisches menschliches Verhalten. Wenn Sie abends von der Arbeit kommen und ihre Familie fragen, was an diesem Tag denn so losgewesen sei, dann werden Sie vermutlich nicht zu hören bekommen,

  • dass die Kinder morgens wieder zur Schule gefahren sind,
  • dass alle Geräte im Haus reibungslos funktionieren
  • und dass die Nachbarn dieselben sind wie seit 20 Jahren.

Sondern die Familie wird Ihnen womöglich berichten,

  • dass die Tochter überraschend eine Zwei in Mathe geschrieben hat,
  • dass die Heizung ausgefallen ist
  • oder dass es aus heiterem Himmel Ärger mit dem Nachbarn gab.

Die Familie wird Ihnen also kaum erzählen, was selbstverständlich und alltäglich war, sondern was sich verändert hat und deshalb berichtenswert ist. „Küchenzuruf“ nennen wir Journalisten diese sehr einfache und anschauliche Methode zum Testen, was eine relevante Nachricht ist – und was eher nicht.

Und berichtenswert ist eben vor allem das, was einen Neuigkeitswert hat – und zudem einen Informationswert. Einen Neuigkeitswert hat im Prinzip alles, was Sie bislang nicht wussten. Das allein reicht aber nicht aus, um eine Nachricht für Sie zu sein. Es gibt vieles, was Sie nicht wissen – und was Sie auch gar nicht wissen müssen und gar nicht wissen wollen. Auch eine Neuigkeit hat erst dann für Sie einen Nachrichtenwert, wenn sie zusätzlich für Sie relevant ist.

Was uns fern ist, geht uns nicht so nahe

Besonders relevant ist eine Nachricht, die Sie direkt betrifft. Beispiel: „Bundestag erhöht Mehrwertsteuer“. Relevant ist aber auch eine Nachricht, die Sie betreffen könnte. Ein Terroranschlag in einer nahen Hauptstadt oder in einem Urlaubort, der bei vielen Deutschen beliebt ist, in dem Sie selbst oder Bekannte vielleicht sogar schon mal waren, betrifft uns stärker und macht uns daher auch betroffener als ein Anschlag in einer uns unbekannten Stadt irgendwo in einem fremden Land. Denn der erste hätte uns oder unser persönliches Umfeld möglicherweise auch betreffen können, der zweite hingegen eher nicht.

Das ist manchmal schwer zu akzeptieren, ja es ist zynisch. Denn bei beiden Anschlägen sind Menschen ums Leben gekommen, ist unsägliches Leid entstanden. Aber es liegt eben in der Natur des Menschen, dass uns Dinge, die uns fern sind, nicht so nahegehen. Und daran orientieren sich auch die Medien.

Was ist „das Wichtigste vom Tage“?

Wie Ihre Familie am Abendbrottisch, so liefert auch eine Zeitung oder eine Nachrichtensendung nicht alles, sie liefert „das Wichtigste vom Tage“. Das ist der Anspruch der Nachrichtenmedien, und das erwarten die Leser und Zuschauer von ihnen. Aber was ist „das Wichtigste vom Tage“? Das ist relativ, das hängt davon ab, was und wieviel an diesem Tag passiert ist. Auch das ist, um bei meinem Beispiel zu bleiben, am Abendbrottisch nicht viel anders als in einer Redaktionskonferenz.

Wenn Ihre Tochter in Mathe eine Zwei schreibt, dann ist das für sie die Nachricht des Tages – es sei denn, sie hat am selben Tag in Englisch sogar eine Eins. Dann verliert die Zwei in Mathe womöglich an Bedeutung. Wenn ein Politiker eine Forderung erhebt oder der Bundestag ein Gesetz beschießt, dann kann auch diese Nachricht an einem Tag sehr prominent auf den Titelseiten stehen – während exakt dasselbe Ereignis an einem anderen Tag viel kleiner und viel weiter hinten auftaucht oder womöglich gar keine Erwähnung findet. Weil es nämlich ereignisreiche und ereignisarme Tage gibt und damit auch nachrichtenreiche und nachrichtenarme.

Nachrichten konkurrieren um Platz und Sendezeit

Es ist eben nicht so, dass an jedem Tag exakt so viel passiert, wie in eine Zeitung passt. Der Platz auf einer Zeitungsseite – und übrigens auch ganz oben im sichtbarsten Bereich einer Internetseite – ist ebenso begrenzt wie Sendezeiten im Fernsehen und im Radio. Nachrichten, und damit auch deren Protagonisten, konkurrieren um diesen Platz und um diese Zeit.

Das ist ärgerlich für Menschen, denen es wichtig ist, wie groß und wie prominent sie in der Zeitung stehen. Politiker kurz vor einer Wahl, zum Beispiel. Da stoßen wir Redakteure manchmal auf wenig Verständnis, wenn der Bericht über den einen kleiner ausfällt als der über den anderen. Und glauben Sie mir: Manche Betroffene (nicht nur Politiker!) zählen jede Zeile. Sie vermuten hinter selbst kleinen Abweichungen dann womöglich Absicht, Parteilichkeit, gar Böswilligkeit. Dabei hatte der eine vielleicht einfach Glück und der andere Pech mit der Nachrichtenkonkurrenz am jeweiligen Tag.

Wie uns schlechte Nachrichten untergejubelt werden

Politprofis wissen das übrigens und platzieren Nachrichten durchaus geschickt genau dann, wenn die Nachrichtenlage eher dürftig ist. Achten Sie mal darauf: Ihnen völlig unbekannte Namen von Hinterbänklern im Bundestag hören Sie in den Nachrichten am ehesten an Wochenenden und Feiertagen oder gerade jetzt während der Sommerferien. Sie äußern sich nämlich bevorzugt genau dann, wenn sich die wirklich wichtigen Politiker ausnahmsweise mal weniger zu Wort melden.

Und die wirklich wichtigen Politiker teilen unangenehme Wahrheiten gerne zu einem Zeitpunkt mit, an dem sich das Nachrichtenkarussell gerade besonders schnell dreht und sie hoffen dürfen, dass ihre unerfreuliche Botschaft wenig Beachtung finden wird, weil sie von anderen aktuellen Nachrichten überlagert wird. Es ist also kein Zufall, wenn weitreichende politische Entscheidungen manchmal ausgerechnet in der entscheidenden Phase einer Fußball-Weltmeisterschaft gefällt werden. Sie werden uns dann im wahrsten Sinne des Wortes „untergejubelt“.

Was in der Zeitung steht… ist also immer nur ein Teil der Wirklichkeit. Und es ist auch nie objektiv, auch wenn viele Leserinnen und Leser das erwarten. Warum das so ist, darum wird es in der nächsten Folge meiner Newsletter-Serie gehen.

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