10.06.2022, 11:00 Uhr / Lesedauer: ca. 4min

Post vom Chefredakteur

Von wegen Besserwisser: Wir stellen die Fragen für Sie!

author Von Guntram Dörr

Liebe Leserinnen und Leser,

wenn auch Sie der Meinung sind, dass wir Journalisten gelegentlich wie Besserwisser aufträten, dann liegen Sie nicht ganz falsch. TV-Talkshows und andere Fernsehformate bringen leider diese schlechte Eigenschaft bei dem ein oder anderen Kollegen zum Vorschein, der damit ein falsches Rollenbild transportiert. Denn die Aufgabe eines Medienschaffenden, egal ob für Zeitungen, den Rundfunk oder einen Onlinedienst, ist es, Fragen zu stellen und aus denen die notwendigen Antworten herauszuholen, die Experten sind oder zumindest Verantwortung tragen.

Bleiben wir bei der klaren Rollenverteilung

Wir sind nicht zuständig für Lösungen, sehr wohl aber dafür, Schwachstellen und Missstände zu erkennen, Unklarheiten zu beseitigen oder zumindest doch eine berechtigte Neugier bei unserem Publikum zu stillen. Wer sich erinnern möchte: Von 1963 an moderierte der ehemalige ZDF-Chefredakteur Reinhard Appel die Gesprächsrunde „Journalisten fragen – Politiker antworten“ über einen Zeitraum von fast 30 Jahren. Klarer könnte eine Rollenverteilung nicht beschrieben werden. Ich bin dafür, dass wir in unserer pluralistischen Gesellschaft strikt dabei bleiben.

Fragen will gelernt sein

Im Informationsgeschäft ist die Frage ein Kernelement, sie ist das Recht und die Pflicht der Presse. Zu den Bestandteilen eines Volontariats bei den Grafschafter Nachrichten gehört es für die Ausbildungsredakteure Laura Strempel und Jonas Schönrock, dem aufstrebenden Berufsnachwuchs eine möglicherweise vorhandene Scheu zu nehmen, es könnte dem Gegenüber unangenehm sein, gefragt zu werden. Das fängt bei der Formulierung an. Sie benötigt nichts Relativierendes, gar einen entschuldigenden Unterton nach dem Motto „Ich hätte da eine Frage an Sie“ oder „Wenn es Ihnen recht ist, würde ich gerne wissen…“. Wir fragen ja nicht aus persönlichem Interesse, sondern stellvertretend für die Öffentlichkeit.

Meister Röhrich macht das vorbildlich

Droht ein Defizit der öffentlichen Hand, muss ein Kämmerer sich fragen lassen: „Trifft es zu, dass die städtischen Finanzen in den Keller gerutscht sind?“ Gerät ein Unternehmen in Schieflage, darf der Chef nicht einschnappen, wenn ein Journalist von ihm wissen will: „Haben Sie vor, Personal zu entlassen?“ Um dem Ganzen etwas von seiner Bedeutungsschwere zu nehmen: Die klarste aller Ansprachen, an die ich mich erinnere, stammt vom Handwerksmeister Röhrich im legendären ersten Teil der „Werner“-Filme: „Frau Hansen, ich frach Sie, is bei Ihnen schon mal ein Schnüffelstück gesetzt worden?“

Journalisten fragen - Sportler antworten: Während der Sportgala 2020 im Nordhorner Euregium war das kein Problem, wie das Interview von Rudi Cerne mit dem Schwimmer Bernd Horstmann zeigt. ZDF-Reporter Nils Karben allerdings erlitt Schiffbruch, als er jüngst den Fußballer Toni Kroos vors Mikrofon bekam. Foto: Westdörp

© Westdörp, Werner

Journalisten fragen - Sportler antworten: Während der Sportgala 2020 im Nordhorner Euregium war das kein Problem, wie das Interview von Rudi Cerne mit dem Schwimmer Bernd Horstmann zeigt. ZDF-Reporter Nils Karben allerdings erlitt Schiffbruch, als er jüngst den Fußballer Toni Kroos vors Mikrofon bekam. Foto: Westdörp

Fanden Sie auch, das waren „Scheißfragen“?

Weil Sie es wahrscheinlich schon ahnen, liebe Leserinnen und Leser, ich will natürlich auf ein Interview zu sprechen kommen, das jüngst für erhebliche Schlagzeilen gesorgt hat. Der ZDF-Reporter Nils Karben hat versucht, es nach dem Abpfiff des Championsliga-Endspiels mit dem deutschen Fußballprofi Toni Kroos zu führen. Karben hatte den ehemaligen Nationalspieler inmitten des Siegestaumels auf dem Rasen vors Mikro bekommen und wollte sinngemäß von ihm wissen, ob der Erfolg seiner Mannschaft Real Madrid gegen den FC Liverpool nicht doch eher glücklich gewesen sei, weil der Gegner im Grunde überlegen war. Kroos fand, das seien „Scheißfragen“. Der Reporter geriet ins Stottern, der Sportler ging davon.

Wer hatte da etwas verkehrt gemacht oder falsch verstanden? Selbst in der GN-Sportredaktion sind die Meinungen geteilt. Frank Hartlef findet, Kroos sei schon vor der ersten Frage auf Krawall gebürstet gewesen, so verhalte sich kein Profi. Martin Lüken hat Verständnis für den Leistungssportler, der gerade ein Laufpensum von mehr als zwölf Kilometer auf dem Platz absolviert hatte und einen tatsächlich eher unerwarteten Triumph auskosten wollte.

Vollkommene Entfremdung von der Realität

Die Szene im Endspiel-Stadion ist ein Klick-Gigant im Internet und Gegenstand weitreichender Analyse. Sie kennzeichnet aus meiner Sicht in erster Linie die vollkommene Entfremdung der Berufsfußballbranche von der Realität. Nicht weil Kroos patzig wurde, geschenkt. Er hat nie gelernt, den Wert von unabhängigem Journalismus zu erkennen. Wie aber darüber gesprochen und gestritten wird, dass dem Fußballspieler Toni Kroos vom Reporter zunächst Lob und Anerkennung gezollt werden müssten, zeugt von der eigenen Überhöhung einer kleinen Bevölkerungsgruppe, die in einer Parallelwelt lebt.

Diese jungen Männer sind mit viel Talent gesegnet und müssen gewiss Drucksituationen aushalten – vor 70.000 Menschen im Stadion oder auf den Social-Media-Plattformen mit ihrer abscheulichen Hasskultur. Dafür streichen sie ein üppiges Salär ein, dass weit über dem liegt, was im Kern als Verdienst bezeichnet werden könnte. Würde ein solcher Sportler wegen zu arger Belastung um Verständnis bitten, er erhielte von einem Schichtarbeiter in einem Nordhorner Industriebetrieb oder dem Pflegepersonal in einem Grafschafter Altenheim gewiss die passende Antwort.

Herr Bundeskanzler, wie war das Frühstück?

Natürlich hätte sich der ZDF-Mann, wie es ihm aus mehr oder weniger berufenem Munde entgegen schallt, bei dem Star von Real Madrid zunächst erkundigen können, wie er sich fühlt und was es ihm bedeutet, dass seine Kinder mit im Stadion waren. Das Interview wäre aber nach dem Übergang zum kritischen Teil nicht zwingend besser gelaufen. Umgekehrt wäre ich gespannt auf die öffentlichen Reaktionen, wenn der Bundeskanzler vor seiner Einschätzung der Lage in der Ukraine gefragt würde, ob ihm das Frühstück geschmeckt hat.

Wir werden weiterhin auf Augenhöhe fragen

Was mir unter dem Strich gefallen hat, waren die vielen Aussagen, die im Netz zu finden waren, künftig doch bitte auf Spontaninterviews mit Sportlern zu verzichten. Inhaltlich kommt ohnehin dabei nichts heraus. Dagegen werden die GN auch weiterhin Statements der Aktiven aus den vielen Disziplinen des Breitensports wiedergeben, die auf Augenhöhe entstehen und lesenswert sind. Wir werden Fragende bleiben.

PS: Für alle, die den Lehrling Werner und seinen Meister nicht kennen: Ein „Schnüffelstück“ ist ein selbsttätiger Entlüfter im Heizungs- und Sanitärbereich für Rohre und Behälter.

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