20.05.2022, 11:00 Uhr / Lesedauer: ca. 4min

Post vom Chefredakteur

Unser Platz als Lokaljournalisten ist zwischen den Stühlen

author Von Steffen Burkert

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

ausnahmsweise melde ich mich heute nicht aus Nordhorn bei Ihnen, sondern aus Bremerhaven. Hier tausche ich mich seit Mittwoch mit rund 150 leitenden Redakteuren beim „25. Forum Lokaljournalismus“ aus. Dieser Kongress mit Vertretern zahlreicher Lokal- und Regionalzeitungen aus ganz Deutschland, Österreich und der Schweiz gilt als größtes Treffen unserer Branche. Die Tagung ist für mich eine wertvolle Gelegenheit, Trends und Entwicklungen im Lokaljournalismus mit Kollegen zu diskutieren und Ideen für die Zukunft der Grafschafter Nachrichten zu sammeln.

Einzigartige Vielfalt

Die Presselandschaft in Deutschland ist einzigartig. Hier erscheinen rund 330 zumeist lokale oder regionale Tageszeitungen. Damit ist Deutschland nach China, Indien, Japan und den USA der fünftgrößte Zeitungsmarkt weltweit. Pro Erscheinungstag werden 13,5 Millionen Tageszeitungen verkauft. Zwar sinken die gedruckten Auflagen seit einigen Jahren, zugleich aber erreichen die Zeitungen dank ihrer digitalen Ausgaben immer mehr Menschen.

Kein Wunder also, dass „digitale Transformation“ einer der Begriffe ist, die ich in den Vorträgen hier in Bremerhaven immer wieder höre. Es geht um die Frage, wie wir weiterhin tagtäglich sehr gute Zeitungen drucken und gleichzeitig auch auf den vielfältigen digitalen Kanälen höchste Qualität bieten können – journalistisch natürlich, aber auch technisch. Denn Ihre Ansprüche, liebe Leserinnen und Leser, sind zurecht hoch: Die Apps der Grafschafter Nachrichten sollen genauso gut funktionieren wie die der großen nationalen Titel oder des gebührenfinanzierten öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Das sind für die vergleichsweise kleinen Zeitungsverlage in Deutschland, die sich aus eigener Kraft finanzieren müssen, riesige Herausforderungen, denen wir uns mit großem Engagement stellen.

Selfie im Kongresszentrum: Steffen Burkert trifft sich zurzeit in Bremerhaven mit 150 Kollegen aus dem gesamten deutschsprachigen Raum.

© Steffen Burkert

Selfie im Kongresszentrum: Steffen Burkert trifft sich zurzeit in Bremerhaven mit 150 Kollegen aus dem gesamten deutschsprachigen Raum.

Was ist unsere Rolle?

Es geht also um die wirtschaftliche Zukunftsfähigkeit des Lokaljournalismus. Aber wenn sich 150 Journalisten treffen, sprechen sie natürlich vor allem über Inhalte. Im Zentrum dieses Kongresses stehen hochbrisante Fragen: Wie verhält sich der Lokaljournalismus zu den Krisen unserer Zeit – von der Pandemie über den Klimawandel bis zum Ukraine-Krieg? Wie lautet der gesellschaftspolitische Auftrag der Medien vor Ort? Welche Rolle sollen (und können) wir Lokaljournalisten in der Gesellschaft spielen?

Das klingt für Sie vielleicht recht theoretisch, betrifft aber unmittelbar unsere tagtägliche Arbeit. Beispiel Eissporthalle: Unsere Berichterstattung über die Sanierung des Gebäudes – für die sich bekanntlich eine große Mehrheit in einem Bürgerentscheid ausgesprochen hat – trifft zurzeit auf viel Kritik. Und das von allen Seiten: Befürworter und Gegner einer Sanierung werfen uns gleichermaßen vor, nicht ausgewogen zu berichten und die jeweils andere Seite zu bevorzugen. Meine Kollegen und ich müssen uns teilweise heftige und in der Wortwahl nicht immer angenehme Vorwürfe anhören.

Dabei ist die Sache eigentlich klar: Dass die Halle saniert wird, ist laut Bürgerentscheid entschieden. Nun geht es um die Frage, wie dieser Bürgerwille umgesetzt wird. Dass das nicht einfach ist, dass Varianten diskutiert, Kosten kalkuliert, Vorschläge und Gegenvorschläge unterbreitet werden, dass die einen vorpreschen und andere sich eher wegducken, manche glaubhaft das Gemeinwohl im Blick haben und andere eher auf den eigenen Vorteil schielen – all das beobachten wir Journalisten und berichten darüber. Genau das ist unsere Rolle. Wir beschönigen nicht, machen aber auch nichts schlecht. Wir forcieren nicht, verschweigen aber auch nichts. Wir Redakteure sitzen weder auf der einen noch auf der anderen Seite, sondern zwischen allen Stühlen – und genau da, finde ich, gehören wir als unabhängige Journalisten auch hin.

Weichen für Wandel stellen

Bequem aber, das gebe ich gerne zu, ist dieser Platz nicht. Da hilft es, sich gelegentlich mit Kollegen aus anderen Regionen und Redaktionen auszutauschen. Sie alle haben ähnliche „heiße“ Themen wie wir die Eissporthalle. Und sie alle befassen sich wie wir mit Corona, Klimawandel oder Ukraine-Krieg – Krisen, deren konkrete Folgen vor Ort überall zu Diskussionen führen, in denen Journalisten gelegentlich unter Druck geraten. Wir müssen das aushalten und sprechen zurzeit viel darüber, wie uns das am besten gelingt.

„Der Lokaljournalismus spielt in der digitalen Welt eine starke Rolle“, betont Thomas Krüger, Präsident der Bundeszentrale für politische Bildung, als Veranstalter des Kongresses, von dem ich Ihnen gerade aus Bremerhaven schreibe. „Vor Ort, im Lokalen und im Alltag der Menschen, werden gesellschaftliche Stimmungen, Sorgen, Ängste und Hoffnungen sichtbar. Dort werden die Weichen für Wandel gestellt.“ Man könnte auch sagen: In den Lokalzeitungen spiegelt sich das wahre Leben. Krügers Fazit: „Der Lokaljournalismus braucht mutige, kreative und kluge Journalisten und Entscheider – damit aus Ideen Lösungen werden.“

Ein hoher Anspruch. Wir bei den GN versuchen, dem gerecht zu werden.

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