03.09.2022, 12:00 Uhr / Lesedauer: ca. 3min

Zum Sonntag

Und es lohnt sich doch

Von Annegret Lambers

Er ist um die 50 Jahre alt, hat ein gepflegtes Äußeres. Ich habe Feierabend und bin auf dem Nachhauseweg. Ich nähere mich dem Mann mit dem Rad und sehe, wie er sich immer wieder bückt, um herumliegenden Müll aufzuheben. Beide Hände hat er schon voll Plastikmüll. Ich fahre an ihm vorbei und denke: „Er wird die Welt nicht retten, wenn er hier ein wenig Müll sammelt.“ Die Welt wird davon nicht spürbar besser.

Sie wird nicht spürbar besser, wenn wir fair gehandelte Waren einkaufen, unseren Fleischkonsum reduzieren und nur noch Holzzahnbürsten verwenden. Sie wird nicht besser, wenn wir Insektenhotels aufhängen und Blühstreifen pflanzen. Und ich bin mir sicher: Er weiß das auch.

Und trotzdem sammelt er und hat mich damit herausgeholt aus dem melancholischen Denken, das mich gerade gefangen hielt. Ich war in Gedanken über Patientenschicksale, mit denen ich an diesem Tag konfrontiert worden bin: Hoffnungslosigkeit, Schmerzen und Elend, Alkoholismus und kaputte soziale und familiäre Strukturen. Dazu mischten sich angstvolle Gedanken zum wütenden Krieg in der Ukraine mit dem unermesslichen Leid, zur Pandemie, zur Klimaproblematik und zu leerer werdenden Kirchen, die die Menschen nicht mehr erreichen.

Ich fragte mich, wo denn der Gott ist, der uns das Leben schenkt und es erhalten will. Ich war gerade in eine Falle der Ohnmacht geraten und danke diesem unbekannten Mann, dass er mich da herausgeholt hat. Einfach indem er tat, was getan werden muss. Denn es kann nicht falsch sein, Müll am Kanal aufzuheben. Es kann nicht falsch sein, das Auto öfter einmal stehen zu lassen. Es kann nicht falsch sein, unseren Mitmenschen mit einem Lächeln zu begegnen. Es kann nicht falsch sein, uns immer wieder für das Leben einzusetzen. Es kann nicht falsch sein, einfach das zu tun, was richtig ist, um die Welt ein wenig heller zu machen. Das holt uns aus der Lähmung heraus.

Danke an alle, die sich und uns und das Leben nicht aufgeben. Die an ein gutes Ende glauben. Immer und immer wieder. Und danke an Gott, der das Leben schenkt und beschützen wird. Danke an Gott, der auch dann da ist, wenn ich ihn gerade nicht spüre. Danke an Gott, der mich liebevoll anschubst, der mir Menschen wie diesen Mann am Kanal in den Weg stellt, die mich wachrütteln und deutlich machen: Es lohnt sich, sich immer wieder für das Leben krumm zu machen.

Annegret Lambers ist Ältestenpredigerin der altreformierten Kirche in Veldhausen

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