Ratgeber
03.05.2022, 12:00 Uhr / Lesedauer: ca. 3min

Süchte nehmen im Alter zu

60- bis 69-jährige Männer sind am stärksten von riskantem Alkoholkonsum betroffen. Foto: dpa

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60- bis 69-jährige Männer sind am stärksten von riskantem Alkoholkonsum betroffen. Foto: dpa

Von Bettina Grönewald

Opa ist manchmal halsbrecherisch mit seinem Rollator unterwegs und die betagte Dame von nebenan schwört auf Kräutergeist. Das Alter eben. Wer genauer hinsehen mag, entdeckt hinter der Fassade vermeintlich harmloser Schrulligkeiten oft eine Suchtgeschichte.

Was kriegen Oma und Opa bloß zu Weihnachten? Wer sonst keine Idee hat, packt den Großeltern gern ein Fläschchen Stärkungsmittel unter den Weihnachtsbaum. Dass so manches Elixier recht hochprozentig ist, ist den meisten nicht bewusst. Wie überhaupt wenig über Suchtgefahren für Senioren bekannt sei, stellte NRW-Gesundheitsministerin Barbara Steffens (Grüne) am Freitag in Düsseldorf fest. „Suchtprobleme im Alter werden häufig verharmlost und Anzeichen für den Missbrauch von Alkohol oder Medikamenten als Alterserscheinung abgetan.“

Die Fakten sind erstaunlich: Unter den erwachsenen Männern sind die 60- bis 69-Jährigen am stärksten von riskantem Alkoholkonsum betroffen. Fast jeder vierte dieser Altersgruppe trinkt täglich mindestens 20 Gramm reinen Alkohol und trägt damit ein erhöhtes Risiko für zahlreiche Krankheiten. Das entspricht zwei Gläsern mit jeweils 0,3 Litern Bier oder einem Glas mit 0,1 Liter Wein. Ist das denn schon Sucht?

„Die Pause ist wichtig“, erklärt Hans-Jürgen Hollmann, Leiter der Koordinierungsstelle Suchtvorbeugung NRW. „Wenigstens zwei Tage in der Woche sollten alkoholfrei sein.“ Viele Senioren wüssten nicht, dass der Alkohol in einem älteren Körper stärker wirkt und die Verträglichkeit abnimmt. Zudem gebe es bei fast allen Medikamenten Wechselwirkungen mit Alkohol. „Und viele Senioren nehmen mehrere Präparate täglich ein.“

Bei den Frauen ist Medikamentenabhängigkeit das größere Problem und für die Außenwelt schwerer zu erkennen. Auch in der Damenwelt trinkt aber jede sechste 50- bis 59-Jährige riskante Mengen Alkohol. Dabei greifen Frauen mit höherem sozialen Status schneller zum Glas.

Kein Klischee, sondern durch sozialwissenschaftliche Milieu-Studien belegt, unterstreicht Steffen: „Da ist die bessergestellte Frau, die mit dem Piccolöchen anfängt und die Frau mit schwächerem sozialen Status muss sehen, wie sie die Familie über Wasser hält. Da ist das Geld für den Piccolo nicht drin.“ Allerdings bekämen Frauen mit niedrigerem Status sehr viel schneller Schlaf-, Beruhigungs- und Betäubungsmittel verschrieben.

Landen Senioren nach einem schweren Sturz im Krankenhaus oder machen einen verwirrten Eindruck, wird das schnell dem Alter zugeschrieben und nicht immer als Folge einer Sucht erkannt. Die eindeutigen Fälle lassen aber schon aufhorchen: Die Zahl der 60- bis 65-jährigen Patienten, die aufgrund einer Alkoholvergiftung stationär behandelt werden mussten, ist in den vergangenen fünf Jahren in NRW um über 40 Prozent auf fast 1400 gestiegen.

Ein zentraler Auslöser für das Abdriften in die Sucht sei der Wegfall der Arbeit, erklärt Steffens. „Wenn sinnstiftende Aufgaben fehlen - etwas, wofür es sich lohnt, aufzustehen - bricht schnell die Tagesstruktur weg.“ Hinzu kämen nachlassende Vitalität, körperliche Gebrechen, Vereinsamung. Das alte „Malocher-Image“, das das verdiente Feierabend-Bier zur Normalität stilisiert habe, trage zur Verharmlosung der Problematik bei, bemerkt die Ministerin.

Mit ihrer neuen Kampagne „Stark bleiben“ will sie Bewusstsein schaffen für Suchtrisiken im Alter. Dabei sollen auch Familienangehörige, Pflegekräfte, Ärzte und Apotheker eingebunden werden. Für Pflegedienste ist ein entsprechendes Fortbildungskonzept erarbeitet worden. Außerdem sieht die Ministerin hier eine Aufgabe für die soziale Arbeit in den Stadtteilen.

Oft seien es einfache Zeichen, die nicht richtig gedeutet würden, erklärt Hallmmann: „Mangelnde Konzentration, Schwindel, Appetitverlust, Gesichtsröte, Interessenlosigkeit, Vernachlässigung des Haushalts und des eigenen Äußeren können auf erhöhten Alkoholkonsum hinweisen.“ Klar sei aber auch: „Wir wollen nicht dem Opa sein Bier wegnehmen, wie man im Ruhrgebiet sagt, sondern Missbrauch eindämmen und verhindern, dass jemand frühzeitig ein Pflegefall wird.“