Ratgeber
07.11.2022, 15:00 Uhr / Lesedauer: ca. 3min

Streaming-Dienste: Teilen und schauen

Normalerweise dürfen nur zusammenlebende Menschen ein Streaming-Konto gemeinsam nutzen. Foto: dpa

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Normalerweise dürfen nur zusammenlebende Menschen ein Streaming-Konto gemeinsam nutzen. Foto: dpa

Von Johannes Hülstrung

Es war etwas umständlich damals, als Filme noch auf Trägermedien gefangen waren. Umständlich, wenn man die VHS-Kassetten borgen musste, und teuer, wenn man sie kaufte. Wer selbst etwas verlieh, musste den Kassetten hinterherlaufen, um sie wiederzubekommen. AMit DVDs oder Blu-Rays änderte sich das nicht. Im Streaming-Zeitalter dagegen funktioniert das Teilen einfacher: Es gibt ein Konto und ein Passwort, das theoretisch problemlos weitergegeben werden kann.

Die Gründe fürs Teilen liegen auf der Hand: Nutzen mehrere ein Streaming-Konto, funktioniert das mühelos, und sie sparen Geld. Mehr noch: Das Teilen ist anders als bei physischen Datenträgern mit keinerlei Einschränkungen verbunden, da man selbst nichts abgeben oder verleihen muss, das einem dann vielleicht fehlt.

Außerdem kann das Teilen den Familien- oder WG-Frieden retten, weil man sich nicht zwangsläufig auf einen Film oder eine Serie einigen muss. „Viele Dienste bieten Familienaccounts an, die innerhalb der Familie oder einer Wohngemeinschaft genutzt werden dürfen“, sagt der Streamingexperte Prof. Marcus S. Kleiner.

Im Normalfall dürfen aber eben nur zusammenlebende Menschen ein Streaming-Konto gemeinsam nutzen. Das ist in den Nutzungsbedingungen der meisten Dienste festgeschrieben. Dass sich daran längst nicht alle halten, wissen die Streamingdienste natürlich auch.

Mit Verweis auf die Nutzungsbedingungen erinnern Unternehmen wie Dazn, Netflix oder Sky Abonnenten immer mal wieder per E-Mail daran, dass ihr Dienst nur auf Geräten im eigenen Haushalt gestreamt werden darf und das Teilen der Anmeldedaten mit Dritten untersagt ist: Haushaltsfremde Geräte möge man bitte aus der Liste der Streaming-Geräte entfernen oder auch gleich sein Passwort ändern.

Netflix geht einen Schritt weiter. Seit August 2022 testet der Konzern, Gebühren für die Nutzung auf einem zusätzlichen Fernseher zu erheben. Zunächst nur in fünf mittel- und südamerikanischen Staaten. Bereits seit März 2022 gibt es zudem in drei anderen lateinamerikanischen Ländern die Option, Unterkonten für bis zu zwei Personen außerhalb des eigenen Haushalts dazu zu buchen. Für den Medienwissenschaftler Prof. Gerd Hallenberger ist das „ein mehr oder weniger zähneknirschendes Eingehen auf eine Nutzungspraxis, die Netflix nicht verhindern kann“.

Dass man nur auf einer begrenzten Anzahl von Geräten gleichzeitig eingeloggt sein oder parallel streamen kann, ist bekannt. Neu ist, dass Netflix nun beim Pilotprojekt in Mittel- und Südamerika IP-Adressen und Device-IDs erfasst, um erkennen zu können, ob die Nutzungsbedingungen umgangen werden.

Wäre so eine Orts- und Endgerätekontrolle hierzulande denkbar? „Aus Datenschutzgründen wäre das in Deutschland problematisch“, sagt Medienanwalt Severin Riemenschneider.

Allerdings hat Netflix schon einmal vereinzelt Nutzer aufgefordert, ihre Identität per Code zu bestätigen. Die Codes waren an die im Kundenkonto hinterlegte E-Mail-Adresse oder per SMS an die hinterlegte Handynummer verschickt worden. Solche „technischen Schutzmaßnahmen“ dürfen grundsätzlich nicht umgangen werden, sagt Riemenschneider. Wer es dennoch tut, begehe in aller Regel keine Straftat: „Es könnte höchstens um Unterlassungs- oder Schadenersatzansprüche gehen.“ Diese zivilrechtlich und mit Klagen zu verfolgen, würde sich Riemenschneider zufolge für die Unternehmen „aber kaum lohnen“ und „einen massiven Reputationsverlust“ bedeuten.

Dennoch hat die laut Prof. Kleiner „gängige Praxis, Accounts zu teilen“, Konsequenzen für die Nutzer - und zwar in finanzieller Hinsicht. Die illegale Nutzung werde mit einem höheren Abopreis bezahlt, sagt der Experte. Die „Finanzierungsschieflage“ im Streaming sei offensichtlich. 2022 gab es Preisrunden bei etlichen Streaminganbietern. Gleichzeitig tauchen werbefinanzierte Modelle auf. So hat Amazon sein kostenloses Angebot Freevee gestartet. Damit gleiche sich Streaming immer mehr dem klassischen Fernsehen an, sagt Kleiner. Trotzdem probiert es nun auch Netflix auf dieser Schiene und hat ein sehr günstiges Abo mit Werbung für fünf Euro monatlich eingeführt.