27.06.2022, 11:00 Uhr / Lesedauer: ca. 4min

Post vom Chefredakteur

„Quote“ ist wichtig, aber Qualität bedeutet alles

author Von Guntram Dörr

Liebe Leserinnen und Leser,

auf dem Fußballplatz gewinnt ein Stürmer an Wert, wenn er viele Tore schießt. Am Fließband, wo im Akkord geschuftet wird, zählen Stückzahl und Sorgfalt. Eine Sängerin, die Konzerthallen füllt, füllt gleichzeitig ihre Kasse. Erfolge sind messbar im Sport, in der Industrie, im Unterhaltungsgeschäft – diese Liste ließe sich leicht fortsetzen. Ein solches Kriterium gilt für „die Medien“ nur bedingt.

Ist „Bauer sucht Frau“ ein Qualitätsformat, weil diese Sendereihe eine vergleichsweise große Zahl von Zuschauern vor den Fernsehbildschirm lockt? Darf ein anspruchsvolles Magazin aus Natur oder Wissenschaft als Flop bezeichnet werden, weil die Quote eher mau geblieben ist? Nein und nein, würde ich sagen. Und das ist auch gut so, jedenfalls für uns Journalisten.

Messbarkeit nicht das Maß der Dinge

Es ist kein Geheimnis, dass die digitalen Spielarten der Berichterstattung seit etwa einem Jahrzehnt durchaus einen Teil der geistigen Leistung, die mit Artikeln, Fotos und Videofilmen erbracht wird, messbar gemacht haben. Ich spreche von den Klickzahlen, die uns zeigen, wie häufig jemand auf dem Smartphone oder am Tablet einen Beitrag aktiviert hat. Sie belegen nicht, ob der Leser oder User nur einen flüchtigen Blick darauf geworfen hat oder von diesem Angebot gefesselt und in den Bann gezogen wurde. Dazwischen liegen Welten. Deshalb ist Messbarkeit keineswegs das Maß der Dinge. Aber ein Indikator, den wir auch in der GN-Redaktion beachten.

„Blaulicht“ zieht, Gastro auch

Wir wissen, dass jegliche Neuigkeit aus dem „Blaulichtbereich“ auf erhebliches Interesse stößt. Das ist in der Grafschaft nicht anders als im Rest der Republik und belegt lediglich, dass Verkehrsunfälle, Brände oder Banküberfälle in der öffentlichen Wahrnehmung einen herausragenden Stellenwert besitzen. Wir haben außerdem gelernt, wie intensiv unser Lesepublikum die Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt, Blicke ins Innenleben von Unternehmen und jegliche Neuigkeit aus dem breiten Spektrum von „Essen und Trinken“ verfolgt. Diese Themen sind populär, sie berühren Viele. Für die GN-Redaktion sind derartige Erkenntnisse wertvoll, weil wir – wie es im Jargon heißt – möglichst viele unserer Abonnenten immer wieder thematisch „abholen“ möchten.

Jeden Samstag eine Meinungsseite

Aber noch einmal: Masse allein ist kein Kriterium, neben der Breitenwirkung zielt guter Journalismus stets auf Inhalte, die spannend sind und Orientierung bringen, wenn sie professionell aufbereitet werden. Ich weiß, die nächste Behauptung ist ungeprüft: Es würde mich wundern, wenn es in Deutschland eine zweite Tageszeitung vergleichbaren Zuschnitts gäbe, die jede Woche und immer sonnabends eine komplette lokale Meinungsseite und dazu eine ganzseitige Reportage aus der Grafschaft und der Region stemmt. Die GN tun das, häufig mit erkennbarer Wirkung.

Der Kampf gegen den Fachkräftemangel hat längst auch die Grafschaft erreicht. Aber er ist nur ein Teil des Problems. Foto: dpa

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Der Kampf gegen den Fachkräftemangel hat längst auch die Grafschaft erreicht. Aber er ist nur ein Teil des Problems. Foto: dpa

Hintergrund, der zu lesen lohnt

Gründlich ausgeleuchteten Hintergrund bietet vor allem die Rubrik „Wie ich es sehe“, zuletzt durch einen Beitrag meines Kollegen Rolf Masselink über „Strukturwandel und Zeitenwende“. Darin fügt unser Reporter-Teamleiter viele Puzzleteile zueinander, sie reichen von der Nachfrage nach Gewerbegebieten über den Fachkräftemangel bis hin zu den Auswirkungen, die Russlands Überfall auf die Ukraine auf die Grafschafter Wirtschaft hat. Das lohnt, zu lesen.

Drückende Stimmung: Mehr als fünf Millionen Deutsche leiden an Depressionen. In den GN erzählte ein Nordhorner von seiner Krankheit. Foto: dpa

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Drückende Stimmung: Mehr als fünf Millionen Deutsche leiden an Depressionen. In den GN erzählte ein Nordhorner von seiner Krankheit. Foto: dpa

Ein Riesenproblem, über das kaum jemand offen sprechen mag, hat meine Kollegin Anke Mücke in der selben Ausgabe ans Licht geholt: Depression. Die Krankheit, die Menschen in einen grauen, lähmenden Abgrund zieht, ist in den Augen der Unwissenden (und das sind die meisten) lediglich ein seelischer Betriebsunfall. Frei nach dem Motto: Einfach mal am Riemen reißen. Ein Trugschluss.

Mehr als fünf Millionen Deutsche werden von Depression befallen wie „ein gieriger Blutegel, der die Energie absaugt“. So hat es einer von ihnen, ein 35 Jahre alter Nordhorner, den wir auf seinen Wunsch hin nicht bei seinem wirklichen Namen genannt haben, der GN-Journalistin erzählt. Dass er sich überhaupt für ein Interview geöffnet hat, war ein großer Vertrauensbeweis. Die GN-Journalistin hat ihn sich verdient.

Ernsthafte Debatte auf GN-Online

Beides, die kluge Wirtschaftsanalyse und das sensible Porträt eines Leidenden, haben für Aufsehen gesorgt. Sie erzeugten stattliche Klickzahlen, sie lösten eine ernsthafte Debatte auf GN-Online aus. Ich hätte beide Arbeiten sogar als Erfolg bewertet, wäre ich einer von nur wenigen Lesern geblieben. Messbarkeit? Quote? Vielleicht nicht. So ist das eben, wenn das sprichwörtliche „Fluch und Segen“ zueinander finden. Die Qualität ist unbestreitbar, sie bleibt die einzig gültige Maßeinheit. Ich wüsste kein anderes Fundament.

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