06.08.2022, 12:00 Uhr / Lesedauer: ca. 3min

Zum Sonntag

Lebenslinien

Von Günter Plawer

Sie haben mich schon immer interessiert: Biografien berühmter oder bedeutender Menschen. Früher habe ich die Bücher gelesen, heute schaue ich mir sie auch gerne im Fernsehen an. Ich finde sie besonders dann interessant, wenn die Lebensgeschichte nicht nur gradlinig verlaufen ist, sondern Brüche enthält.

In der Bibel finden sich einige Geschichten solcher Personen. Manchmal sind sie nur ganz kurz, so wie die von Levi. Der Mann lebte vor mehr als 2000 Jahren im damaligen Galiläa und diente der römischen Besatzungsmacht als Zöllner. Zöllner waren nicht beliebt, denn sie trieben nicht nur die Steuern für die verhasste römische Besatzungsmacht ein, sondern sie schlugen auch noch ordentlich was an Gebühren drauf. Schließlich mussten sie ja selbst auch von etwas leben, denn vom römischen Staat bekamen sie als Steuereintreiber keinen Lohn. Kein Wunder also, dass sie in der Gesellschaft Außenseiter waren und von den angeblich Rechtschaffenen gemieden wurden.

Levi sitzt wie so viele Tage in seiner Zollstation, als Jesus aus Nazareth vorbei kommt. Er sieht ihn an und sagt nur: „Komm, folge mir!“ Jesus stellt keine Fragen. Weder nach dem bisherigen Leben, er macht keine Vorwürfe und er hat keine Berührungsängste. „Komm, folge mir!“ Und Levi stellt auch keine Fragen. Er sucht auch keine Ausreden, warum er gerade jetzt nicht kann. Levi überlegt nicht lange und nutzt die Chance. „Da stand er auf und folgte ihm nach“, heißt es lapidar. Levi spürt wohl, dass bei dem Mann aus Nazareth alles richtig ist und er jetzt einen neuen Teil seiner Lebensgeschichte beginnen kann.

Im weiteren Verlauf setzt Jesus sogar noch einen drauf. Denn, so heißt es weiter, später war Jesus bei ihm zu Hause zum Essen. Und viele Kollegen des Levi waren mit dabei und auch andere, die man damals Sünder nannte. Dass Jesus das nicht gerade beliebt macht, kann man sich denken. Die gute Gesellschaft war einfach nur entsetzt und rümpfte die Nase über ihn. Aber Jesus ist sich sicher bei dem, was er tut: „Nicht die Gesunden brauchen einen Arzt, sondern die Kranken. Ich bin nicht gekommen, um die Gerechten zu rufen, sondern die Sünder“, sagt er den fragenden Schriftgelehrten und den Pharisäern. Ob sie ihn verstanden haben? Und viel wichtiger: Verstehen wir heute diesen Jesus von Nazareth – und wenn ja, was machen wir daraus?

Vielleicht dies. Auch wir können uns das von diesem Jesus aus Nazareth sagen lassen: „Komm, folge mir nach!“ Und uns von ihm annehmen lassen ohne Wenn und Aber und ohne Rücksicht darauf, was die anderen von uns denken.

Ich kann es einfach annehmen und aufstehen. Und vielleicht auch die eigenen Augen öffnen für den Menschen neben mir. Der vielleicht – ohne es sich bewusst zu sein – darauf wartet, dass ihm jemand die Hand reicht. Also dem Beispiel Jesu folgen und andere Menschen respektvoll annehmen, so wie sie sind und ohne Bedingungen.

Und dann machen Brüche im Leben auf einmal gar nichts mehr aus. Im Gegenteil: Dann machen sie Sinn.

Günter Plawer ist Pastor i.R. des evangelisch-reformierten Synodalverbandes

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