12.11.2022, 12:00 Uhr / Lesedauer: ca. 3min

Zum Sonntag

Kann ich lesen?

Von Beatrix Sielemann

Es gibt Texte, die mich so berührt haben, dass sie mich nicht mehr loslassen. Einer davon ist von Fulbert Steffensky: „Drei Versuche, lesen zu lernen“ – veröffentlicht 1998 in dem Buch: „Das Haus, das die Träume verwaltet“ – gemeint ist die Kirche – und noch immer erhältlich.

Das heutige „Wort zum Sonntag“ ist eine stark gekürzte Version von Steffenskys Text, den ich gern an die Leserschaft der GN weiterreichen möchte:

Frühmorgens – in einer kalten Novembernacht – entdeckt jemand auf dem Weg zur Arbeit einen Zettel am Baum: „Bitte schön, wer haben arbeiten zuhause in den Garten und zwei arbeiten, schreiben bitte Adresse und Telefon“. 1)……2) steht darunter. Schlechtes Deutsch – und dann hoffnungsvoll eine 1 und eine 2.

So ein Zettel mag mehr verstören, als Zahlen: z.B. wie viel Obdachlose im letzten Winter erfroren sind.

Wer mag ihn geschrieben haben? Der Zettel bezieht alle, die ihn lesen, in ein persönliches Drama ein – wie in einem modernen Theaterstück, wo die Zuschauer auf die Bühne gebeten werden.

Der Mensch, der den Zettel geschrieben hat, kann kaum schreiben. Aber viel wichtiger ist die Frage, ob ich lesen kann. Kann ich auf diesem Zettel die letzte Hoffnung entziffern, die auf eine Adresse und eine Telefonnummer wartet? Der Zettel ist nicht nur ein Appell an meine Nächstenliebe. Vielmehr wird er zur entscheidenden Glaubensfrage: Vermag ich Christus zu erkennen im Schreiber dieses Zettels? Im Matthäusevangelium sagt Jesus: „Was ihr einem meiner geringsten Brüder (und Schwestern) getan habt, dass habt ihr mir getan!“

Wie unerheblich werden alle Fragen der Theologie vor der einen Frage: Kann ich lesen? Spiele ich mit? Bleibe ich sitzen im Zuschauerraum oder betrete ich die Bühne? Werde ich, wenn ich im Zuschauerraum sitzen bleibe, weiter das „Vater Unser“ beten können, wo es heißt: Wie im Himmel, so auf Erden?

Ich kann vorübergehen und mich mit meiner eigenen Schwäche trösten und sagen: Was kann ich tun und ändern? Ich kann mit meiner kleinen Kraft nicht allen Menschen in schwierigen Lebenssituationen helfen.

Ich frage mich, woran der Mensch glaubt, der diesen Zettel geschrieben hat. Es muss noch ein Rest Glauben an die Güte des Lebens in ihm sein. Noch glaubt er, dass er nicht völlig ins Leere ruft. Noch hat ihn sein Elend nicht so kaputt gemacht, dass die Hoffnung ganz in ihm gestorben wäre. Und so ist jeder, der den Zettel im Vorübergehen liest, für den Glauben dieses Menschen mitverantwortlich. Verantwortlich dafür, dass dieser Mensch spürt: Das Leben ist doch gut. Man ruft nicht vergebens.

Welche Lektion wird der Schreiber des Zettels lernen, wenn er keine Adresse und keine Telefonnummer findet? Dass kein Stück Himmel auf der Erde zu finden ist?

Warum kann mich der Zettel erschrecken? Weil der Schreiber mir Güte und Wärme zutraut? Weil er mir zutraut, dass ich eine Nachricht vom Leben für ihn habe? Weil er an meine Barmherzigkeit und Gerechtigkeit glaubt?

Der Zettel lockt mich weg von den falschen Wichtigkeiten. Er lehrt mich etwas über den Sinn des Lebens. Den Sinn des Lebens lernt man durch das Leben selbst und hier dadurch, dass mir jemand zutraut, dass ich ihn wärme in seinem Elend, dass durch mich etwas aufleuchten darf von einer Hoffnung, die fast erloschen schien. Der Zettel lehrt mich und uns alle, was es heißen könnte, zu glauben!

Beatrix Sielemann ist Pastorin im Ruhestand der reformierten Kirchengemeinde in Nordhorn

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