14.05.2022, 12:00 Uhr / Lesedauer: ca. 3min

Zum Sonntag

Ja, nein – vielleicht

Von Jörg Voget

„Magst du Gott?“, fragte mich in diesen Tagen ein 10-jähriger Junge, als er hörte, dass ich Pastor sei. Was für eine Frage. Mag ich Gott? Von einem Pastor erwartet ein 10-Jähriger, dass dieser im Brustton der Überzeugung sagt: „Ja, sicher!“

Aber so sicher bin ich mir gar nicht. Warum sollte ich Gott mögen? Was sollte ich denn an Gott mögen?

Diese „Kinderfrage“ hat mich nicht losgelassen. Und ich stellte mir wieder einmal die Frage, ob ich denn überhaupt noch an Gott glauben kann angesichts so vieler Schreckenswirklichkeiten unserer Welt. Wie kann ich noch an einen liebevollen, bewahrenden, behütenden Gott glauben, wenn mitten in Europa ein grausamer Vernichtungskrieg gegen die Ukraine geführt wird?

Ich möchte gern an diesen liebevollen, lebensspendenden Gott glauben, aber es will mir manchmal nicht recht gelingen.

Kürzlich habe ich über den Schriftsteller Navid Kermani gelesen, wie er versuchte, seiner Tochter seinen Glauben zu erschließen. Er machte sich daran, ihr mit einem eigenen Buch und in seiner eigenen Sprache den Islam zu übermitteln und dabei auf die Fragen der Tochter einzugehen und Antworten zu finden. Er schreibt ihr, dass er mit dem Koran der Überzeugung sei, dass der Mensch sich mit dem ersten Atemzug an etwas wende, was er nicht beschreiben, geschweige denn begreifen kann. Am Ende fragt er seine Tochter, was sie wohl glaube, was für ihn das wichtigste Wort im Koran sei. Das Wort lautet „vielleicht“. Es gibt kaum ein Wort, das häufiger im Koran vorkommt. Vielleicht, dass ihr dankbar seid, vielleicht, dass ihr einseht, vielleicht, dass ihr Barmherzigkeit findet.

So ähnlich denke ich auch und so habe ich dem 10-Jährigen auch mit „vielleicht“ geantwortet und dieses natürlich auch noch näher erklärt.

Vielleicht ist da ja doch ein Gott, der jeden einzelnen Menschen mit seinen Nöten im Blick hat und für den Gott versucht, Sorge zu tragen. Vielleicht hat Gott seine Schöpfung und seine Geschöpfe ja doch noch nicht verlassen. Vielleicht ist der Mensch in seinem Wesen ja doch von Grund auf „gut“ beziehungsweise sogar „sehr gut“, wie es in der Schöpfungsgeschichte heißt, oder er hat zumindest die Möglichkeit so zu sein.

Vielleicht ist es ja doch so, dass nicht das Grausame, die Traurigkeit und der Tod, sondern das Schöne, die Freude und das Leben sich in und auf dieser Welt durchsetzen.

Vielleicht übersetzt Leopold Zunz 1. Mose 2, 7 genau richtig: „Gott … blies in seine Nase Hauch des Lebens, und es ward der Mensch zu einem Leben-Atmenden.“

Diesen Gott würde ich mögen!

Jörg Voget ist Pastor der reformierten Kirchengemeinde in Neuenhaus

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