Wohnen und Garten
06.05.2022, 13:00 Uhr / Lesedauer: ca. 4min

Gräser im Garten: So klappt es auch mit der Artenvielfalt

Für Gräser ungewöhnlich früh im Jahr entwickelt sich das Grüne Kopfgras. Foto: elegrass

Für Gräser ungewöhnlich früh im Jahr entwickelt sich das Grüne Kopfgras. Foto: elegrass

Grafschaft „Weniger Ordnungswut, mehr Wildnis wagen“, lautete eine Überschrift im Wissenschaftsmagazin „Spektrum“. Im Fokus des Autors lag der Umweltschutz im Garten. Vorausgesetzt die Datenlage stimmt, haben in Deutschland 35 Millionen Menschen einen Zugang zum eigenen Garten. Und jetzt wird es spannend: Die Fläche der Zier-, Nutz- und Schrebergärten der Bundesrepublik in Summe entspräche ungefähr derjenigen aller Naturschutzgebiete, nämlich 1,4 Millionen Hektar. Was für ein Areal und was für ein Potenzial für die Artenvielfalt und die Ökologie, möge man denken. Gern beschweren wir uns bei der Landwirtschaft mit ihren Monokulturen und ihrem Pestizideinsatz und kritisieren harsch. Aber auch der Handel mit Pflanzenschutzmitteln für den privaten Garten boomt. Tausende Tonnen sollen Hobbygärtner pro Jahr auf die eigene Scholle kippen, hat wiederum der Stern recherchiert. Was läuft also falsch?

Kurze Antwort: Wir wissen zu wenig und wir sind zu faul! Es soll blühen, möglichst ganzjährig und es soll aber bloß nicht (zu)viel Arbeit machen. Die vermeintlich ganz Harten aus der Fraktion „Ich bin es leid“ lassen Schotter und Kies in ihre Gärten kippen, in der Hoffnung damit endlich von Pflegearbeiten befreit zu sein. Eine kurze Zeitlang mag dies gut gehen, aber wenn sich erst durch Laubfall aus der Umgebung Humus gebildet hat - weil man einfach mit dem Laubsauger nicht schnell genug war - dann holt sich die Natur ihr Leben zurück. Der Kampf beginnt und die Giftkeule gegen das keimende Grün aus Ahorn und Co. kommt zum Einsatz. Der Rest des Dramas ist bekannt.

Wem aber die Umwelt, das Klima im Großen und auch das Klima unmittelbar ums Haus wichtig ist, wer auch im Sommer nachts eine Abkühlung wünscht, wer für einen vernünftigen Wasserspeicher auch bei Starkregen sorgt und vor allem, wem das Insekten- und Vogelsterben nicht egal ist, der denkt über Alternativen nach und die haben nicht zwangsläufig mit viel Arbeit zu tun. Im Gegenteil. Gerne lenken wir die Aufmerksamkeit an dieser Stelle auf den ökologischen Nutzen von Gräsern. Viele Gräser bieten die Lebensgrundlage für Insekten, Raupen und somit Faltern und Vögeln. Honigbienen sammeln gern den Pollen von Süßgräsern und Grashüpfer leben von ihnen. Süßgräser, das ist die botanische Familie der Poaceae, sind eine sehr wichtige Insektenweide. Zu den Süßgräsern gehören viele, wie die filigranen Reitgräser, die Schmielen, die Schwingel, das Federgras, das fedrige Lampenputzergras, die zittrigen Perlgräser und auch die Kopfgräser. Wer also diese Gräser in den Garten pflanzt, sorgt für jede Menge Leben, für eine attraktive Szenerie und dynamische Gartenbilder über viele Monate im Jahr.

Gräser: Spätzünderim Garten

Die meisten Gräser sind eigentlich Spätzünder im Garten. Sie entwickeln sich erst im hohen Frühjahr, sind aber dann im Sommer voll da, haben noch einmal einen Schwerpunkt im Herbst und selbst im späten Winter kann man noch auf sie setzen. Sie sorgen mit ihren filigranen Strukturen für Bewegung, sie fangen das Licht und ernähren Insekten und Vögel bis ins neue Jahr. Es gibt aber auch Ausnahmeerscheinungen wie das bislang leider unterschätzte Grüne Kopfgras, Sesleria heufleriana: Wenn alles noch nicht so richtig im Wachstum steht, dann ist es schon da - und wie! Auch wenn es wie in diesem Jahr vom Schnee überrascht wurde, das Gras schüttelt sich und richtet sich wieder auf. Es ist immergrün und eventuelle entstandene braune Blätter lassen sich mit einem herzhaften Ruck einfach ausreißen, ein Schnitt ist überflüssig. Die Sesleria heufleriana ist wie viele Gräser ein Teamplayer, kann gut mit anderen Gräsern, aber auch mit Stauden, und jetzt im Frühjahr passt sie gut zu Zwiebelblühern wie beispielsweise Narzissen. Sie samt sich aus und vermehrt sich, wenn der Platz ideal ist, sonnig bis halbschattig, auch gern am Gehölzrand. Aber nun zum besonderen Charme dieses feinen Grünen Kopfgrases, das äußerst robust ist und auch bei 25 Grad Celsius Minus im Winter noch nicht zuckt. Es wächst 25 bis 50 Zentimeter hoch, bildet lockere Horste und blüht ungewöhnlich früh im Frühjahr von März bis etwa Mai. Die Blütenfarbe ist für heimische Gräser sehr exotisch, nämlich gelblich bis violett, fast wie Lavendel und sehr dunkel, manchmal fast schwarz. Für jemand, der gern genau hinguckt, macht dieses Süßgras viel Freude. Pro Quadratmeter fünf bis elf Pflanzen ist die Empfehlung der Gärtner.