19.03.2022, 12:00 Uhr / Lesedauer: ca. 3min

Zum Sonntag

Gott zürnt, denn wir waren bequem

Von Johannes de Vries

Gott zürnt. Diesen Satz habe ich noch nie geschrieben. Ich habe es bisher immer für hilfreicher gehalten, auf andere Haltungen Gottes hinzuweisen. „Gott liebt“ zum Beispiel. Oder „Gott vergibt“. Auch jetzt, in Kriegstagen, könnte ich einiges schreiben. Vielleicht so: „Gott weint“.

Aber heute schreibe ich: Gott zürnt. Zürnt über den Kriegsherrn im Kreml und seine korrupten Komplizen. Zürnt über ein Land, das den starken Mann an der Spitze bewundert, ihn gewähren lässt und seinen Traum von neuer alter Größe mitträumt. Zürnt über Soldaten, die das eigene Gewissen schon längt betäubt haben und zu Mördern werden. Zürnt über eine russische Kirche, die den Krieg mitträgt, anstatt ihm zu widersprechen. Zürnt darüber, dass die Welt zuschaut – aber daran scheitert, den Krieg zu stoppen.

Ich merke: Für einen Augenblick fühle ich mich selbst im Zorn Gottes bestätigt. Doch dann beginne ich zu ahnen, dass Gottes Zorn viel weiter reicht.

Gott zürnt auch uns. Denn wir waren träge und selbstgefällig. Wir haben in den letzten Jahrzehnten viel zu wenig für den Frieden mit Russland getan. Wir haben uns auch nach der Annexion der Krim und trotz der ständigen Kämpfe im Donbass eingeredet, dass es schon nicht schlimmer kommen würde. Jedenfalls nicht für uns. Hauptsache das Gas fließt. Wir haben eine labile Abwesenheit von Krieg mit echtem Frieden verwechselt. Wir haben vergessen, wie wichtig Frieden ist. Weil wir bequem waren. Weil es uns nicht interessiert hat. Gott zürnt uns. Gott zürnt mir.

Natürlich, ich kenne auch die biblische Verheißung, dass Gottes Zorn nur einen Augenblick währt – seine Barmherzigkeit dagegen für immer. Und ich kenne das biblische Bild, dass die Wucht seines Zornes vom Kreuz abgefangen ist. Dennoch: Heute möchte ich nicht relativieren. Heute möchte ich danach fragen, wie der Zorn Gottes ist. Ich kenne viele Bilder für den Zorn Gottes. Dieses zum Beispiel: Ein Feuer sei er, das alles verzehrt, sei er. Eine alte Geschichte ist konkreter. Gott ertappt den Brudermörder Kain und tritt ihm zornig entgegen: „Was hast Du getan?“, fragt er. Der zornige Gott stellt den Mörder zur Rede. Stellt auch uns, auch mich in Frage.

Es wird die Zeit kommen, in der ich wieder von der Liebe Gottes schreibe. Und von seiner Vergebung. Und von seinem Mitleid. Doch heute möchte ich die anklagende Frage des zürnenden Gottes stehen lassen: „Was hast Du in den letzten Jahren für den Frieden getan? Und was wirst Du in Zukunft dafür tun?“

Johannes de Vries ist Pastor der reformierten Kirchengemeinde in Schüttorf

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