22.01.2022, 12:00 Uhr

Zum Sonntag

Gemeinsam zu Tisch

„Und es werden kommen von Osten und von Westen, von Norden und von Süden, die zu Tisch sitzen werden im Reich Gottes“ (Lk 13,29). So lautet der Wochenspruch für diese Woche.

Die Bibel bewahrt sich die Träume, und damit bewahrt sie auch uns die Träume vom gelingenden Leben, vom Leben in Gemeinschaft, in Frieden und Gerechtigkeit.

Interessant ist ja in unseren Ohren, wenn von Ost und West, Nord und Süd die Rede ist. Wohl schon damals waren es nicht nur Himmelsrichtungen, die im Blick waren. Auch wir tragen unsere Bilder mit uns, wenn wir von denen aus dem Osten oder Westen, Norden oder Süden sprechen. Umfassend will diese Beschreibung sein. Jeder und jede ist mit hineingenommen!

Nein, nicht falsch verstehen. Wenn alles gut ist, wird es nicht so sein, dass dann alle so sein werden wie wir – wer auch immer mit dem „wir“ gemeint ist. Es wird nicht so sein, dass sie alle „unsere“ Werte, „unsere“ Vorstellungen von gut und schlecht, richtig und falsch teilen. Sie werden kommen mit unterschiedlichen Lebenshaltungen, unterschiedlichen Lebensformen, unterschiedlichen Hoffnungen, Ängsten, Befürchtungen, unterschiedlichen Ideen davon, was ein gutes und gelungenes Leben ist. Es wird nicht so werden, wie „wir“ es für angebracht halten. Denn das Reich Gottes ist das Reich, in dem Gott regiert und seine Idee vom Leben Realität wird.

Und so knapp dieser Vers auch ist, er gibt uns eine Vorstellung davon, was mit dem Reich Gottes gemeint ist und wie Gottes Idee vom Leben aussieht. Wenn man den Satz gedanklich von hinten her liest, wird deutlich: Das Reich Gottes ist offensichtlich da, wo Platz ist für die aus dem Osten und dem Westen, dem Norden und dem Süden. Reich Gottes ist dort, wo sie alle kommen und gemeinsam zu Tisch sitzen. Mehr braucht es offensichtlich nicht. Sehr klar und enorm stark.

Kommen, kommen müssen sie jedoch alle. Auch die christliche Kirche wie auch jeder einzelne Christenmensch sind nicht schon da. Auch sie/wir werden kommen – sich aufmachen, immer wieder den eigenen Standort verlassen, um sich auf den Weg zu machen zu dem hin, was hier mit dem Reich Gottes bezeichnet ist.

Mancher fragt vielleicht: Wenn alle kommen, gibt es dann nichts, was mit dem Reich Gottes ausgeschlossen wird? Doch! Ausgeschlossen wird jeder Exklusivismus, jede Ausgrenzung. Ausgeschlossen werden der Hochmut und die Besserwisserei. Ausgeschlossen wird jede Haltung, die keinen Platz lässt für die anderen – sei es die aus dem Osten oder Westen, dem Norden oder Süden.

Nein, das ist kein billiges Harmoniedenken – das ist echte Arbeit, enorm mühsam, alles andere als einfache Nostalgie oder bodenlose Schwärmerei. Schon das Kommen ist mühsam, weil man das, woher man kommt, hinter sich lassen muss. Und wie mühsam es ist, sich gemeinsam an einen Tisch zu setzen, merkt mancher, der nach einem Streit mit dem anderen wieder weiter muss.

Man fragt sich manchmal, was los ist auf unserer Erde. Fliegt uns denn bald alles um die Ohren? Werden die sozialen Spannungen in unserer Gesellschaft wie auch die weltweiten Spannungen uns irgendwann überrennen? Was soll ich Ihnen erzählen: Sie lesen ja selbst auch die Zeitung, sonst würden Sie diesen Text nicht lesen. Wir merken nicht nur die Spannungen zwischen Nord und Süd, Ost und West – aber die eben auch. Und vielleicht merken Sie auch selbst in Ihrem privaten Umfeld die Zersetzungskräfte, die an uns nagen.

Die Träume vom gelingenden Leben, die uns die Bibel erzählt, sind es wert, beachtet zu werden. Sie haben die Kraft, uns auf eine andere Spur zu bringen. Sie sprechen von einer Zeit und einem Land, in welche wir schon jetzt hineingenommen werden sollen. Und wenn wir es auch jetzt nicht perfekt hinbekommen, so erinnert uns der Wochenspruch an die Spur, die von Gott in unser aller Leben gezeichnet ist. Dieser Spur gilt es zu folgen.

Dieter Wiggers ist Pastor der altreformierten Kirchengemeinde in Nordhorn.