Ratgeber
05.08.2022, 12:00 Uhr / Lesedauer: ca. 2min

Forscher: Keine Testpflicht für Senioren am Steuer

Fahrlehrer Uwe Bocher (l) gibt Ulrich Mehl auf einer Testfahrt Tipps, wie er auch im Alter sicher unterwegs sein kann. Foto: dpa

© picture alliance / Anne-Sophie Galli/dpa

Fahrlehrer Uwe Bocher (l) gibt Ulrich Mehl auf einer Testfahrt Tipps, wie er auch im Alter sicher unterwegs sein kann. Foto: dpa

Bonn Der Bonner Gerontologe Georg Rudinger hält nichts von vorgeschriebenen Kontrollen der Fahrtauglichkeit für ältere Menschen. Solche Check-ups, wie sie in manchen Ländern verpflichtend seien, seien weder praktikabel noch zielführend, sagte der Geschäftsführer des Zentrums für Alterskulturen an der Universität Bonn. „Bei rund 20 Millionen über 65-Jährigen geht das logistisch gar nicht.“ Zudem zeigten EU-Ländervergleiche, dass der gewünschte Effekt ausbleibe und die Zahl der Unfälle nicht zurückgehe.

„Es gibt sogar ethische Probleme“, sagte der emeritierte Psychologieprofessor. Beispiele aus Dänemark zeigten, dass ältere Menschen, die den Führerschein verlören, dann auf andere Verkehrsmittel umstiegen. „Sie bewegen sich zu Fuß, mit dem Fahrrad oder per Pedelec.“ Die Gefahr, selbst Opfer eines schweren Unfalls zu werden, steige damit an. „Letztlich schädigt man sie, denn sie sind die verletzlicheren Verkehrsteilnehmer.“

Freiwillige Sicherheitstrainings oder Rückmeldefahrten, wie sie Fahrschulen zum Teil anbieten, hält Rudinger dagegen für empfehlenswert. Das gelte nicht nur für ältere Menschen: „So etwas kann man altersunabhängig machen, zum Beispiel nach einem Unfall, längerer Krankheit oder wenn jemand länger nicht mehr gefahren ist.“ Solche Fahrten hätten nachweislich einen positiven Effekt auf das Fahrverhalten. Allerdings sei die Wirkung zeitlich begrenzt. Daher schade es nicht, die Angebote wiederholt zu nutzen.

Der Altersforscher rät davon ab, in der Familie den Streit darüber auszufechten, ob jemand im Alter noch Auto fahren solle. „Das vergiftet das soziale Klima.“ Gemeinsam mit Bonner Forschungskolleginnen habe er deshalb schon vor Jahren das sogenannte „Hausarztmodell“ und ein Fortbildungskonzept für Mediziner entwickelt. Diese sollten bei entsprechenden gesundheitlichen Problemen das Gespräch mit den Patienten suchen. Allerdings sei dieses Modell von den Ärzten nicht ausreichend angenommen worden. Möglicherweise befürchteten sie, Patienten zu verlieren. „Aber sie haben geradezu die standesrechtliche Pflicht, so etwas anzusprechen.“

Statistisch gesehen gehe von älteren Verkehrsteilnehmern keine größere Gefahr aus als von Jüngeren, sagte der Forscher. So verursachten Senioren im Alter ab 65 Jahren weniger Unfälle mit Personenschaden als alle anderen Altersgruppen. Entscheidend sei dabei nicht die gern ins Feld geführte Zahl der Unfälle pro Kilometer, sondern die Gesamtzahl der verursachten Unfälle. Ältere setzten sich in der Regel seltener ans Steuer und machten auch nicht so weite Fahrten. dpa