12.01.2022, 04:00 Uhr

Guten Morgen!

Fehlende Expertise

Geistliche Vertreter der katholischen Kirche - allen voran der Papst höchstpersönlich - neigen dazu, starke Meinungen zu Dingen zu vertreten, die fernab ihrer eigenen Lebensrealität liegen. Als jemand, der katholisch aufgewachsen ist und auch eine katholische Schule in Priesterhand besucht hat, kann ich ein Lied davon singen. Kürzlich warnte ausgerechnet Papst Franziskus angesichts sinkender Geburtenraten vor einem „demografischen Winter“ und kritisierte kinderlose Paare, die sich bewusst gegen Kinder entschieden haben, als egoistisch. „Hunde und Katzen nehmen den Platz der Kinder ein“, sagte er im selben Atemzug und fand das nach eigenem Bekunden zum Lachen.

Dabei gibt es durchaus gute Gründe, keine Kinder zu wollen, etwa die Sorge vor Überforderung oder die Sorge, dem Kind nicht gerecht werden zu können – sei es angesichts eigener familiärer Erfahrungen und Traumata, (psychischer) Krankheiten, fehlender finanzieller Mittel oder Arbeits-, Wohn- und Lebenssituation - um hier nur Beispiele zu nennen. Junge Paare sollen nach Ansicht des Papstes aber lieber ihre Prioritäten überdenken und sich gefälligst im Dienste des Christentums vermehren, statt sich in ihrem Egoismus so etwas lächerlichem wie Haustieren zu widmen. Von der kirchlichen Ablehnung der Selbstbestimmung, der fragwürdigen Rolle der Frau oder dem Festhalten an patriarchalen Rollenbildern fange ich gar nicht erst an.

Für jemanden, der intime Beziehung und Partnerschaft wohl nur vom Hörensagen kennt, an den Alltagsanforderungen durchschnittlicher Menschen vorbeilebt und der mutmaßlich über keinerlei Expertise in Sachen Fortpflanzung verfügt, mischt sich der Papst jedenfalls für meinen Geschmack ein bisschen zu sehr in Angelegenheiten ein, von denen er nichts versteht.