03.12.2022, 12:00 Uhr / Lesedauer: ca. 3min

Zum Sonntag

Es ist ein Ros entsprungen

Von Hanno Sommerkamp

Die Winter waren hart. Jeder Winter war lebensbedrohend. Es war kalt. Im ganzen Kloster war nur ein Aufenthaltsraum geheizt. Nur wenige Stunden am Tag durfte sich ein Mönch darin aufhalten. Das Essen war knapp. Familien teilten ihre Nahrungsmittel ein und hofften, dass es auch dieses Jahr wieder für alle reichen würde und alle Kinder und Alte den Winter überleben würden.

„Mitten im kalten Winter“ stapfte der Mönch Laurentius durch die weiß bedeckte Landschaft. Er war auf dem Weg zur klösterlichen Christmette, als er mitten im Schnee einen frischen Rosentrieb sah. Eine Blume, Farbe, neues Leben, ein Zeichen der Hoffnung, wo es keiner erwartet hätte. Ein Gruß vom kommenden Frühling. Noch am selben Tag kleidete Laurentius sein Erleben in zwei Strophen eines Liedes. Und er hat dabei an die Worte aus dem biblischen Buch Jesaja, Kapitel 11 gedacht: „Aus dem Baumstumpf Isai wird ein Spross wachsen, ein neuer Trieb aus seinen Wurzeln wird Frucht bringen.“

Soweit die Legende. Tatsächlich kennen wir den Urheber dieses Liedes nicht. Wir wissen nur, dass Michael Praetorius den Text 1587 in Trier vertont hat. Und wir wissen, dass dieses Lied immer wieder für eine Reihe von Missverständnissen sorgt: Als Kind habe ich dieses Lied nie verstanden. Ich kannte wohl Christrosen. Aber ich wusste nicht, wie Rosen springen können. Ich dachte immer, es könnte ein Ross gemeint sein. Aber das hat mich auch nicht weitergebracht. Dann habe ich aufgeschnappt, dass es hier um Reis geht. Doch auch das hielt ich für abwegig. Denn: Wie soll Reis aus einer Wurzel springen? In unserem heutigen Sprachgebrauch kennen wir das Wort „Reisig“ – und damit kommen wir der Bedeutung der Worte dieses Liedes sehr nah.

Wenn man in der Forstwirtschaft einen Baum fällt, so dass nur noch der Stumpf stehen bleibt, dann fällt man ihn nicht gerade, denn dann würde der Stumpf faulen. Man muss den Baum also schräg abschneiden. Denn dann perlt der Regen ab und aus dem Stumpf kommt ein neuer Reis. Ein neuer Baum entsteht. Und das ist hier gemeint.

Mitten im kalten Winter unseres Lebens, wenn wir uns nicht nur zurechtgestutzt fühlen, sondern schon eher wie gefällt – mitten in den Härten und Ausweglosigkeiten unseres Seins lässt Gott etwas Neues entstehen. Und das ist die Botschaft, die sich im Advent ankündigt: Leben, wo man es nicht erwartet. Zartes, verletzliches Leben, das sich durchsetzt. Hoffnung, wo es kalt ist. Neues Leben, das allein Gott geschaffen hat. Ein Zeichen des Frühlings mitten im Winter.

Hanno Sommerkamp ist Pastor der Baptistenkirche Nordhorn

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