08.07.2022, 11:00 Uhr / Lesedauer: ca. 3min

Post vom Chefredakteur

Es geht nicht ohne uns - hat die Politik das begriffen?

author Von Guntram Dörr

Liebe Leserinnen und Leser,

die Landtagswahl am 9. Oktober wirft ihre Schatten voraus. Auch in der Grafschaft haben die Parteien ihre Kandidaten nominiert, die mehr oder weniger aussichtsreich ins Rennen um ein Mandat im Leineschloss von Hannover kämpfen. Sie konnten in den vergangenen Wochen und Monaten verfolgen, dass die CDU erneut auf die Zugkraft des amtierenden Finanzministers Reinhold Hilbers aus Lohne setzt, während die Sozialdemokraten auf einen jungen Mann setzen: Steffen Müller aus Nordhorn möchte in die großen Fußstapfen von Gerd Will treten, der mit knapp 70 seine landespolitische Karriere beendet.

Weitere Direktkandidaten aus der Grafschaft sind Thomas Brüninghoff (FDP), Theresa Sperling (Grüne) und Ansgar Schledde (AfD). Der Wahlkampf wird erfahrungsgemäß nach dem Ende der Sommerferien an Fahrt gewinnen, für die GN-Lokalredaktion ist eine ausführliche Berichterstattung mit Hintergründen, Interviews und Reportagen auch diesmal wieder – Ehrensache.

Reizvolle Aufgabe und Pflicht zugleich

Welche Ziele haben die Frauen und Männer, auf die sich der Blick der Öffentlichkeit richtet? Wie wollen sie ihren Heimatlandkreis erfolgreich in der Landeshauptstadt vertreten, damit die Bürger zu ihrem Recht kommen? Für Tageszeitungen wie die Grafschafter Nachrichten bedeutet eine solche Wahl eine reizvolle journalistische Aufgabe und publizistische Pflicht zugleich. Allerdings stellt sich aktuell die Frage, ob die Akteure ganz unabhängig vom Parteibuch diese mediale Aufgabe zu schätzen wissen. Damit komme ich zu einem Wort in eigener Sache: Ich habe ernste Zweifel daran.

Die Branche ist in Aufruhr

Denn seit die Wahlprogramme vorliegen, befindet sich meine Branche in Aufruhr. Unter den Stichworten „Politik“ und „Journalismus“ ist darin vor allem die Rede vom Norddeutschen Rundfunk, der seine inhaltliche Arbeit über Zwangsgebühren finanziert, die künftig womöglich an die Inflationsrate angepasst werden. Ansonsten drehen sich die Gedanken der Politik um Bürgerfunk und journalistische Experimente, denen Förderung und großzügiger Flankenschutz in Aussicht gestellt wird.

Was geschieht in den Parteien, wie wirken sich politische Beschlüsse aus? Das zu verfolgen, ist eine reizvolle Aufgabe. Beim CDU-Parteitag in Nordhorn hatte ich einiges zu notieren. Foto: Jürgen Lüken

© Lüken, Jürgen

Was geschieht in den Parteien, wie wirken sich politische Beschlüsse aus? Das zu verfolgen, ist eine reizvolle Aufgabe. Beim CDU-Parteitag in Nordhorn hatte ich einiges zu notieren. Foto: Jürgen Lüken

Jenen Medien, die sich wirtschaftlich behaupten müssen, um hochwertigen Journalismus bezahlen zu können, gilt in den politischen Lagern ganz offensichtlich kein Gedanke. Also Tageszeitungen wie den GN und professionellen Radiosendern, die inmitten eines dramatischen Strukturwandels um Leser und Hörer kämpfen müssen wie niemals zuvor in der Pressegeschichte. Genau diese kommerziellen Medien (natürlich inklusive der öffentlich-rechtlichen Sender) aber sind letztlich die einzige mediale Kraft, die eine auseinander driftende Gesellschaft zusammenhalten kann. Unser Niedersachsen-Korrespondent Lars Laue hat dazu die Einschätzung der führenden Medienpolitiker erfragt und eine treffende Situationsbeschreibung geliefert.

Wert- und Geringschätzung

Ich selbst wollte von den Grafschafter Landtagskandidaten wissen, ob ihnen das offenkundige Missverhältnis zwischen geäußerter Wert- und faktischer Geringschätzung bewusst ist. Und GN-Geschäftsführer Jochen Anderweit, der zurzeit als Verbandsvorsitzender die Interessen von 40 Zeitungstiteln in Niedersachsen und auf Bremer Gebiet vertritt, nimmt am Sonnabend in unserer Rubrik „Wie ich es sehe“ auf der Meinungsseite zu diesem Thema kein Blatt vor dem Mund.

Wo Beschimpfungen normal sind

Bilden Sie sich bitte Ihre Meinung! Auf der Plattform kommerzieller Verlagshäuser kann eine Meinungsvielfalt professionell abgebildet, ein Thema eingeordnet, eine oder mehrere Perspektiven eröffnet werden - solange ihnen bei ihrem Geschäft wenigstens keine Knüppel zwischen die Beine geworfen werden. Möchten Sie sich vorstellen, eine emotionale Auseinandersetzung über die Zukunft der Nordhorner Eissporthalle bliebe alleine den sogenannten sozialen Netzwerken oder anderen Internet-Plattformen vorbehalten, die gegenseitige Beschimpfung für normal halten und in neun von zehn Fällen das Thema, um das es wirklich geht, komplett aus den Augen verlieren oder verbohrt auf einem Standpunkt verharren, obgleich er niemanden nur einen Millimeter weiterbringt?

Darum ein Wort in eigener Sache

Das aber ist der Alltag, den Funktionsträger in allen Bereichen fürchten müssen, wenn sie nur über ein wenig Weitblick verfügen. Gesellschaftlicher Diskurs, der das demokratische System und darin die Rolle der gewählten Politiker sichert, der Orientierung bietet und Toleranz fördert, sollte im Interesse aller liegen, die ein funktionierendes Gemeinwesen wollen. Wie soll das ohne eine freie und unabhängige Presse funktionieren? Ich finde, dieses Wort in eigener Sache war nötig. Es bleibt vielleicht nicht das letzte.

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