26.11.2021, 11:00 Uhr / Lesedauer: ca. 5min

Post vom Chefredakteur

Erteilt den Gelben Säcken eine Abfuhr!

author Von Steffen Burkert

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

es gibt Nachrichten, bei denen wissen wir in der GN-Redaktion sofort, dass sie viele von Ihnen brennend interessieren. Artikel zu diesen Themen werden viel gelesen, intensiv diskutiert, kontrovers kommentiert. „Aufregerthemen“ nennen wir sie, und ein Paradebeispiel dafür ist in der Grafschaft schon seit Jahren die Abfallentsorgung. Müllgebühren, Müllverbrennung, Mülltransporte, Mülltourismus – Texte mit diesen Schlagworten sind immer gut für die Seite 1.

Das haben wir zum Beispiel zu Beginn der Corona-Pandemie gemerkt. Als ob wir zu Zeiten von steigenden Infektionszahlen, belegten Intensivbetten, Lockdown und Ausgangssperren keine anderen Sorgen gehabt hätten, sorgte ausgerechnet die Schließung der Gartenabfallsammelplätze für die ausgiebigsten Diskussionen in den Leserkommentaren auf GN-Online und im Leserforum der gedruckten Ausgabe.

Reizthema „Gelbe Säcke“

Jüngst hat sich wieder bestätigt, dass die Abfallentsorgung ein Thema ist, zu dem jeder eine Meinung hat – auch bei uns in der GN-Redaktion. Auf dem Themenplan stand die Sitzung des Abfallwirtschaftsausschusses des Grafschafter Kreistages (ja, einen solchen Ausschuss gibt es wirklich!) und da wiederum der Tagesordnungspunkt 5 „LVP-Sammlung (Gelbe-Sack-Sammlung) im Grafschafter Kreisgebiet“.

Gelbe Säcke? Das Reizwort genügt, um in Redaktionskonferenzen lebhafte Diskussionen auszulösen. Im Ausschuss gehe es um die mangelhafte Qualität der Säcke, um verspätete Abholung, um ausbleibende Reaktionen auf Beschwerden, wusste ein Kollege zu berichten, der sich vorab die Ausschussunterlagen angesehen hatte.

Ein dankbares Thema. Dachte ich.

Ein klassisches „Aufregerthema“ also, über das wir auf jeden Fall berichten mussten. Und eines, das auch einen Kommentar wert wäre – also einen Meinungsartikel, in dem ein Redakteur seine Sicht der Dinge auf den Punkt bringt.

Ein dankbares Thema, dachte ich sofort, da schreibt sich so ein Kommentar fast von allein. Schließlich fand ich Grüner Punkt und Gelber Sack immer schon absurd. Ab dem 1. Januar 2022 dürfen wir unsere Einkäufe nicht mehr in Plastiktüten vom Supermarkt nach Hause tragen, weil sie dann – endlich! – zum Schutz der Umwelt verboten sind. Unseren Müll aber dürfen wir weiterhin in Tüten an die Straße stellen. Um Verpackungen möglichst umweltschonend zu entsorgen, produzieren wir – zusätzliche Verpackungen. Was für ein Irrsinn! Und dann auch noch welche, die schon beim Abziehen von der Rolle, spätestens aber beim Zuknoten reißt – mit noch umweltschädlicheren Folgen. Denn: „Wir nehmen immer gleich zwei übereinander“, gesteht ein Kollege in der Redaktionskonferenz. So produziert die Müllentsorgung zusätzlichen Müll.

Tonne statt Tüte

Es wird Zeit, diesem System eine Abfuhr zu erteilen. Warum führen wir in der Grafschaft nicht endlich die Gelbe Tonne ein? Im Emsland wird sie zum Jahresbeginn 2022 schließlich auch kostenfrei an alle Haushalte geliefert. Tonne statt Tüte, Mehrweg statt Einweg: Das sollte bei einem System, das sich „Grüner“ Punkt nennt, doch eine Selbstverständlichkeit sein.

Zugegeben: Die Forderung nach einer Gelben Tonne fällt mir leicht, weil wir zuhause ausreichend Platz dafür hätten. Wer beengt wohnt, mag von einer zusätzlichen, dritten Tonne weniger begeistert sein. Andererseits: Die gelben „Wertstoffsäcke“ müssen doch auch irgendwo gelagert werden und türmen sich am Ende der 14-Tage-Abholphasen mindestens so hoch wie eine Tonne – sofern sie nicht längst, siehe oben, in Fetzen durch die Gegend fliegen. Also, ihr Kreistagspolitiker im Abfallwirtschaftsausschuss, es ist doch ganz einfach: Schafft endlich die Gelben Säcke ab und sorgt für eine umweltfreundliche und zugleich reißfeste Alternative!

Viel Meinung, wenig Ahnung

Sie sehen: Mit einer Meinung bin ich bei diesem Thema schnell zur Hand. Aber gerade Aufregerthemen zeichnen sich häufig dadurch aus, dass wir bei ihnen mehr Meinung als Ahnung haben. Und deshalb schreibt sich ein journalistischer Kommentar – im Gegensatz beispielsweise zu manchem Leserkommentar auf GN-Online – eben nicht mal eben und wie von selbst. Sondern es ist unser Job, zuerst Ahnung von einem Thema zu haben – und danach unsere Meinung fundiert zu begründen. Und deshalb habe nicht ich den Bericht und den Kommentar auf der Meinungsseite der GN geschrieben, sondern eine Kollegin und ein Kollege, die sich mehr Zeit genommen und gründlicher in die Thematik eingearbeitet haben als ich. Und die dabei zu ganz unterschiedlichen Einschätzungen gekommen sind, weshalb sie gleich zwei Kommentare „Pro & Contra“ geschrieben haben.

Komplexer als gedacht

Denn auch das ist bei Aufregerthemen oft so: Befasst man sich intensiver mit ihnen, dann stellt man fest, dass manches doch nicht so klar und einfach ist, wie man zunächst dachte. Müllentsorgung zum Beispiel ist in Deutschland ein komplexes System. Der Grafschafter Kreistag hat zu diesem Thema zwar einen eigenen Ausschuss, beim Gelben Sack jedoch kaum etwas zu sagen. Zuständig ist nämlich gar nicht der Landkreis, das Duale System ist privatwirtschaftlich organisiert und finanziert. Wenn die Säcke ewig liegenbleiben, ständig reißen oder im Supermarkt kaum zu bekommen sind, dann können die Politiker im Ausschuss kaum mehr tun als jeder andere Bürger auch: Sie können sich beschweren. Und zwar „beim Verhandlungsführer des Dualen Systems“, wie es in der Ausschussvorlage heißt.

Dieser Verhandlungsführer wiederum (der ein Unternehmen ist, keine einzelne Person) schreibt die Abfuhr der Gelben Säcke alle paar Jahre bundesweit aus. Immerhin: In der Grafschaft wird ab 1. Januar 2022 ein anderer Dienstleister zuständig sein als zuletzt – und zwar einer, der „bereits früher die Gelbe Sackabfuhr zur Zufriedenheit der Bürgerinnen und Bürger in der Grafschaft ausgeführt“ habe, wie die Mitglieder des Abfallwirtschaftsausschusses zur Kenntnis nehmen durften.

Fazit: Ich bleibe zwar dabei, dass man die Gelben Säcke in die Tonne kloppen kann. Grafschafter Kreispolitikern aber dafür die Schuld zu geben, kommt nicht in die Tüte.

PS: Übrigens haben wir auch Sie, liebe Leserinnen und Leser, nach Ihrer Meinung zur Gelben Tonne gefragt. In kürzester Zeit wurden mehr als 1800 Stimmen abgegeben - ein Aufregerthema halt. Weiterhin abstimmen und das Ergebnis sehen können Sie hier.

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