13.05.2022, 11:00 Uhr / Lesedauer: ca. 3min

Post vom Chefredakteur

Dumm muss niemand bleiben, erst recht nicht in Freiheit

author Von Guntram Dörr

Liebe Leserinnen und Leser,

der Krieg in der Ukraine löst global große Besorgnis aus und überschattet auch in der Grafschaft das alltägliche Leben. Vom Leid des ukrainischen Volkes, von den Zerstörungen durch die russische Armee und vom Millionenheer der Geflüchteten berichten wir in den GN täglich, das ist unsere Aufgabe. Aber wir können dieses Geschäft in Sicherheit erledigen, das garantiert unsere freiheitliche Grundordnung, auf der die demokratische Gesellschaft fußt. Wir haben Pressefreiheit! Sie halten das für selbstverständlich?

Der Druck auf die freie Presse nimmt weltweit zu

Ich bin dankbar für diese Errungenschaft, sie ist ein hohes Gut. Wer Information und Aufklärung zu seinem Beruf gemacht hat, darf bei uns umfassende Rechte einfordern. Der Staat und seine Repräsentanten in ihren örtlichen Niederlassungen sind Journalisten gegenüber zur Auskunft verpflichtet, sie müssen Kritik ertragen und dürfen die Arbeit der Medien nicht behindern. Das sieht in vielen anderen Staaten anders aus, dort leben die Vertreter meiner Zunft gefährlich. Unlängst bestätigte der Wahlkreis-Abgeordnete Jens Beeck aus Lingen diese Einschätzung: „Der Druck auf die Pressefreiheit und die Freiheit der Berichterstattung durch Rundfunk und Film nimmt weltweit leider zu.“

In 20 Jahren mehr als 1600 Journalisten getötet

Nach Zählung von „Reporter ohne Grenzen“ (RSF) wurden in den vergangenen 20 Jahren rund um den Globus mehr als 1600 Journalisten und Reporter getötet. Die Organisation zählt aktuell Russland und die Philippinen zu den Staaten, die Medienschaffende im wahrsten Sinne des Wortes ins Kreuzfeuer nehmen.

3. Mai, „Tag der Pressefreiheit“: Mitglieder des Deutschen Journalistenverbandes (DJV) haben vor der russischen Botschaft in Berlin für ein Grundrecht demonstriert, das bei uns selbstverständlich ist. Foto: dpa

© picture alliance/dpa

3. Mai, „Tag der Pressefreiheit“: Mitglieder des Deutschen Journalistenverbandes (DJV) haben vor der russischen Botschaft in Berlin für ein Grundrecht demonstriert, das bei uns selbstverständlich ist. Foto: dpa

Seit Rodrigo Duterte am 30. Juni 2016 philippinischer Präsident wurde, sind 15 Journalisten ermordet worden. Seit Wladimir Putins Amtsantritt am 7. Mai 2000 als Kreml-Chef sind 37 von ihnen getötet worden. Der russische Angriff auf die Ukraine hat daher ganz folgerichtig auch den 3. Mai thematisch beherrscht, der jährlich als „Tag der internationalen Pressefreiheit“ ausgerufen wird. Die Berichterstatter zeichnen ein düsteres Bild.

Zusammenbruch der unabhängigen Medienlandschaft

Viele Journalistinnen und Journalisten sind aus der Ukraine geflüchtet, sie versuchen, ihrer Arbeit in anderen Staaten nachzugehen. Was sie zu sagen, zu schreiben und zu senden haben, erreicht ihre Landsleute durchaus. Anders sieht das in Russland aus. Wer sich dem staatlich gelenkten Fernsehen entziehen möchte, bleibt blind. Christian Mihr, der Geschäftsführer von „Reporter ohne Grenzen“, spricht von einem „regelrechten Zusammenbruch der unabhängigen Medienlandschaft“.

Die Zensur dient dem Kriegsherren als Schutzschild

Niemand kann mehr ungestraft die Wahrheit beim Namen nennen. Der Krieg, den Russland gegen sein Nachbarland führt, darf nicht Krieg genannt werden. Für Nachrichten über die Streitkräfte, die das Putin-Regime als „falsch“ deklariert, drohen dem Verfasser bis zu 15 Jahre Gefängnis. Das alles erstickt nicht nur die Presse- und Informationsfreiheit im Keim. Die Zensur dient dem Kriegsherren als Schutzschild gegenüber dem eigenen Volk, das nicht erfährt, was seine Truppen wirklich anrichten.

Diktatur bei uns? Eine hohle Phrase

Was heißt das für uns? Befeuert durch die Restriktionen wegen der Corona-Pandemie, hat die Rolle der freien Presse vielfach eine Geringschätzung erfahren. Wir haben die Demo-Plakate und Aussagen der Protestler bei Kundgebungen in der Grafschaft noch vor Augen. Ihr an die deutsche Politik- und Parteienlandschaft gerichteter „Diktatur“-Vorwurf entlarvt sich spätestens mit Blick auf die tatsächlichen Auswirkungen einer despotischen Herrschaft als hohle Phrase.

Klares Bekenntnis zur Pressefreiheit

Zum symbolträchtigen 3. Mai hat der FDP-Politiker Beeck eine weitere Einschätzung abgegeben, die ich ausdrücklich teilen möchte. Er fordert „ein klares Bekenntnis zur Pressefreiheit als Grundlage von Meinungsfreiheit und einer liberalen, weltoffenen und demokratischen Gesellschaft“ und stellt fest: „Gegen Pressefreiheit geht nur vor, wer andere Meinungen fürchtet und Menschen unterdrückt.“

Medien sind nicht unfehlbar, aber sie sind da

Sollte der ein oder andere Staatsverdrossene hierzulande also noch einen Spalt in der eigenen Lebens-Blase finden wollen: Die Medien sind da, sie berichten. Sie sind nicht unfehlbar, und man muss nicht alles gut finden, was geschrieben und gesendet wird. Sogar Schmähungen an ihrer Arbeit sind erlaubt. Aber dumm muss niemand bleiben, erst recht nicht in Freiheit.

Newsletter abonnieren

Um Newsletter auswählen zu können, müssen Sie auf GN-Online angemeldet sein.

Bereits registriert?
Noch nicht registriert?

Deine Auswahl kannst du jederzeit ändern. Du erhältst den Newsletter kostenfrei an die E-Mail-Adresse, die du in deinem Benutzerkonto hinterlegt hast.

Mehr GN-Newsletter »

So erreichen Sie uns

Digital
Hilfecenter

Zentrale
Telefon 05921 707-0

Redaktion
Telefon 05921 707-300

Anzeigen
Telefon 05921 707-400

Abo-Service
Telefon 05921 707-500

E-Mail
gn@gn-online.de

Postanschrift
Grafschafter Nachrichten
Coesfelder Hof 2
48527 Nordhorn