18.11.2022, 11:00 Uhr / Lesedauer: ca. 3min

Post vom Chefredakteur

Die WM beginnt - wir berichten, Sie entscheiden

author Von Guntram Dörr

Ein Einheimischer filmt die Kolonne mit dem Bus der deutschen Nationalmannschaft in der Nähe des Zulal Wellness Resort, wo das Team um Bundestrainer Flick logiert. Fiebern Sie mit? Foto: dpa

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Ein Einheimischer filmt die Kolonne mit dem Bus der deutschen Nationalmannschaft in der Nähe des Zulal Wellness Resort, wo das Team um Bundestrainer Flick logiert. Fiebern Sie mit? Foto: dpa

Liebe Leserinnen und Leser,

schon am Sonntag beginnt die Fußball-Weltmeisterschaft – sind Sie auch überrascht? Es scheint, als habe sich über dieses Großereignis, das normalerweise selbst Fußballmuffel aus dem Sessel holt, bereits im Vorfeld ein Schleier gelegt. In der Grafschaft zeigen die Fans viel Skepsis, aber kaum Euphorie, wie meine Kollegen Frank Hartlef, Martin Lüken und Holger Wilkens bei ihren Recherchen festgestellt haben. Sogar Frank Spickmann, der als Geschäftsführer des Kreissportbundes schon qua Amt im Fußballfieber liegen müsste, winkt ab: „Das geht ziemlich an mir vorbei.“

Den Grund für die mangelnde Vorfreude definiert unsere Sportredaktion mit gewohnter Klarheit: „Zu sehr überlagert die Diskussion über die Vergabe des Turniers durch die FIFA an ein Land, in dem Menschenrechtsverletzungen an der Tagesordnung sind und unwürdige Arbeitsbedingungen herrschen, den Sport.“ Und doch berichten wir.

Medien im Dilemma

Während der WM-Wochen werden unsere Partner von der Neuen Osnabrücker Zeitung täglich einige Sonderseiten produzieren, die auch im überregionalen Sportteil der Grafschafter Nachrichten erscheinen. Wir bieten erneut ein Tippspiel an, was auf unseren Social-Media-Kanälen kritisch kommentiert wurde: Gehört sich das, GN? So erreicht die bundesweit spürbare Ablehnung dieser Weltmeisterschaft in der Wüste die Grafschaft, wo sich jahreszeitlich bereits das Wetter eintrübt, während die Kicker in Katar klimatisierte Stadien brauchen, um 90 Minuten durchzuhalten. Dennoch bin ich der Meinung, dass zur gerechten Beurteilung dieses Dilemmas, in dem die Medien insgesamt stehen, ein ganzheitlicher Blick nötig ist.

Käuflicher Fußball

Was faul ist im Staate Katar, welche üblen Machenschaften beim Weltfußballverband (nicht nur vor dieser WM!) offenbar vor sich gehen, das konnten die Leser und User der Grafschafter Nachrichten im Vorfeld durch ausführliche Hintergrundberichte erfahren. Für mich hat sich dadurch das Bild geklärt; wie ich finde, haben auch die Fernsehkollegen einiger Sender in dieser Hinsicht einen guten Job gemacht. Fazit: Die Fußball-Weltmeisterschaft ist eine Geldmaschine, die nicht nur Funktionärstaschen füllt, sondern ganz allgemein käuflich ist – siehe das kleine, aber unfassbar reiche Katar.

Diese Erkenntnis wird mir die Freude am wunderbaren Fußballsport nicht nehmen. Ob ich doch einschalte, wenn die deutsche Mannschaft in Richtung Titel marschiert? Gut möglich. Diesmal noch jedenfalls. Wenn aber das FIFA-Übel nicht bald an der Wurzel gepackt und aus dem Sumpf gerissen wird, dann ist Schluss mit „Deutschland gucken“.

Weiterblättern oder wegsehen

Grundsätzlich taugt dieses Thema nicht als gesellschaftlicher Spaltpilz, dafür ist es – etwa im Vergleich mit einer Pandemie oder einem Krieg – zu unbedeutend. Wer die WM boykottieren möchte, schaltet um oder blättert weiter, der kauft keine Trikots und reist schon gar nicht nach Katar. Wer die WM sehen will, soll das ohne böse Blicke tun können. Der Medieneinsatz vor diesem Großereignis (und sicher auch punktuell währenddessen) hat die Situation ausgeleuchtet, eine Menge für die Meinungsbildung getan und damit einen publizistischen Auftrag erfüllt.

Wie war das noch mit China?

Empörung, kühler Kopf oder irgendetwas dazwischen: Ich brauche dafür keine Vorturner im Web oder sonst irgendwo. Die Konsequenzen zieht jeder persönlich. Eine derartige Ausgangsposition unterscheidet demokratische Gesellschaften wie unsere von feudalen oder diktatorischen Systemen, wie sie beispielsweise in Katar oder Russland zu finden sind. Nicht zu vergessen China. Waren dort nicht die Olympischen Spiele sowohl im Sommer 2008 als auch im Februar dieses Jahres noch zu Gast? Übrigens: Erdgas aus Katar nehmen wir schon, oder?

Boykott durch Rote Karte

Und mal ganz unter uns, liebe Leserinnen und Leser: Was wären die FIFA und Austragungsbewerber wie das Scheichtum am Persischen Golf, wenn nationale Fußballverbände wie der Deutsche Fußballbund schon früh und konsequent die Rote Karte gezeigt hätten: mit Boykott durch Nichtteilnahme. Falls Sie es dennoch wissen wollen, weil der Termin an Ihnen vorbeigegangen ist: Das Turnier startet am Sonntag mit der Begegnung zwischen Katar und Ecuador.

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