09.07.2022, 12:00 Uhr / Lesedauer: ca. 2min

Zum Sonntag

Das setzt dem Ganzen doch die Krone auf!

Von Gerd Wieners

Montag, 7.30 Uhr: Besuch der Schützen am Pfarrhaus in Neuenhaus. Um diese Uhrzeit? „Das setzt dem Ganzen doch die Krone auf“, denke ich und merke auf den zweiten Blick die doppelte Bedeutung des Satzes: Auf der einen Seite, wenn etwas völlig übertrieben ist, über das Normale hinaus geht. Die andere Seite ist, den Satz wörtlich zu nehmen. Dann adelt er eine Sache, rundet sie ab, macht sie vollständig.

Diese andere Bedeutung des Satzes wird für mich immer wichtiger: Dass mit der spielerischen Krönung eines Mannes, einer Frau, der Mensch geadelt wird. Und zwar ein jeder Mensch.

Aus unserer christlichen Tradition heraus ist der Mensch ein Königskind. Ganz bewusst wird uns das bei der Taufe zugesagt, wenn der Täufling nach dem Übergießen mit Wasser noch mit Salböl gesalbt wird.

Es erinnert mich an einen katholischen Diakon aus der Nähe von Bonn, der im Erstberuf Tischler ist. Dieser Mann ist ein Frühaufsteher, der gern schon zum Sonnenaufgang in der angrenzenden Werkstatt des Pfarrhauses steht. Dort schnitzt er in einer Art Morgenmeditation Könige und Königinnen.

Eine ganze Versammlung dieser adeligen Figuren kann man in seiner Werkstatt begegnen. Mal mit Krone auf dem Kopf, mal sitzend die Krone neben sich, aber immer ganz aufrechte Figuren. Nur wenige sind in der Öffentlichkeit zu sehen: Aber in vielen Impfzentren in Nordrhein-Westfalen standen sie in den Wartezonen, im Flur des Sozialamtes, auf den Rettungsschiffen zur Aufnahme Schiffbrüchiger im Mittelmeer oder auch im Kirchenschiff in Nordhorn finden man sie.

Der Künstler möchte damit die Würde eines jeden Menschen betonen und herausstellen: Jeder Mensch, jede Person hat seine unverbrüchliche Würde, unabhängig von Alter und Glauben, der Herkunft, des Geschlechts, der sexuellen Orientierung.

Mancher mag sagen: „Jetzt schießt der aber den Vogel ab!“ Ja, wenn ich es wieder wörtlich nehme: Wer den Vogel abschießt, sollte bereit sein mit der Königswürde auch Verantwortung zu übernehmen und – stellvertretend für alle – die Krone menschlicher Würde zu tragen.

Wir können uns – Schütze oder nicht Schütze – sicher sein, dass wir einen Auftrag haben in dieser Welt, jeder auf seine ganz eigene Weise. Wir müssen nicht die ganze Welt verändern – aber vielleicht die Würde des „Nächsten“ schützen.

Gerd Wieners ist Pfarrbeauftragter in der katholischen Pfarreiengemeinschaft Niedergrafschaft

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