10.09.2022, 12:00 Uhr / Lesedauer: ca. 3min

Zum Sonntag

Da ist jemand

Von Holger Schmidt

Ist da jemand? Wir lassen es gar nicht gerne zu – das Gefühl von Einsamkeit. Ich kann das verstehen. Wer gibt schon ehrlich zu: Ich fühle mich einsam. Nach außen vertuschen wir es gerne. Ich selbst weiche dann gerne auf große Konzerte und volle Stadien aus. Mitten von tausenden Menschen bin ich nicht allein, aber immer noch einsam.

Es gibt zahlreiche Gründe dafür, warum sich Menschen einsam fühlen: Nach einer schmerzlichen Trennung einer Beziehung, durch einen Wohnungswechsel oder durch einen Todesfall. Viel schwieriger finde ich die Form von Einsamkeit, die sich existenziell auf die Persönlichkeit auswirkt, wenn sich also die Einsamkeit als Grundgefühl einschleicht – so wie bei vielen Menschen in der Pandemie. Schwieriger finde ich sie deshalb, weil ich sie erst nicht bemerke und wenn die Einsamkeit dann da ist, ich sie wahrnehme, kann sie schnell deprimieren. Vielen hilft hier körperliche Bewegung. Aber wenn der tausendste Spaziergang (bei mir mit dem Hund) gegangen ist, kann auch das einsam sein. Eine gesunde Balance von Leib und Seele zu halten, das ist gar nicht so leicht, wenn die Psyche durch das Gefühl der Einsamkeit überrannt wird. Was dann?

„Ist da jemand?“, könnte ich jetzt mit Adel Tawil fragen, der sich in seinem gleichnamigen Lied genau dieser Frage stellt. Wenn ich doch schon die Frage nach diesem Jemand stellen kann, vielleicht ist das ein Indikator für etwas Tieferes und Größeres, das mich unruhig macht. Rastlos. Suchend. Schweigsam. Einsam.

Bei mir ist es oft so: In den Momenten, in denen ich mich besonders einsam fühle, da werde ich gehalten. Genau darin liegt ein Paradox: Wir Menschen können gar nicht allein sein, weil Gott uns als Partner des Lebens geschaffen hat. Aber wieso fühlen wir uns dann einsam? Ich habe keine endgültige Antwort darauf. Aber ich bin davon überzeugt, dass im Gefühl der inneren Leere und der gefühlten Abwesenheit Gottes eine tiefe Sehnsucht, vielleicht sogar die Suche Gottes nach uns Menschen steckt. Ich merke es manchmal sogar erst im Nachhinein.

Ich spüre aber: Einsamkeit als Raum für Gotteserfahrung kann mir letztendlich den Halt geben, den ich mir wünsche. Weil ich Gott in der Stille begegnen und mich auf ihn einlassen kann. Gott will sich mir zeigen. Er schenkt mir die Hoffnung, die ich brauche, denn ich will nicht einsam durch das Leben gehen. Vielmehr mit ihm pilgern.

„Da ist jemand, der Dein Herz versteht. Und der mit Dir bis ans Ende geht“, heißt es im letzten Refrain des Liedes. Gott will da sein, wenn ich mich so unangenehm einsam fühle. Gott bleibt auf ewig der treue Begleiter. Das tut so gut. Da ist jemand.

Holger Schmidt ist Pastor der Martin Luther Kirchengemeinde in Nordhorn

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