04.11.2022, 11:00 Uhr / Lesedauer: ca. 3min

Post vom Chefredakteur

Auch wenn‘s dramatisch wird: Wir wollen sachlich bleiben

author Von Guntram Dörr

Liebe Leserinnen, liebe Leser!

„Wir berichten, aber wir richten nicht“ – in seinem Newsletter vom 30. September hat mein Kollege Steffen Burkert jeglicher Form von Fallbeil-Journalismus eine klare Absage erteilt. Mit dieser Haltung sind die GN in den 148 Jahren ihres Bestehens gut gefahren. Kommentieren, das dürfen wir, sogar polemisieren, wenn es nötig ist. Zuspitzungen aus dem Handbuch des Journalismus dienen der Meinungsbildung, man darf ihnen folgen, man kann sich an ihnen reiben.

Justiz und Medien: Schon schwierig

Nur: Urteile hat der Redakteur nicht zu fällen, diese Aufgabe gebührt den Juristen, die sich der kritischen öffentlichen Bewertung dennoch stellen müssen. Nicht alle Richter, Staats- und Rechtsanwälte haben das verstanden, wie ich an dieser Stelle verraten will. Deshalb gestaltet sich das Binnenverhältnis zwischen den Medien, der „Vierten Gewalt“, und der Judikative, die wahre Macht ausübt, mitunter schwierig.

In den Abgründen der Seele

Dazwischen stehen die Leserinnen und Leser. Ihr Rechtsempfinden, gelegentlich als gesunder Menschenverstand interpretiert, widerspricht nicht nur manchem Schuld- oder Freispruch der Justiz. Wie Medien über Strafrechtsprozesse schreiben oder senden, gehört zu den besonders akribisch beobachteten Publikationen.

Spektakuläre Verhandlungen mit Grafschafter Beteiligung, die zumeist vor dem Landgericht Osnabrück landen, bieten oftmals einen Einblick in die Abgründe der menschlichen Seele: Leidenschaft, Brutalität, Rachsucht als Auslöser für Mord und Totschlag, Raffgier und Gefühlskälte bei Raub und Erpressung – dieser Cocktail lässt kaum einen kalt, wenn er die Zeitung aufschlägt oder eine Push-Nachricht von GN-Online aufs Handy erhält. Dafür muss sich niemand schämen. Das Schillernde wie das Schauderhafte haben der Normalität schon den Rang abgelaufen, bevor es modernen Journalismus überhaupt gab.

Unfallflucht ist feige

Doch Kapitalverbrechen sind nicht unser Alltag, zum Glück. Was aber zum alltäglichen Aufreger taugt, spielt sich einige Etagen tiefer ab, nämlich auf unseren Straßen. Wer die GN auf Papier oder digital verfolgt, findet diese Spielart der Rechtsverstöße in unzähligen, meist eher klein daherkommenden Artikeln. Ich meine die Unfallfluchten, also das feige Drücken vor der Verantwortung, wenn es in der Vorbeifahrt am parkenden Auto oder im Gegenverkehr auf engen Gassen knallt und schrammt.

Verkehrsunfälle auf Grafschafter Straßen, wie hier in Wielen, erfordern eine sorgfältige mediale Berichterstattung. Foto: Brandt

© Brandt, Marcel

Verkehrsunfälle auf Grafschafter Straßen, wie hier in Wielen, erfordern eine sorgfältige mediale Berichterstattung. Foto: Brandt

Was lässt die Übeltäter „davonfahren, ohne sich um den entstandenen Schaden zu kümmern“, wie es in den Berichten der Polizeiermittler heißt? Der Geschädigte bleibt auf den Kosten sitzen und hat den Ärger, der Verursacher hingegen war doch versichert. Seine Ehrlichkeit wäre lediglich um den Preis eines höheren Beitrags erkauft. Wen diese Hinweise in der Zeitung nerven: Ich finde es gut, dass sich nach Lektüre doch immer wieder Zeugen finden, die zur Aufklärung beitragen.

„Total verharmlosend“

Besonders sensibel reagiert unsere Leserschaft, wenn Menschen bei Verkehrsunfällen verletzt werden oder gar zu Tode kommen. Ich gebe zu, die strikt nüchterne Wiedergabe des Sachverhaltes widerspricht der Dramatik des Geschehens. So erregte sich ein Leser dieser Tage nach einem Artikel über einen Unfall im emsländischen Schapen, bei dem ein Fahrradfahrer nach dem Manöver eines überholenden Lastwagens ums Leben kam, über eine „total verharmlosende Berichterstattung von Fahrradunfällen in unserer GN“. Für ihn war der Fall völlig klar: „Es handelte sich offensichtlich um einen eklatanten Fahrfehler des Lkw-Fahrers.“

Leid und Schuld

Wahrscheinlich hat er sogar recht. Doch wir werden auch künftig in der Tonart sachlich bleiben, solange Schuld nicht bewiesen ist. Erste Lageeinschätzungen durch die Polizei am Unfallort sind kein Grund für reißerische Schlagzeilen, auch nicht ungeprüfte Zeugenaussagen, geschweige denn Hörensagen. Gerade dann, wenn Menschen sterben, verdient die Aufklärung das komplette Sortiment rechtsstaatlicher Ermittlungen bis hin zum Ergebnis - dem Urteil. Das ist der Schwere der Konsequenzen angemessen; sowohl dem Leid der Angehörigen als auch der drückenden Schuld, die dem Verursacher ewig nachhängen wird. Denn Absicht ist in solchen Fällen fast nie im Spiel.

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