Grafschafter Nachrichten
13.08.2018

Pro-Aktiv-Center hilft bei „verrutschten“ Schulbiografien

Pro-Aktiv-Center hilft bei „verrutschten“ Schulbiografien

Selbstvertrauen und persönliche Kompetenzen stärken: Sarah Kamphuis, Lisa Berning und Katharina Patel vom Pro-Aktiv-Center unterstützen dabei. Foto. Landkreis Grafschaft Bentheim

Einschulung, Abschluss, Ausbildung oder Studium – so ist das Idealbild einer schulischen Biografie. Doch was macht man, wenn man von dem geplanten Weg abkommt? Das Pro-Aktiv-Center des Landkreises Grafschaft Bentheim hilft.

Nordhorn Die Ferien sind zu Ende, Schultüten geplündert und Hunderte neuer Erstklässler haben bereits das erste Mal die Schulbank gedrückt: Es geht los mit dem „Ernst des Lebens“. Die Erwartungen an die Jüngsten sind groß: Das Abitur soll es gern sein, sportliche oder künstlerische Talente sind erwünscht, vielleicht sogar ein Studium? Doch was geschieht, wenn die Lebensbiografien von Kindern und Jugendlichen „verrutschen“ und Schlenker abseits der vorgeplanten Wege machen, wenn persönliche oder familiäre Schwierigkeiten auftreten und in Schulverweigerung oder berufliche Orientierungslosigkeit münden?

Hilfe für Jugendliche, junge Erwachsene und deren Familien und Lehrer

Das Pro-Aktiv-Center des Landkreises Grafschaft Bentheim „PACe“ ist eine vom Land Niedersachsen und dem Europäischen Sozialfonds geförderte Beratungs- und Anlaufstelle. Diese richtet sich an Jugendliche und junge Erwachsene, deren Familien, Lehrkräfte und alle möglichen Netzwerkpartner. Ziel ist es, berufliche Perspektiven der Jugendlichen zu entwickeln, persönliche Kompetenzen zu stärken und bei dem Übergang zwischen Schule und Beruf zu begleiten. Individuelle Einzelfallhilfe steht dabei im Vordergrund. Zudem hat sich PACe zum Ziel gesetzt, den Kontakt zu Behörden und anderen Institutionen für Jugendliche zu erleichtern. Das Pro-Aktiv-Center arbeitet somit ebenfalls präventiv. Die Beratung erfolgt auf freiwilliger Basis und ist kostenlos.

An zwei Beispielen erläutert das Center, wie Hilfe aussehen kann.

Beispiel „Marie“: Zu oft den Unterricht geschwänzt

Marie ist 15 Jahre alt und hat bereits mehrere Schulwechsel hinter sich. Sie fühlt sich häufig gemobbt, zudem ist ihre Familie mehrmals umgezogen. An jeder Schule besucht sie den Unterricht zunächst unregelmäßig, nach ein paar Tagen geht sie gar nicht mehr hin.

Es gibt ein festgelegtes Prozedere für Schulpflichtige, die den Unterricht „schwänzen“. Zunächst kümmert sich die Schule darum, Gründe für das Fernbleiben der Schüler zu erfahren und Unterstützung zu leisten. Der nächste Schritt ist eine Meldung an die zuständige Behörde, die mit einem Bußgeldbescheid und im Weiteren mit dem Einschalten des Amtsgericht, der Umwandlung der Bußgelder in Sozialstunden und schließlich bei Nichteinhaltung der Auflagen im Freizeitarrest endet.

Die Schulbehörde des Landkreises Grafschaft Bentheim hat im vergangenen Jahr 398 Bußgeldbescheide verschickt, in diesem Jahr sind es bis dato 270. Sie sind ab vier unentschuldigten Fehltagen möglich. „Die Gründe für Schulverweigerung sind vielfältig. Mögliche Ursachen sind familiäre Probleme, psychische Belastungen, Ängste, Mobbing, schlechte schulische Leistungen bis hin zu Sprachbarrieren, Versagensängsten und nicht passend gewählte Schulformen oder fehlende berufliche Orientierung“, heißt es in der Pressemitteilung des Landkreises.

Auch Marie hat einen solchen Bußgeldbescheid bekommen. Für die Mitarbeiter von PACe gilt es nun, mit ihr ins Gespräch zu kommen und mögliche Perspektiven zu schaffen. Wichtig ist, dass die Jugendlichen mit in den Prozess der Entscheidungs- und Lösungsfindung einbezogen werden.

Marie fiel es zunächst sehr schwer, abgesprochene Termine im Pro-Aktiv-Center selbständig wahrzunehmen. Um mögliche Ängste oder Hemmschwellen zu senken, wurden Hausbesuche vereinbart. Im weiteren Prozess fiel es ihr dann leichter, Termine direkt in der Beratungsstelle wahrzunehmen, um an einer gemeinsamen Lösung zur Schulpflichterfüllung zu arbeiten.

Beispiel „Jens“: Probleme mit der Kommunikation

Jens ist 24 Jahre alt und kam im Jahr 2012 in die Grafschaft Bentheim. Er besucht hier unterschiedliche Förderschulen, macht im Jahr 2015 seinen Hauptschulabschluss und beginnt eine Ausbildung zum Maler und Lackierer. Doch er bricht die Lehre ab. Er mag keinen Kundenkontakt, hat Schwierigkeiten bei der Kommunikation mit den Kunden und Probleme im Umgang mit den Kollegen. Im Februar 2018 beginnt er eine Maßnahme des Grafschafter Jobcenters und absolviert ein Praktikum als Lagerist.

Die erste Kommunikation mit der Ausbildungslotsin des Pro-Aktiv-Centers ist nur über Mail möglich, da telefonieren für Jens eine große Hürde darstellt. Schnell wird auch klar, dass am Tag-Nacht-Rhythmus des jungen Mannes „gearbeitet“ werden muss. Er beantwortet und verschickt seine Mails in der Nacht.

Nach weiterer intensiver Betreuung wird Jens auch auf Vorstellungsgespräche vorbereitet, gemeinsam mit der Ausbildungslotsin hat er sich eine Tagesstruktur geschaffen und einen Nebenjob gefunden. Dann ein Rückschlag: Jens bricht ein Praktikum für einen Ausbildungsplatz als Fachkraft für Lagerlogistik ab. Der Grund: Er konnte seine Bedürfnisse – in diesem Fall ein Arzttermin – nicht mit den Kollegen klären.

Ein weiteres Praktikum ist geplant. Dieses Mal nimmt die Ausbildungslotsin Kontakt zum Arbeitgeber auf und berichtet ihm von den Kommunikationsschwierigkeiten des jungen Mannes. Jens erhält schließlich eine Ausbildungszusage und hat am 1. August mit Ausbildung als Fachkraft für Lagerlogistik begonnen.

Keiner soll „verloren gehen“

Das PACe arbeitet eng im Kontakt mit der Berufsberatung der Agentur für Arbeit und den Arbeitsvermittlern des Jobcenters zusammen. Ziel ist, dass kein Jugendlicher und junger Erwachsener auf dem Weg von der Schule in die Ausbildungs- und Arbeitswelt „verloren geht“. So betreut das PACe diese beispielsweise auch nach Einmündung in die Ausbildung, um Abbrüche möglichst zu vermeiden.

Dass die Unterstützung von PACe wirkt, zeigt die Jahresbilanz 2017. Insgesamt 176 junge Menschen haben Beratung in Anspruch genommen, davon wurde bei 94 Prozent der Jugendlichen eine individuell passende Anschlussmöglichkeit gefunden. Unter anderem wurden 15 Jugendliche in Ausbildung vermittelt, 8 Jugendliche haben eine Einstiegsqualifizierung begonnen, sowie 36 alternative Schulpflichterfüllungen wurden organisiert und betreut.

Das Pro-Aktiv-Center am Stadtring 9-15, in Nordhorn ist von montags bis donnerstags von 8 bis 16 Uhr und freitags von 8 bis 12 Uhr geöffnet und telefonisch unter der Nummer 05921/96-6288 oder per Mail pro-aktiv-center@grafschaft.de erreichbar. Weitere Informationen finden sich auf www.pro-aktiv-center.grafschaft.de

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