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12.10.2018, 16:56 Uhr

Martin Ammeling entdeckt Nordamerika auf eigene Faust

Martin Ammeling ist für ein halbes Jahr aus seinem Alltag ausgebrochen. Der 35-Jährige, der in Nordhorn aufgewachsen ist, hat mit seinem VW Caddy die USA und Kanada erkundet. Er war 172 Tage unterwegs und berichtet in einem Blog über diesen Roadtrip.

Martin Ammeling entdeckt Nordamerika auf eigene Faust

Monument Valley auf dem Colorado-Plateau im US-Bundesstaat Utah ist Schauplatz zahlreicher Westernfilme – und bietet Martin Ammeling Anfang Juni einen wahrlich atemberaubenden Ausblick. Foto: Martin Ammeling

Von Martin Ammeling

Nordhorn „Machst du es jetzt nicht, machst du es nie.“ Ich denke, dieser Gedanke war der entscheidende Schubs, der mich den Hintern hat hochkriegen lassen. Amerika? Kannte ich bislang nur aus dem Kino. Ich habe mich immer gefragt, wie es dort drüben wirklich ist. Die Häuserschluchten und Polizeisirenen New Yorks, die großen Nationalparks im Westen, die angeblich so freundlichen Menschen, die aber trotzdem einen Menschen wie Donald Trump ins Präsidentenamt gewählt haben. Aber einer Reise über den großen Teich standen mir immer zwei Sachen im Weg. Zum einen ist es für einen flugangstgeplagten Menschen nicht einfach, acht Stunden im Flieger zu sitzen, zum anderen hatte ich nie das große Fernweh. Meine längste Reise dauerte zwei Wochen, Auslandssemester, Schüleraustausch – alles nicht gemacht.

Irgendwann Mitte/Ende 2017 hab ich dann gemerkt, dass ich raus muss aus dem Alltagstrott. Und: In meinem Alter (35) haben die meisten meiner Freunde und Kollegen geheiratet und ihre eigene Familie. Auf große Reise geht man dann normalerweise erstmal nicht mehr. Und aufs Rentnerdasein warten wollte ich auch nicht. Also hab ich mich durchgerungen, den guten Job als Reporter der „Hessenschau“ im Hessischen Rundfunk (Studio Kassel) an den Nagel zu hängen, meine Wohnung in Kassel zu kündigen und Deutschland im April dieses Jahres „Goodbye“ zu sagen.

>>> Martin Ammelings Roadtrip-Blog

Ich habe meinen Kleinwagen gegen einen zehn Jahre alten VW Caddy getauscht, eine Campingkiste mit Bett/Küche-Kombination in den Kofferraum gepackt und über eine deutsche Firma eine Verschiffung von Hamburg nach Baltimore gebucht. Das war wesentlich günstiger als in den USA ein Auto für sechs Monate zu mieten. Und einen Wagen zu kaufen und wieder zu verkaufen – das war mir zu aufwendig. Außerdem ist der Caddy ein normales Auto, mit dem ich problemlos in L.A. oder San Francisco fahren konnte. Ich hatte nur nicht bedacht, dass der Caddy ein rein deutsches Modell ist, es also in Amerika keine Ersatzteile gibt. So bin ich von Anfang an mit einem großen Riss in der Scheibe gefahren, eine neue gab es dort einfach nicht. Aber durchsichtiges Ducktape drüber – hat gehalten.

Ans Schlafen im Auto gewöhnt man sich schnell, trotz häufig krasser Temperaturunterschiede. Die meisten Nächte habe ich auf amerikanischen und kanadischen Campgrounds verbracht, da ich weder Toilette noch Dusche an Bord hatte. Um Geld zu sparen (oder wenn gerade alle Campgrounds voll waren), habe ich mich hin und wieder auch auf „Walmart“-Supermarkt-Parkplätze gestellt. Das ist fast überall erlaubt. Und kostenlos.

172 Tage „on the road“

Ich hatte mir zum Anfang der Reise eine ganz grobe Route überlegt. In den USA von Osten nach Süden, dann nach Westen, und schließlich die Schleife über Kanada und den Transcanada-Highway zurück nach Osten. Tatsächlich habe ich das geschafft. Nach knapp 32.000 Kilometern bin ich Mitte September in Nova Scotia gelandet, ganz im Osten Kanadas. Danach ging es wieder zurück nach Baltimore, wo ich vor 172 Tagen gestartet bin.

Die Frage nach den Highlights der Reise kommt immer wieder. Es klingt wie esoterisches Gelaber, aber tatsächlich war mein Highlight die Begegnung mit den vielen Menschen hier. Als Alleinreisender kommt man schnell mit anderen Leuten ins Gespräch. Und tatsächlich ist die Freundlichkeit der Amis und der Kanadier kein Märchen. Ich wurde zum Grillen eingeladen, zur gemeinsamen Wanderung, spontan mit in einen Club genommen, mir wurde zweimal ein Platz auf einem Campingplatz spendiert, ein älteres Paar hat mir sogar einfach so 20 Dollar zugesteckt. Alle Menschen waren sehr an meinem „Wohnmobil“ interessiert, ich musste viele Fragen beantworten. Mit deutschem Nummernschild fällt man halt auf.

So manches Klischee wird erfüllt

Das Einzige, was nervt, ist das ständige „How are you?“, was man überall gefragt wird. Soll man der Mitarbeiterin an der Supermarkt-Kasse etwa ehrlich antworten, dass man gerade einen üblen Kater von der vergangenen Nacht hat und zehn neue Mückenstiche von fünf Minuten abends draußen sitzen? Meist sagt man „good, thank you“. Sinnloser kann eine Unterhaltung kaum sein.

Aber die Menschen hier sind wirklich faszinierend. Besonders, wenn sie die Klischees von Amerika erfüllen. Wie etwa Tom, der mich auf einem Campground nahe den Everglades zum Essen einlädt. Er ist Mitte 60, Vietnam-Veteran, strikter Abtreibungsgegner, Trump-Wähler und geht nie ohne seine 9mm aus dem Haus. Oder Jerry, Mitte 80, Ex-Militär aus der Nähe von Seattle, der mir von Aliens auf dem Mond erzählt und wie die Regierung das Wetter per Chemtrails steuert. Oder ein Mann Ende 60, dem vor einer roten Ampel in Florida seine Harley umkippt und ich ihm helfen muss, das Motorrad wieder aufzurichten. Es gibt auch traurige Begegnungen, wie die mit einer alleinreisenden Frau in Halifax, Anfang 50, die mir erzählt, dass sie mit ihrem Sohn reist. Mit ihrem Sohn meint sie ihren Hund.

Wandern im Wasser

Schockiert hat mich auch die Armut, die man in den USA und Kanada so nicht erwarten würde. Während es für viele junge Menschen in New York oder Las Vegas total normal ist, im Club 11 Dollar für ein Bier auszugeben, schlafen gerade in L.A. und San Francisco Tausende Obdachlose auf der Straße, weil die Städte für sie unbezahlbar sind. Ich selbst war in New York mit einem amerikanischen Künstler unterwegs, der mir am Ende eines feuchtfröhlichen Abends eröffnete, dass er keinen festen Wohnsitz in der Stadt hat, weil er ihn sich einfach nicht leisten kann.

Zurück zu den Highlights: Das wieder auflebende New Orleans, wo es Livemusik in jeder Bar an jedem Tag gibt. Der „Zion“-Nationalpark in Utah, bei dem man entweder stundenlang durch einen Fluss wandern kann, oder einen steilen und schmalen Weg einen Berg hinauf, der jeden mit Höhenangst den Schweiß auf die Stirn treibt. Vancouver, eine Stadt mit Bergen zum Skifahren, dazu Strand, eine schöne Skyline und Meere, in denen sich Orcas tummeln. Die kanadischen Nationalparks „Banff“ und „Jasper“ mit türkisblauen Seen und Bären. Und Nova Scotia, mit kleinen romantischen Fischerdörfchen, keltischer Fiddle-Musik und Elchen. Überhaupt ist es extrem faszinierend, wie viel Natur man hier sieht. Da kommen morgens große Wasservögel oder Eichhörnchen zum Frühstück, da stehen Bären und Elche plötzlich am Wegesrand, Adler kreisen in der Luft – und auf der Campground-Toilette begrüßen einen Frösche und Echsen.

Blog berichtet über jede Station

So viel man auch erlebt, so viele Menschen man trifft – natürlich gibt es viele einsame Tage und Nächte, auch wenn man meist von Touristen umgeben ist. Besonders auffällig ist das in Gegenden wie Key West, wo man bei der „Sunset Celebration“ nur von Pärchen umringt ist und sich ein bisschen wie ein Freak fühlt.

Um aber meine Erfahrungen und Erlebnisse zu teilen, habe ich einen Blog eingerichtet. Kein Standard-Reiseführer-Tipps-und-Tricks-Blog, sondern eine Website mit vielen persönlichen Geschichten, mit viel Witz und dem Auge für das Besondere. Zu fast jedem wichtigen Punkt meines Road Trips gibt es einen Artikel. Und schöne Bilder.

Gecampt wird erst mal nicht mehr

Mitte Oktober ging es wieder nach Hause – das Auto per Schiff, ich per Flugzeug. Erstmal für ein paar Wochen nach Nordhorn, wo ich den Großteil meines Lebens verbracht habe. Gecampt wird allerdings nicht.

Ich habe in den USA und Kanada in sechs Monaten so ziemlich alles Wichtige gesehen. Bis auf den Yellowstone Nationalpark, Texas und die amerikanische Ostküste. Viele Gründe, nochmal wiederzukommen.

Zur Person

Martin Ammeling, geboren am 4. Oktober 1982 in Braunschweig, ist in Nordhorn aufgewachsen und zur Schule gegangen, Abitur 2002 am Gymnasium am Stadtring. Danach Bachelor-Studium der Medien- und Kulturwissenschaft in Düsseldorf mit Master-Fortsetzung im Bereich Journalismus in Mainz. 2008 folgten ein Volontariat und eine Anstellung als Redakteur bei der Firma „News&Pictures Fernsehen“ in Mainz, dabei war er tätig für die Sendungen „17:30 Sat.1 live“, „Planetopia“ und „Weck Up“ in Sat.1. Im Jahr 2014 dann der Wechsel nach Kassel zum Hessischen Rundfunk, bei dem er als Reporter für die „Hessenschau“ tätig war.

Bildergalerie

Martin Ammeling in Nordamerika

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Babykrokodil in den Everglades.

© Ammeling, Martin

Abendessen mit Schweizern auf einem Campground.

© Ammeling, Martin

Aussicht im Zion-Nationalpark.

© Ammeling, Martin

Der VW Caddy von Martin Ammeling in New Mexico.

© Ammeling, Martin

Casinoschiff am Mississippi.

© Ammeling, Martin

Cowgirls beim Rinderfangen in Kalifornien.

© Ammeling, Martin

Eichhörnchen zu Besuch auf einem Campground.

© Ammeling, Martin

Elch in Nova Scotia.

© Ammeling, Martin

Fischer und Pelikan auf Key West.

© Ammeling, Martin

Howse River am Icefield-Parkway.

© Ammeling, Martin

Indianermutter und Tochter in New Mexico.

© Ammeling, Martin

Martin Ammeling (rechts) mit einem Darsteller aus dem Film "Die Truman Show".

© Ammeling, Martin

Selfie von Martin Ammeling vor Trumans Haus in Seaside, Florida.

© Ammeling, Martin

Der VW Caddy im Monument Valley.

© Ammeling, Martin

Martin Ammeling genießt die Aussicht im Monument Valley.

© Ammeling, Martin

Martin Ammeling mit Pferd im Monument Valley.

© Ammeling, Martin

Im Monument Valley.

© Ammeling, Martin

Valley of the Gods in Utah.

© Ammeling, Martin

Der Moraine Lake in Kanada.

© Ammeling, Martin

Der Wanderweg "Narrows Trail" im Zion-Nationalpark.

© Ammeling, Martin

Nova Scotia.

© Ammeling, Martin

Schlafen im VW Caddy auf einem "Walmart"-Supermarktparkplatz.

© Ammeling, Martin

Seeelefant am Highway 1 in Kalifornien.

© Ammeling, Martin

Seeelefantenstreit.

© Ammeling, Martin

Der Skyline Drive in Virginia.

© Ammeling, Martin

Sunset im Jasper-Nationalpark.

© Ammeling, Martin

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