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10.08.2018, 06:30 Uhr

Häusliche Gewalt: Auf der Flucht vor dem eigenen Ehemann

Sie hat ihn geliebt, er hat sie geschlagen. Eine Grafschafterin berichtet, wie sie Gewalt in der eigenen Ehe erlebt hat. Und hofft, mit ihrem Gang an die Öffentlichkeit anderen Betroffenen dabei helfen zu können, der häuslichen Hölle zu entkommen.

Häusliche Gewalt: Auf der Flucht vor dem eigenen Ehemann

Am Boden: Gewalt im häuslichen, familiären Umfeld – wie hier in einer nachgestellten Szene – ist auch in der Grafschaft verbreitet, für viele aber weiterhin ein Tabuthema. Foto: Maurizio Gambarini/dpa

Von Steffen Burkert

Nordhorn Nein, sie haben nie darüber gesprochen. Nicht miteinander, und auch nicht mit anderen. Sie haben die „Vorfälle“, wie sie es nennt, einfach verdrängt, totgeschwiegen. Aber nach diesem Weihnachtsabend geht das einfach nicht mehr. Die Kratzer, die Blutergüsse, die unerträglichen Schmerzen, die Angst. Maria muss raus aus dieser Hölle, die doch ihr Zuhause war.

Jetzt will sie darüber reden, will anderen Opfern Hoffnung machen und ihnen helfen. Nicht unter ihrem richtigen Namen, das ist ihr zu gefährlich. Deshalb nennen wir die Grafschafterin, die den Mut aufgebracht hat, einem Journalisten gegenüber ausführlich von ihren Erfahrungen mit häuslicher Gewalt zu berichten, in diesem Artikel Maria. Und deshalb sollen viele Details, über die sie gesprochen hat, lieber nicht in der Zeitung stehen. Schließlich lebt sie weiterhin hier. Und er auch.

Es ist rund zehn Jahre her, da hat sie ihn „kennen und lieben gelernt“, wie sie sagt. Ja, sie hat ihn geliebt, das betont sie im Gespräch immer wieder. Nur ein Jahr später heiraten die beiden, kaufen in der Grafschaft ein Haus, bauen sich gemeinsam etwas auf.

„Streitigkeiten gab es natürlich immer mal in unserer Beziehung“, sagt die Mittvierzigerin, „aber eigentlich war alles gut.“ Doch mit der Zeit verändert sich etwas: „Wir hatten heftige verbale Auseinandersetzungen. Ich selbst kann ja auch mal laut werden.“ Und bald bleibt es nicht bei Worten. Ihr Mann tut ihr weh, „packt fester zu“, wie sie es nennt, „er ist sehr kräftig“.

Hilfsangebote nutzen!

Maria hat lange dazu geschwiegen, hat mit niemandem darüber gesprochen – schon gar nicht mit ihrem Mann. Sie hat niemanden um Rat gefragt und um Unterstützung gebeten, hat die Hilfsangebote, die es in der Grafschaft durchaus gibt, nicht genutzt. „Frauenhaus, Frauenberatung – das kannte ich alles nicht, darüber habe ich nie nachgedacht“, sagt Maria. „Und wenn, dann hätte ich gedacht: Die helfen dir erst, wenn du Anzeige erstattet hast.“

Heute weiß sie, dass das nicht stimmt. Dass sie damals schon hätte Hilfe bekommen können. Sie hofft, dass anderen Opfern häuslicher Gewalt in der Grafschaft das nicht passiert, dass sie frühzeitig den Mut finden, sich helfen zu lassen. Das zu erreichen, ist ein wesentlicher Grund, warum sie sich an die Grafschafter Nachrichten gewandt und ausführlich über ihre Erfahrungen gesprochen hat.

Anzeige erstatten: Das will Maria lange nicht. Doch sie ist irgendwann so weit, dass sie über eine Trennung, eine Scheidung nachdenkt. „Aber er hat um mich gekämpft“, erinnert sich die Grafschafterin. „Und weil ich ihn ja nunmal geliebt habe, bin ich geblieben.“ Außerdem ist da der Gedanke an das Haus, an die Tiere, das gemeinsame Leben. „Das kannst du doch nicht alles aufgeben“, redet sie sich ein.

Und tatsächlich: Es wird besser. Zumindest vorübergehend. Denkt sie. Hofft sie.

Gewaltausbruch an Weihnachten

Aber es wird nicht besser, im Gegenteil. Es kommt jener Weihnachtsabend, an dem alles zerbricht. Ihr Mann hatte sich am Abend zuvor betrunken, darüber kommt es zum Streit, ein Wort gibt das andere. Und dann greift er zu. Reißt sie an den Haaren in die Höhe, sie knallt irgendwo gegen, landet auf dem Boden, verliert das Bewusstsein. „Der war gar nicht mehr bei Verstand, war völlig außer Kontrolle. So schlimm hatte ich ihn noch nie erlebt“, beschreibt Maria den Zustand ihres Mannes. „Ich habe um Hilfe geschrien. Zu wissen: Da ist niemand, dir hilft niemand – das war schlimm.“

Als sie zu sich kommt, hat Maria starke Schmerzen, und als sie sich vorsichtig durchs Haar streicht, hält sie Büschel in der Hand. Ihr Oberschenkel tut schrecklich weh, sie kann kaum aufstehen, meint, das Bein sei gebrochen. Ärzte diagnostizieren später eine schwere Prellung. Sie hat Verletzungen an den Fingern davongetragen, als sie versuchte, einen Aufprall abzufangen. Auf dem Handy zeigt sie Fotos von langen Kratzern und großen Blutergüssen auf ihrem Körper.

Nur mit Mühe rappelt sich Maria hoch. „Ich habe gepackt und bin weg“, erinnert sie sich an die Minuten nach dem Angriff. Sie stopft das Nötigste in zwei Koffer, ruft ihre Tochter an, lässt sich in die Euregio-Klinik fahren. Anschließend kommt Maria bei ihrer Schwester unter, bleibt dort mehrere Tage. „Ich wollte irgendwo sein, wo er mich nicht findet, wollte flüchten.“

„Arbeit lenkt ab“

Zwei Wochen ist Maria krankgeschrieben. An Arbeit ist gar nicht zu denken. „Ich musste ständig weinen, konnte nicht schlafen.“ Doch das Leben muss weitergehen. Maria sucht sich eine kleine Wohnung, tritt ihre Vollzeitstelle wieder an – „obwohl ich mich ehrlich gesagt gar nicht arbeitsfähig fühlte. Aber Arbeit lenkt ab.“

Maria denkt in diesen Wochen viel nach. Über das, was passiert ist, und über das, was noch kommt. Ihr Mann will, dass sie zurückkehrt. „Und ich hätte ihm sogar eine Chance gegeben“, sagt Maria. „Die Gefühle sind ja da. Deshalb ist der Verlust ja so schlimm.“ Als sie das ihrem Psychotherapeuten erzählt, gibt dieser ihr einen guten Rat. Sie solle ihrem Mann doch eine Therapie vorschlagen, damit er herausfinden könne, woher diese Gewaltausbrüche kommen. Entsprechende Angebote gibt es in der Grafschaft, zum Beispiel über die Beratungsstelle „Männer gegen Männergewalt“.

Doch ihr Mann will davon nichts wissen. Versteht gar nicht, dass seine Frau Angst vor ihm hat. „Da war mir klar: Du kannst nicht zu ihm zurück.“

Ihre Freunde, ihre Kollegen, alle raten ihr: Geh zur Polizei! „Aber ich habe lange gedacht: Es tut ihm ja leid, er will sich ja gütlich einigen.“ Es dauert Wochen, bis ihr klar wird, dass er keine Einsicht zeigt und wohl auch nie zeigen wird.

Im Februar erstattet sie Anzeige. Jetzt läuft gegen ihren Mann ein Strafverfahren wegen Körperverletzung, das Urteil soll bald fallen. „Ihn vor Gericht wiederzusehen, davor habe ich große Angst“, sagt Maria. Sie traut sich ja ohnehin kaum auf die Straße aus Sorge, ihm irgendwo zufällig zu begegnen. Ihr geht es nicht um Strafe. Sie möchte einen Abschluss. „Ich möchte, dass irgendwo steht: Der hat das getan! Falls wieder mal etwas geschieht...“

Vertrauen verloren

Ruhe finden wird Maria auch nach einem Urteil wohl kaum. Alles zieht sich hin, dauert unerträglich lange. Die Scheidung konnte sie bislang nicht einreichen, das Trennungsjahr ist noch längst nicht vorbei. Natürlich müsste bei ihr eigentlich eine Härtefallregelung gelten, die eine schnelle Scheidung ermöglicht. Aber das ist alles so kompliziert! Maria fühlt sich mit all dem, was sie leisten, entscheiden, regeln muss, überfordert.

Maria braucht jetzt dringend Hilfe, braucht Halt. Aber an wen soll sie sich wenden? „Es fällt schwer, Vertrauen in andere Menschen zu fassen. Die sind ja zu Anfang vielleicht nett...“ Alleine mit einem GN-Redakteur zu sprechen, mit einem Mann – Maria hat das Überwindung gekostet.

Aber sie hat es getan, sie hat sich getraut. Sie ist fest entschlossen, ihr Leben in den Griff zu bekommen. Und sie schaut durchaus mit Stolz auf die Monate nach jenem furchtbaren Weihnachtsabend. „Auch, wenn es schwerfällt: Ich bin da rausgekommen, ich hab’s geschafft. Ich habe schon viel erreicht“, sagt Maria und spricht sich selbst Mut zu: „Ich bin nicht schwach.“

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Hilfsangebote bei häuslicher Gewalt in der Grafschaft

Häusliche Gewalt, Brutalität in der Ehe: Das ist auch in der Grafschaft kein Einzelfall. Rund 200 Betroffene suchen jährlich allein die Nordhorner Frauenberatungsstelle auf.

Nach Untersuchungen des Bundesfamilienministeriums wurden 2015 mehr als 100.000 Frauen in Deutschland Opfer von Gewalt durch Partner oder Ex-Partner. Die Dunkelziffer ist höher. Etwa zwei Drittel aller Frauen, die schwere Gewalt erleben, holen keine Hilfe.

Gewalt in Partnerschaften betrifft zu mehr als 80 Prozent Frauen. Aber auch Männer und natürlich Kinder sind betroffen.

In der Grafschaft Bentheim gibt es eine Reihe von Hilfsangeboten für Betroffene:

  • BISS, Beratungs- und Interventionsstelle bei Häuslicher Gewalt in Trägerschaft des Sozialdienstes katholischer Frauen, Telefon 05921 858781, E-Mail: BISS@skf-nordhorn.de
  • Frauen- und Kinderschutzhaus, ebenfalls in Trägerschaft des SkF: Telefon 05921 858780, E-Mail: FKSH@skf-nordhorn.de
  • Frauenberatung Nordhorn mit Gewaltberatung für Frauen und Mädchen in der Grafschaft, Telefon 05921 77779, E-Mail: kontakt@frauenberatung-nordhorn.de
  • Männer gegen Männergewalt, Telefon 05921 972123, www.mgm-euregio.de
  • Kompass, Beratungsstelle für Kinder und Jugendliche als Zeugen häuslicher Gewalt, Telefon 05921 858763, E-Mail: kompass@skf-nordhorn.de
  • Hobbit, Beratungsstelle für Betroffene von sexueller Gewalt, www.beratungsstelle-hobbit.de, Telefon 05921 6464
  • Weißer Ring Emsland/Grafschaft, Kriminalitätsprävention und Opferhilfe, Telefon 0151 55164606
  • Netzwerk ProBeweis zur professionellen Beweissicherung für die Betroffenen von Gewalt, auch in der Euregioklinik in Nordhorn, www.probeweis.de

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