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18.03.2016, 15:19 Uhr

Bittere Erkenntnis als Fazit

GN-Mitarbeiterin Dagmar Thiel betreut in Bad Bentheim ehrenamtlich Flüchtlinge. In diesem Tagebuch schildert sie auf GN-Online ganz persönlich ihre Erlebnisse und Erfahrungen.

Bittere Erkenntnis als Fazit

Hinweis: Der neueste Eintrag steht oben. Wenn Sie dieses Tagebuch chronologisch von Anfang an lesen wollen, kommen Sie hier zur ersten Folge.

Über die Autorin I Warum dieses Tagebuch?

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Sonnabend, 26. März: Bittere Erkenntnis als Fazit: Das Leben ist ungerecht

Nach sieben Monaten endet dieses Online-Tagebuch – Eine Zeit zwischen Warten und Hoffen

Seit gut sieben Monaten bin ich in Bad Bentheim als ehrenamtliche Flüchtlingspatin im Einsatz. Am 13. August 2015 zogen zwei albanische Familien hier in ein Haus, das sie sich ein halbes Jahr lang teilen sollten: Ardit (36) und Melina A. (35) mit ihren Söhnen Lorik (8) und Dorian (fast 5) sowie Gezim (30) und Diana O. (24) mit Benedetto (9), Carlo (7) und Marco (fast 3). Zwei Familien, die sich vorher nicht kannten, warteten jetzt gemeinsam auf die lange Entscheidung über ihre Asylanträge.

Für die Grafschafter Nachrichten habe ich diese Zeit zwischen Warten und Hoffen in einem Online-Tagebuch dokumentiert. Mit diesem Artikel wird das Blog enden, mein Engagement als Patin aber nicht. In sieben Monaten habe ich die wesentlichen Stationen und Erlebnisse einer Flüchtlingshelferin erzählt. Was bleibt? Ein Fazit.

Flüchtlinge zu betreuen heißt vor allem, mit ihnen zu warten und die Zeit der Ungewissheit einigermaßen sinnvoll und strukturiert zu überbrücken. Patin zu sein bedeutet, den deutschen Alltag zu erklären, vom Einkaufen im Supermarkt über die Mülltrennung bis zur Begleitung zu Behörden oder Ärzten. Dabei kümmern sich meist mehrere Paten um eine Familie, um sich die Arbeit aufzuteilen. Zu den Flüchtlingen entwickelt sich allmählich eine Beziehung. Und gerade dieser persönliche Austausch bereichert.

Betreut man Migranten vom Balkan, werden sich Paten einer Tatsache sehr schnell bewusst: Auch Albanien gilt mittlerweile als „sicherer Herkunftsstaat“, in den Asylbewerber zurückgeschickt werden. Für Paten heißt das: Betreuung auf Zeit. Wir können die Familien begleiten, im besten Fall vielleicht etwas stabilisieren. Klar ist aber auch, dass wir sie wieder gehen lassen müssen, mit ihrer ganzen Verzweiflung und Perspektivlosigkeit. Das macht die Flüchtlingsarbeit manchmal belastend.

Zu Beginn hörten wir Paten manchmal Aussagen wie: „Ach, ihr kümmert euch um Albaner? Vom Balkan? Würde ich ja nicht machen. Wenn ihr aber mal Syrer habt, helfe ich gerne.“ Dem einen lieber helfen als dem anderen? Und auch noch abhängig von der Nationalität? Diese Frage hat sich mir bei meinem Einsatz als Patin nie gestellt. Würde man sie konsequent zu Ende denken, hieße das ja auch, dass Syrer Unterkunft, Sprachkurse, Vereinsangebote nutzen können – und die Albaner beziehungsweise die Leute vom Balkan nicht. Und dann? Sollen die unter der Brücke schlafen, betteln gehen, den ganzen Tag ohne Ansprechpartner sein?

Aussagen wie „Das sind ja nur Wirtschaftsflüchtlinge!“ erleichtern die Arbeit für Paten nicht. Die Menschen sind nun mal da. Und auch wenn sie vermutlich fast alle wieder in ihr Herkunftsland zurückmüssen, bleiben sie manchmal ein Jahr bei uns. Da helfen keine starren Überzeugungen, da hilft nur: anpacken! Letztlich tragen Paten damit auch zur Konfliktvermeidung bei.

Überzeugt bin ich, dass es vermutlich nirgendwo einen Flüchtling gibt, der „einfach so“ mal in ein anderes Land geht und sein ganzes Leben hinter sich zurücklässt. Schon gar nicht mit kleinen Kindern. Das tut nur, wer nichts mehr zu verlieren hat. Eine bessere Zukunft heißt für meine Familien übrigens: Arbeit zu haben, in einem nicht-korrupten Gesundheitssystem versorgt zu werden und eine gute Bildung für die Kinder zu bekommen. Dinge, die für die meisten Deutschen ganz selbstverständlich sind.

Familie A. hat fast genau sechs Monate gehofft, bis ihr Asylantrag schließlich abgelehnt wurde und sie zurück nach Albanien musste. Familie O. bangt immer noch. Jeden Tag kann ein Brief des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge im Postkasten sein, der über die Zukunft der Familie entscheidet. Dieses Warten ist für alle Flüchtlinge extrem belastend. Ärzte bestätigen psychosomatischen Reaktionen: Hautprobleme, Herzbeschwerden, Kopfschmerzen sind Symptome, mit denen der Körper auf die existenzielle Ungewissheit reagiert, bei Kindern genauso wie bei Erwachsenen.

Mitte März lebten in Bad Bentheim 255 Flüchtlinge, die von 50 Paten betreut werden. Im August 2015 waren es noch 70 Flüchtlinge. Die dezentrale Unterbringung in Wohnungen und die intensive Begleitung im Alltag durch Paten sind sicher wesentliche Gründe, warum sich die Zuwanderer bei uns relativ gut integrieren. Ein strukturierter Alltag erleichtert Flüchtlingen das Warten: Dazu gehören Sprachkurse, gemeinnütziges Arbeiten im Ein-Euro-Job im Schlosspark, die Handarbeitsgruppe und die wöchentlichen Treffen im „Treff 10“ für die Eltern. Schule, Fußball und Schwimmen für die Kinder.

Da ich von Anfang an wusste, dass meine Albaner höchstwahrscheinlich wieder gehen müssen, war es für mich wichtig, eine möglichst professionelle Distanz aufrecht zu erhalten. Ich möchte helfen und mitfühlen, wenn ich aber deren Schicksal zu meinem mache, werde ich nicht lange als Patin arbeiten können. Diese Gratwanderung ist mir meistens gelungen. Unerlässlich dafür ist es, sich über Ängste und Sorgen mit anderen auszutauschen und Angebote zu nutzen, die zur Professionalisierung beitragen. Denn die Ressourcen auch der wohlmeinendsten Paten sind nicht unbegrenzt.

Welche Probleme und Belastungen es bei der Betreuung von Flüchtlingen gibt, hat das Blog immer wieder thematisiert: die gegensätzlichen Kulturen, Sprachbarrieren, psychische Probleme und Traumata bei Geflüchteten. Besonders hilfreich sind die monatlichen Treffen für Ehrenamtliche im Arbeitskreis Zuwanderung, in denen die Paten sich austauschen. Eingeladen werden in regelmäßigen Abständen externe Fachleute.

Einmal berichtete eine Psychologin über „Traumaverarbeitung bei Flüchtlingen“ und gab erste Tipps, wie wir Paten diesen Menschen begegnen sollten. Die Stadt Bad Bentheim hat im März ein „Interkulturelles Training“ angeboten: ein Tagesseminar für Mitarbeiter der Stadt sowie für ehrenamtliche Flüchtlingshelfer. Unter Leitung einer Diplom-Psychologin aus Osnabrück ging es darum, wie Menschen aus unterschiedlichen Kulturen zusammenarbeiten und wie man Missverständnisse vermeidet.

Wir Paten diskutieren bei unseren Treffen auch ganz praktische Erfahrungen. „Muss ich die Schuhe ausziehen, wenn ich eine afghanische Familie in ihrer Wohnung besuche? Bei denen ist das ja Tradition, bei mir aber nicht.“ Das beantworten auch wir Paten ganz unterschiedlich – und diskutieren emotional darüber. Letztlich läuft es ja auf die Frage hinaus: Müssen sich die Zuwanderer uns überall anpassen oder gibt es Bereiche, in denen wir uns ihren Sitten unterordnen sollten? So führen diese Treffen dazu, sich intensiv mit Fragestellungen auseinanderzusetzen und auch das eigene Verhalten immer wieder zu hinterfragen. Und natürlich zeigt ein Beispiel wie dieses, dass jeder von uns durch das Neue und Fremde manchmal auch seine Bequemlichkeitszone verlassen muss.

Als Patin fand ich es relativ leicht, Kontakt zu meinen albanischen Familien zu bekommen. Kulturell sind sie uns Deutschen ähnlich. Wir können auf Englisch und Italienisch echte Gespräche führen, ihr Familienleben finde ich mit unserem vergleichbar. Wir haben in Bad Bentheim auch Flüchtlinge, die nur Arabisch oder Kurdisch sprechen – und gar kein Englisch. Dann ist die Verständigung ohne Dolmetscher fast unmöglich. Das erschwert nicht nur für Paten den Kontakt, sondern für die Flüchtlinge auch die Integration.

Gelernt habe ich, dass Menschen aus anderen Kulturen Beziehungen stärker pflegen und sie viel wichtiger nehmen als Termine. Alle stehen immer sofort auf, geben mir die Hand und bieten grundsätzlich einen albanischen Kaffee an, der stark und süß wie türkischer Mokka schmeckt. Vorher noch gemeinsam Kaffee zu trinken, ist wesentlicher, als pünktlich beim Arzt zu sein.

Und so verstehen es auch eher südeuropäisch geprägte Albaner nicht unbedingt, wenn ich leicht genervt auf die Uhr blicke, gefolgt vom Standardspruch „Wir müssen los“. „Dagmar, du hast nie richtig Zeit für einen Kaffee“, sagte Ardit gerne. Mir fällt daran auf, wie stark wir Deutschen durchgetaktet sind, wie wenig Spielraum wir uns selbst lassen.

Jeden Blogeintrag haben die Grafschafter Nachrichten auch bei Facebook gepostet, über dieses soziale Netzwerk haben mich viele Kommentare und Rückmeldungen erreicht – und mir gezeigt, dass diese neue Form eines persönlich-reflektierenden Journalismus von den Lesern sehr geschätzt wird.

Manchmal allerdings haben mich Kommentare auch schockiert. Wenn auf den Blogeintrag vom 8. Februar, der die traurige Abreise der Familie A. beschreibt, jemand applaudierende Hände postet oder schnell hinschreibt „winke winke!“, „Und Tschüss und kommt bloß nicht wieder!!!!!!“. Im Blog steht gerade der Einzelfall, das Persönliche im Mittelpunkt. Man kann ja durchaus der Meinung sein, dass Menschen vom Balkan in Deutschland kein Asyl bekommen sollten. Aber mit Häme zu reagieren, wenn eine Familie mit zwei Kindern in eine ungewisse Zukunft zurückgeschickt wird, finde ich dann doch ziemlich empathielos. Was an Hetze und Stammtischparolen gegen Geflüchtete sonst an vielen Stellen bei Facebook zu lesen ist, steht in krassem Widerspruch zu meinem persönlichen Erleben vor Ort. Andere kennenzulernen, sollte Voraussetzung sein, um sich ein eigenes Urteil bilden zu können.

Zu meinen beiden Familien gehören fünf Kinder zwischen drei und neun Jahren. Die großen sprechen nach sieben Monaten erstaunlich gut Deutsch. Man kann sich mit ihnen über einfache Sachverhalte unterhalten. Das ist ein unglaubliches Potenzial! Besonders für die fünf Jungs finde ich das Hin und Her allerdings beklemmend. Denn die Kinder bekommen die Zukunftsängste ihrer Eltern ganz genau mit.

Bei Ablehnung ihres Asylantrages werden sie wieder entwurzelt werden. Was diese Ungewissheit wohl mit ihnen macht? „Wir sind nach Deutschland gekommen, damit unsere Kinder eine bessere Zukunft haben“, formulierte Ardit einmal. Dass gerade dieser Wunsch nicht in Erfüllung gegangen ist, sei für ihn das Bitterste an der ganzen Geschichte.

Zu hoffen ist, dass die Eltern ihren Kindern in Deutschland dennoch neue Träume gegeben, einen Blick über den Tellerrand verschafft, Zukunftsperspektiven gezeigt haben. Gleichzeitig bleibt für mich aber auch die bittere Erkenntnis, wie ungerecht das Leben ist, wie ungleich die Chancen schon innerhalb Europas verteilt sind. Und der Einzelne ist machtlos, daran etwas zu ändern.

Natürlich ist eine Patenschaft manchmal anstrengend, sie relativiert aber auch eigene Sorgen, rückt manches ins rechte Licht. Ehrenamtliches Engagement heißt für mich, ein kleines Rädchen im Getriebe zu sein, das unsere Gesellschaft am Laufen hält. „Wir können das schaffen“, davon bin ich persönlich immer noch überzeugt. Die deutsche Gesellschaft ist stärker, als sie manchmal glaubt. Also: Nicht jammern, anpacken!

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Freitag, 18. März: Viel Programm für Flüchtlinge

Die Flüchtlingsarbeit in Bad Bentheim ist gut aufgestellt und hat in den vergangenen Monaten ein breites Programm erarbeitet. Mittlerweile gibt es viele regelmäßige Veranstaltungen für Kinder und Erwachsene. Tolle Angebote machen Vereine, Kirchen und andere Ehrenamtliche für Flüchtlinge. Ein Überblick:

Internationaler Treff der Begegnung: Jeden Donnerstag von 19 bis 21 Uhr findet im Treff 10 der „Internationale Treff“ für alle Interessierten ab 21 Jahre statt. Die Veranstaltung ist auch dazu gedacht, dass sich Flüchtlinge und Bad Bentheimer bei Billard, gemeinsamem Fußballgucken oder Tee trinken kennen lernen.

Frauencafé: Austausch nur für Frauen aller Nationalitäten jeden Donnerstag von 16 bis 18 Uhr im Treff 10.

Handarbeitskurs: Jeden Montag um 15 Uhr wird im altreformierten Gemeindehaus an der Heeresstraße 7 ein Näh-, Strick- und Häkelkurs für Frauen und Mädchen ab zwölf Jahren angeboten

Café International: Etwa einmal im Monat gibt es dienstags ein Kaffeetrinken für Flüchtlingsfamilien und Paten im katholischen Gemeindehaus am Nordring. Ehrenamtliche Helfer aus allen Kirchengemeinden sind daran beteiligt. Sie spielen und basteln mit kleineren Kindern, ältere Kinder und Jugendliche können im Keller kickern und Billard spielen. Nächster Termin: 26. April, 16 bis 18 Uhr.

Sprachkurse für Schüler: Für Schülerinnen und Schüler bieten Ehrenamtliche im Arbeitskreis Zuwanderung zwei Kurse zum Erlernen der deutschen Sprache an. Termine in der Grundschule Bad Bentheim mittwochs um 15 Uhr für Schüler der Klassen 5 bis 10, donnerstags um 15 Uhr für Grundschüler. Alle erwachsenen Flüchtlinge besuchen regelmäßig Sprachkurse der Volkshochschule. Mehr dazu im Blogeintrag vom 30. September.

Fußball und Basketball: Jeden Samstag von 11 bis 13 Uhr treffen sich ehrenamtliche Mitarbeiter des SV Bad Bentheim in der Turnhalle des Eylarduswerkes in Gildehaus. Gemeinsame Sportmöglichkeiten wie Fußball und Basketball für Interessierte jeden Alters.

Fußball für Kids: Das Unabhängige Jugendhaus bietet jeden Freitag von 15.15 bis 16.45 Uhr in der alten Turnhalle am Burg-Gymnasium Fußball für 8 bis 13-Jährige.

Ponyreiten für Flüchtlinge: Sehr beliebt bei Flüchtlingen sind auch besondere Veranstaltungen von Vereinen. Bereits zum zweiten Mal richtet der Reit- und Fahrverein Gildehaus-Bentheim am 9. April ab 14 Uhr ein Ponyreiten für Flüchtlinge aus. Bei unseren drei Jungs war schon der erste Termin im November 2015 ein echtes Highlight: Reiten für die Kinder, Kaffee und Kuchen in der Reithalle für Eltern und Paten.

Weitere Angebote: Das Unabhängige Jugendhaus bietet im Treff 10 regelmäßige Veranstaltungen für Kinder und Jugendliche: Kindertheater, Kinderdisco („Underage-Party“ für 8- bis 13-Jährige), Backen, Kinoabende für Kinder oder Treffs für Jugendliche und junge Erwachsene.

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Donnerstag, 10. März: Vernetzung und professionelle Unterstützung sind für Paten unverzichtbar

Zu Ardit ist momentan kein Kontakt zu bekommen. Die albanische Telefonnummer, von der er Gezim die letzten Male angerufen hat, ist immer besetzt, vielleicht auch gar nicht mehr vergeben. Also bleibt uns nichts weiter übrig, als abzuwarten, ob er sich noch einmal meldet.

Bei solchen Ereignissen ist die Patenarbeit anstrengend, manchmal auch frustrierend. Ganz grundsätzlich finde ich aber, dass sich unser Einsatz lohnt. Besonders hilfreich sind dabei die regelmäßigen Treffen für Ehrenamtliche im Arbeitskreis Zuwanderung. Sie haben sich etabliert und vermitteln nützliche Tipps für die Betreuung der Flüchtlinge. Besonders wichtig: An jedem letzten Mittwoch im Monat kommen alle mittlerweile 50 Paten aus unserer Stadt zusammen und tauschen sich aus, begleitet vom Arbeitskreis Zuwanderung und von der Koordinatorin der Flüchtlingsarbeit des Landkreises.

Zu hören, was andere in ihren Familien erleben, hilft und entlastet: Fragen wie „Wo beantrage ich was?“, „Wo ist die Kontoeröffnung am günstigsten?“, „Wer hat einen Dolmetscher/Ansprechpartner für dieses oder jenes Problem?“ lassen sich hier meist schnell beantworten. Aufschlussreich sind auch persönliche Geschichten, die die Paten von ihren Flüchtlingen erzählen. Beim letzten Treffen las eine Patin beispielsweise gerührt einen Dankesbrief einer vor einiger Zeit abgereisten Familie vor.

Der Arbeitskreis Zuwanderung in Bad Bentheim lädt außerdem in regelmäßigen Abständen externe Fachleute ein. Kürzlich berichtete eine Psychologin beispielsweise über „Traumaverarbeitung bei Flüchtlingen“ und gab erste Tipps, wie wir Paten diesen Menschen begegnen sollten. Am Montag hat die Stadt Bad Bentheim ein „Interkulturelles Training“ angeboten: ein Tageseminar für Mitarbeiter der Stadt sowie für ehrenamtliche Flüchtlingshelfer. Unter Leitung einer Diplom-Psychologin aus Osnabrück ging es darum, wie Menschen aus unterschiedlichen Kulturen zusammenarbeiten und wie man Missverständnisse vermeidet. Denn je nachdem, woher man kommt, werden Situationen manchmal völlig anders wahrgenommen. Ganz praktisch haben wir einen Tag lang „interkulturelle Begegnungssituationen“ geübt, dabei eigene Vorurteile überprüft und konfliktvermindernde Verhaltensweisen eingeübt.

Mein Fazit: Wie toll, dass auch Ehrenamtliche an dieser Weiterbildung teilnehmen durften. Hilfe und Tipps von professioneller Seite sind wichtig, um das Patenamt längerfristig gut zu machen. Denn Flüchtlingsarbeit darf auch für Helfer nicht zu belastend werden.

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Donnerstag, 3. März: Überall schlechte Nachrichten

Heute ist einer der Tage, an denen mich das Schicksal unserer Flüchtlinge bewegt. Meistens gelingt es mir, eine mehr oder weniger professionelle Distanz als Helferin aufrecht zu erhalten – heute nicht. Das folgende ist sehr privat, ich habe mich aber entschieden, es trotzdem im Blog zu erzählen, weil es so typisch ist für die Situation vieler Flüchtlinge in unserer Stadt.

Wie schon mehrfach war ich heute wieder mit Diana beim Arzt, Gezim war fürs Übersetzen ins Italienische dabei. Seit ihrer Ankunft klagt sie über Kopf- und Herzschmerzen. Die Symptome haben sich wieder deutlich verstärkt, seitdem Familie A. ausreisen musste. Diana und Gezim sprechen nun jedes Mal, wenn ich sie sehe, davon, dass auch ihnen das gleiche Schicksal bevorstehe.

Untersuchungen haben ergeben, dass es körperlich keine akuten Anhaltspunkte für eine Erkrankung gibt. Der Arzt verschrieb neue Medikamente gegen die Schmerzen. Er sagt, aus medizinischer Sicht wäre es sinnvoll, die Patientin einem Psychologen vorzustellen, um zu klären, welche Sorgen und Ängste sie belasten und möglicherweise zu diesen körperlichen Symptomen führen. Das aber wird aus mehreren Gründen nicht – vielleicht niemals – passieren. Zum einen dürfen Asylbewerber bis ihr Asylantrag positiv beschieden wird nur eine medizinische Grund- und Notfallversorgung erhalten. Psychotherapeutische Hilfe zählt nicht dazu. Zum anderen wäre sie in Deutschland aufgrund der Sprachbarriere ohnehin nicht möglich. Diana spricht ausschließlich Albanisch. In Albanien dagegen ist das Gesundheitssystem so korrupt und schlecht ausgestattet, dass die dortigen Ärzte den beiden ausdrücklich gesagt haben, sie sollten Diana im Ausland behandeln lassen.

Die 24-Jährige, die ihren ersten Sohn mit 15 bekam, hat seit Jahren Schmerzen, aber weder in ihrer Heimat Albanien noch in ihrem Zufluchtsland Deutschland kann ihr also geholfen werden. Diese Erkenntnis ist Gezim heute im Behandlungszimmer in aller Dramatik offenbar geworden: „Besserung gibt es nur, wenn sich unser Leben beruhigt. Dagmar, ich kann dir sagen, unser Leben wird sich nicht beruhigen. Ganz sicher nicht, wenn wir wieder nach Albanien zurückmüssen.“ Und so bleibt als einzige Therapie das Warten, ob die neuen Medikamente wenigstens Linderung bringen. Immer begleitet davon, wann wohl die Entscheidung über ihr weiteres Leben fällt.

Vor der Arztpraxis erzählt Gezim: „Ardit hat gestern aus Albanien angerufen.“ Im ersten Moment freue ich mich, ein Lebenszeichen von Familie A. zu erhalten – bis Gezim weiterspricht: „Melina geht es schlecht, sie war im Krankenhaus. Für Ardit ist keine Arbeit in Sicht. Er hat mich gefragt, ob ich ihm 50 Euro schicken könnte, damit er dringende Rechnungen bezahlen kann.“ Mit leiser Stimme sagt Gezim, er könne so viel nicht aufbringen. Wie auch? Die Familie bekommt das gesetzlich vorgeschriebene Geld von Sozialamt, ansonsten arbeitet Gezim jeden Tag von 8 bis 15 Uhr für 1,05 Euro die Stunde. Irgendwelche Extraausgaben sind davon in der Tat nicht zu tätigen. Auf meine Frage, wann er wieder mit Ardit spreche, sagte Gezim über den Mann, mit dem er sich sechs Monate ein Haus geteilt hat: „Ich möchte ihn eigentlich nicht mehr anrufen. Ich schäme mich so, dass ich ihm nichts geben kann.“

Ardit verfügt blöderweise über kein Handy und keinen Festnetzanschluss in seiner albanischen Kleinstadt. Ich habe Gezim nun gebeten, dass er über die Nummer, von der Ardit beim letzten Mal angerufen hat, einen Telefontermin mit mir vereinbart. Ich möchte wissen, was genau los ist. Bis dahin muss diesmal ich das tun, worin unsere Flüchtlinge sehr erprobt sind: Warten mit düsteren Gedanken.

Ein informativer Hintergrundbericht aus der FAZ: Flüchtlinge und ihre Psyche: Vom Traum zum Trauma. Die meisten Flüchtlinge müssen schwere Leiden verkraften. Psychologische Hilfe erhalten später nur die wenigsten.

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Donnerstag, 25. Februar: Alleine zurückgeblieben

Wie sehr hat sich die Stimmung im Haus verändert, seitdem Familie A. abgereist ist. Das Fehlen von Ardit, Melina, Lorik und Dorian fällt bei jedem Besuch auf. Im großen Wohnzimmer haben sich fast immer die vier Erwachsenen und fünf Kinder gemeinsam aufgehalten, dementsprechend trubelig ging es immer zu. Weil meist das Fernsehen noch lief, war der Geräuschpegel enorm. Und jetzt: Raum und Ruhe, obwohl Benedetto (9), Carlo (7) und Marco (3) ja noch da sind.

Allerdings können Gezim und Diana zum ersten Mal seit sechs Monaten mit ihren Kindern wieder alleine und ganz privat als Familie zusammen sein. Das wiederum tut ihnen gut, ist mein Eindruck von außen. Sie bemühen sich, im Alltag wie bisher zurechtzukommen; alles geht weiter wie bisher: Ein-Euro-Job, Sprachkurs, Handarbeitsgruppe und Treffen mit anderen im Flüchtlingscafé für die Eltern, Schule, Fußball und Schwimmen für die Kinder. Völlig klar ist allen aber, dass es ihnen höchstwahrscheinlich ebenso ergehen wird wie Familie A: „Wir wissen, dass wir auch zurückmüssen. Irgendwann“, sagt Gezim. Das Warten dauert fort.

Und auch die Kinder wissen das ganz genau. Was diese Ungewissheit wohl mit ihnen macht? Ich habe den Eindruck, dass sie sehr genau miterleben, was um sie herum geschieht: Fast unglaublich, was die Jungs in den vergangenen sechs Monaten erlebt haben: Das Verlassen ihrer Heimat, die lange Reise nach Deutschland, die Wochen in den überfüllten Erstaufnahme-Einrichtungen. Dann der Umzug in das Haus in Bad Bentheim, das enge Zusammenleben mit einer völlig fremden Familie, das Aneinander-Gewöhnen. Das fremde Land, die fremde Sprache, die fremde Schule. Durch die Unterbringung im Haus und vielleicht auch durch uns Paten als Ansprechpartner entstand aber immerhin recht schnell ein verlässlicher und strukturierter Alltag. Ein paar Monate, um zur Ruhe zu kommen. Monate, in denen sich die Kinder einzuleben begannen.

Und dann die unvorhergesehen schnelle Ablehnung von Familie A., das Warten auf den konkreten Ausreisetermin, der Abschied von Lorik aus der Schule von einem Tag auf den anderen, das letzte In-den-Arm-nehmen aller beim Abschied. „Wir sind nach Deutschland gekommen, damit unsere Kinder eine bessere Zukunft haben“, formulierte Ardit einmal. Dass gerade dieser Wunsch nicht in Erfüllung gegangen ist, sei für ihn das Bitterste an der ganzen Geschichte.

Wie die Abreise von Familie A. und die neue Ungewissheit die Zurückgebliebenen belastet, merken wir Paten jetzt wieder an Erkrankungen: Kinder und Erwachsene klagen über Hautprobleme, Kopfschmerzen, Herzbeschwerden. Diese Symptome zeigten sie auch ganz zu Beginn, als sie nach ihrer langen Reise in ihrem neuen Zuhause auf Zeit angekommen waren.

Dass gerade die Kinder unter den Flüchtlingen leiden und stark belastet sind, zeigen drei lesenswerte Artikel zum Thema:

  • Ein Drittel der Flüchtlingskinder ist psychisch krank: Münchner Mediziner haben den Gesundheitszustand von syrischen Flüchtlingskindern untersucht. Ein Drittel litt an seelischen Krankheiten, vor allem an Posttraumatischen Belastungsstörungen.
  • Helft zuerst den Kindern: Jeder zweite Flüchtling braucht dringend psychotherapeutische Hilfe. Ohne die wird Integration schwierig. Schon jetzt fehlen Ärzte, Dolmetscher und Anlaufstellen.
  • Psychische Erkrankungen bei Flüchtlingen: Die Bundespsychotherapeutenkammer (BPtK) liefert eine gute und aktuelle Analyse zum Thema. Das häufigste traumatische Ereignis bei den in Deutschland lebenden Flüchtlingskindern und -jugendlichen ist der BPtK zufolge, Zeuge von körperlichen Angriffen auf andere geworden zu sein.
  • ››› nächster Eintrag am 3. März

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Samstag, 13. Februar: Angekommen in Albanien

Ardit und Melina sind mit ihren Söhnen an ihrem Heimatort angekommen. Auch alle Koffer und unser Medikamenten-Care-Paket haben den Zoll und andere Kontrollen erfreulicherweise passiert. Ardit rief Gezim kurz an, mehr Informationen liegen uns noch nicht vor. Aber immerhin hat die insgesamt 33-stündige Rückreise mit Bahn, Bus, Flugzeug und Weiterfahrt in Albanien offenbar geklappt.

Jetzt werden sie sich orientieren müssen. Doch finanziell steht die Familie vor dem Nichts. Deutschland unterstützt die freiwillige Rückkehr vieler Flüchtlinge finanziell, allerdings hängt die Höhe des Betrags vom Herkunftsland ab. Die Einzelheiten sind im REAG/GARP-Programm 2016 geregelt.

Bei diesem Projekt „Bundesweite finanzielle Unterstützung freiwilliger Rückkehrer/innen“ gehen Albaner und Menschen aus anderen Balkan-Staaten fast leer aus: Ihnen zahlt Deutschland nur die Rückreise mit Bus, Bahn oder Flugzeug oder eine Benzinpauschale von 250 Euro. Eine Reisebeihilfe in Höhe von 200 Euro für Erwachsene und 100 Euro für Kinder unter zwölf Jahren, wie sie Flüchtlinge aus zahlreichen außereuropäischen Ländern bekommen, erhalten Albaner nicht.

Auch eine finanzielle Starthilfe für das neue Leben in der Heimat ist für Albaner und Menschen aus anderen Balkan-Staaten nicht vorgesehen. Abgelehnte Asylbewerber aus rund 40 Nationen können diese aber beantragen. Das meiste Geld als Starthilfe gewährt Deutschland Menschen aus Äthiopien, Afghanistan, Eritrea, Ghana, Irak, Iran, Nigeria und Pakistan: Sie erhalten bei der freiwilligen Ausreise 500 Euro pro Erwachsenen/Jugendlichen und 250 Euro Kind unter zwölf Jahren. Etwas weniger Starthilfe erhalten Staatsangehörige aus Ländern wie unter anderem Ägypten, Bangladesch, China, Elfenbeinküste, Georgien, Libyen, Mali, Marokko, Niger, Palästinensische Autonomiegebiete, Russische Föderation, Syrien, Türkei, Tunesien oder der Ukraine. Sie bekommen 300 Euro pro Erwachsenen/Jugendlichen und 150 Euro Kind unter zwölf Jahren.

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Montag, 8. Februar: Die Abreise

Heute Mittag sind Ardit und Melina mit Lorik und Dorian zurück nach Albanien aufgebrochen. Vor ein paar Tagen kam die Information, dass am morgigen Dienstag ab 16 Uhr ein Flugzeug von Frankfurt nach Tirana geht. Die Familie muss sich mit gepackten Koffern heute Abend im Erstaufnahmelager Bramsche-Hesepe melden. Nach einer Übernachtung dort geht es morgen früh um 7 Uhr mit dem Bus und zahlreichen anderen abgelehnten Asylbewerbern nach Frankfurt.

Der Abreisetag heute hatte bis zur Abfahrt um 12.57 Uhr vom Bentheimer Bahnhof ein volles Programm. Und es ist gut, etwas zu tun zu haben. Besonders schön finde ich, dass der neunjährige Lorik noch heute Morgen mit seiner gesamten Familie in der Schule gewesen ist. Er hat ein komplettes Schulhalbjahr an der Bentheimer Grundschule verbracht und vergangene Woche auch ein ausführliches schriftliches Zeugnis bekommen. Am 3. September 2015 ist er ohne ein Wort Deutsch zu können in die vierte Klasse in diesem fremden Land gekommen. Heute haben sie die Schulbücher zurückgebracht und sich von Lehrern und Mitschülern verabschiedet. Das ist bei Flüchtlingen, die wieder abreisen, längst nicht immer üblich und zeigt, wie sehr sich diese Familie um Integration bemüht hat.

Wie jeder Abschied ist auch dieser traurig. Schwer schlucken müssen auch Gezim und Diana, als Ardit und Melina mit ihren Jungs aus der Haustür treten. Fast auf den Tag genau sechs Monate haben beide Familien in diesem Haus zusammengelebt – und aus einer Zweck-WG eine harmonische Gemeinschaft werden lassen. Eine feste Umarmung, liebe Worte, Tränen, Küsse. Die einen reisen in ein vertrautes Land, das sie aus guten Gründen verlassen haben. Die anderen bleiben zurück, wissen aber, dass es ihnen in nicht allzu ferner Zukunft mit großer Wahrscheinlichkeit ebenso ergehen wird.

Bernhard, Hanna und ich packen die Koffer in unsere Autos und fahren mit Familie A. zum Bahnhof. Nochmals feste Umarmungen, dann schließen sich die Türen. Melina spricht nur ganz wenig Deutsch, aber zum Abschied sagt sie: „Danke Dagmar, danke Hanna, danke Bernhard. Danke für alles.“

Ardit, Melina, Lorik und Dorian wissen, wohin sie zurückkehren. Was aber wird, wissen sie nicht. Als die Regionalbahn in Richtung Osnabrück abfährt, denke ich an ein Zitat des irakischen Flüchtlings Abbas Khider aus dem Roman „Ohrfeige“: „Unser Leben in Deutschland endet jetzt, genau hier, obwohl es nie wirklich angefangen hat.“

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Bittere Erkenntnis als Fazit

Zurück in eine ungewisse Zukunft: Mit Regionalbahn, Bus und Flugzeug geht es für Familie A. wieder nach Albanien. Foto: Thiel

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Sonntag, 7. Februar: Abschiednehmen beim letzten Kaffeetrinken

Am heutigen Sonntagnachmittag waren wir Paten Hanna, Bernhard und ich zum Abschiedskaffee zu Besuch. Die Ausreise von Familie A. ist auf den morgigen Rosenmontag terminiert worden.

Trotz allem ist die Stimmung entspannt. Ardit und Melina zeigen Haltung, Würde. Ihr Leben geht weiter, wenn auch anders als geplant und gehofft. Sachlich und organisiert bereiten sie sich auf die Rückkehr vor. Praktische Fragen sind zu klären: Sind die Koffer nicht zu schwer? Pro Person sind 20 Kilogramm Gepäck erlaubt. Wer holt die Pässe vom Sozialamt ab? Wer kauft die Zugfahrkarte nach Bramsche, wo sie sich morgen Abend im Erstaufnahmelager melden müssen?

Der Bentheimer Arbeitskreis Zuwanderung lässt allen, die ausreisen müssen, ein kleines Care-Paket mit Medikamenten für den Neustart im Herkunftsland packen. Die Apotheke hat Mittel gegen Schnupfen, Schmerzen oder Reise-Übelkeit zusammengestellt. Ardit und Melina freuen sich sehr, äußern aber Bedenken, dass diese Dinge den Zoll passieren. „In Albanien wird auch aus den großen Koffern vieles beschlagnahmt mit der Begründung, dass man sich Medikamente ja auch selbst in Albanien kaufen könne“, sagt Ardit. Wir Paten wissen zumindest von einem Fall, bei dem der Transport geklappt hat. Das hoffen wir auch diesmal. Einen Versuch ist es auf jeden Fall wert. In wenigen Tagen wissen wir mehr.

Ardit hat weder ein Smartphone noch eine Telefonnummer seiner Verwandten. Er notiert aber die Adresse, wo er mit seiner Familie unterkommen wird. Wir Paten hoffen ein wenig auf Gezim. Er ist mit Smartphone und WhatsApp gut vernetzt und wird mit Ardit auch in Albanien Kontakt halten. Warten wir ab, wann und wie wir etwas hören.

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Dienstag, 26. Januar: Leben ohne Perspektive

Düsternis, Trostlosigkeit: Das Warten auf die Ausreise prägt nun jeden Tag von Ardit, Melina, Lorik und Dorian. Alle nötigen Papiere sind mittlerweile beisammen, die Ausreise wird nun voraussichtlich Mitte Februar erfolgen. Wann genau, kann leider auch bei den Behörden niemand sagen. Es wird so sein, dass ein oder zwei Tage vorher die Information kommt, dass die Familie am Haus in Bentheim abgeholt und zu einem Flughafen gebracht wird. Von dort fliegen sie mit vielen anderen in die albanische Hauptstadt Tirana. Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) bringt abgelehnte Asylbewerber in regelmäßigen Abständen mit dem Flugzeug zurück in ihr Heimatland.

Für Ardit und Melina ist klar, dass Deutschland sie in die Perspektivlosigkeit zurückschickt. Sie haben in Albanien alles zurückgelassen – von dem wenigen, was sie dort überhaupt besessen haben. Ein eigenes Haus, geschweige denn eine Aussicht auf Arbeit haben sie nicht. Sie werden mit den Söhnen bei Ardits 94-jährigem Großvater und weiteren Familienangehörigen in ihrer Geburtsstadt unterkommen. „Wir teilen uns da zu viert ein Zimmer in einem Haus. Dann müssen wir weiter sehen“, sagt Ardit. Seine allergrößte Sorge ist, dass seine Chancen auf Arbeit gleich Null sind. Familie A. kommt aus einer ehemaligen Bergbau-Stadt mit 10.000 Einwohnern. Fast alle Minen sind heute geschlossen. Aber wer Kinder hat, muss weitermachen und einen neuen Lebensplan entwerfen. Was aber, wenn Eltern einfach nur ratlos sind, wie dieser umzusetzen ist? „Wir sind nur wegen unserer Kinder nach Deutschland gekommen. Ihnen wollten wir eine Zukunft bieten“, sagt Ardit.

Die Begründung, warum ihr Asylantrag abgelehnt wurde, kann der Familienvater nur mit einem bitteren Lachen kommentieren. Er komme aus einem „sicheren Herkunftsland“? In den fünf Monaten, in denen ich Ardit kenne, erzählte er ausschließlich von einem unsicheren Alltag. Das bestreitet übrigens auch das BAMF in seiner Ablehnung des Asylgesuches gar nicht: Albanien gehöre nach wie vor zu den ärmsten Ländern Europas. Die Arbeitslosenrate liege offiziell bei 17,7 Prozent. Sieben Prozent der Bevölkerung lebten in „absoluter Armut“: Das heißt, sie haben weniger als 2,5 US-Dollar pro Tag. „Von Arbeitslosigkeit betroffen sind vor allem junge Menschen, Minderheiten und Rückkehrer“, schreibt das BAMF.

In einem einzigen bitteren Satz gelingt es der Behörde, das Auseinanderklaffen von Wunsch und Wirklichkeit in Albanien sehr treffend zu benennen: „Bei Bestehen einer Krankenversicherung ist die öffentliche Gesundheitsversorgung kostenfrei und wird allen albanischen Bürgern gewährt, in der Praxis werden jedoch überall inoffizielle Zuzahlungen erwartet.“ Und genau das ist eines der vielen Probleme. Beide unserer Familien bestätigen glaubhaft: Ohne Schmiergeld keine medizinische Versorgung. Ohne Bestechung gebe es nicht einmal einen schlecht bezahlten Job.

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Freitag, 15. Januar: Wenn die Hoffnung stirbt – Antrag abgelehnt

Am Dienstag haben Ardit und Melina ihren Ablehnungsbescheid erhalten. Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge schickte ihn als dicken Brief. Lang erwartet, dennoch völlig überraschend, erschüttert sein Inhalt die Familie elementar. Ein offizielles Dokument von elf eng beschriebenen Seiten, in deutscher und albanischer Version. „Die Anträge auf Zuerkennung der Flüchtlingseigenschaft werden als offensichtlich unbegründet abgelehnt“, lautet nüchtern der erste Satz. Und direkt danach: „Die Antragsteller werden aufgefordert, die Bundesrepublik Deutschland innerhalb einer Woche nach Bekanntgabe dieser Entscheidung zu verlassen.“ Nur sieben Tage Zeit? Krass! Das ist auch mir als Patin neu – und angesichts der langen bisherigen Wartezeit vielleicht auch ein wenig unverhältnismäßig. Denn nicht nur der Abschied hier ist zu planen, vor allem muss die Familie organisieren, wie und wo sie in Albanien leben wird. Dort haben sie nichts mehr. Ihre ganze Hoffnung lag auf ihrem neuen Leben in Deutschland.

Fast auf den Tag genau sechs Monate sind Ardit und Melina mit Lorik (9) und Dorian (5) nun in Deutschland und warten. Eingereist ist die Familie Mitte Juli, in Bad Bentheim lebt sie seit Mitte August. Die persönliche Anhörung zu ihrem Asylgesuch war Mitte Oktober.

Klar ist: Die gesamte elfseitige Begründung fußt auf dem am 1. November 2015 in Kraft getretenen neuen und verschärften Asylrecht.

Demzufolge ist auch Albanien als sicherer Herkunftsstaat anzusehen. Hier ist auch neu geregelt, dass abgelehnte Asylbewerber binnen einer Woche Deutschland verlassen müssen.

Für mich als Journalistin ist die Begründung des Bescheides interessant zu lesen: Ausführlich wird auf alle in der persönlichen Anhörung von Ardit und Melina genannten Asylgründe eingegangen. Sie werden allerdings ausnahmslos – und zwar grundsätzlich mit Verweis auf Albanien als sicheres Herkunftsland – für nichtig erklärt. Sämtliche Begründungen untermauert das BAMF durch Gerichtsurteile und Studien von internationalen Organisationen, Auswärtigem Amt und Weltbank. Detailliert wird auch auf die Situation in Albanien eingegangen. Zu lesen ist hier immerhin der Satz: „Dabei wird nicht verkannt, dass die Lage für viele häufig schwierig ist und es in Einzelfällen auch problematisch sein kann, das Existenzminimum zu sichern.“ Doch nützen wird diese Erkenntnis Ardit, Melina und ihren Söhnen nichts.

Zum vielleicht ersten Mal spüre ich, welche fundamentalen Auswirkungen eine politische Entscheidung wie die Verschärfung des Asylrechts zum 1. November 2015 konkret auf den Einzelnen hat. Mit welcher Wucht sie Menschen trifft – auch wenn wir alle damit gerechnet haben. „Wir hoffen einfach“, war stets die Antwort beider Familien, wenn wir über die schlechten Chancen ihres Asylantrages geredet haben. Dieser abgegriffene Satz „Die Hoffnung stirbt zuletzt“, hatte für Ardit und Melina trotzdem immer Gültigkeit. Mehr, an das sie sich klammern konnten, gab es ja auch nicht. Aber was bleibt, wenn diese Hoffnung dann doch stirbt? Was wird, wenn ein Lebensplan so fundamental scheitert?

Bernhard ist sofort mit Ardit zu den zuständigen Behörden gefahren, um die Details zu klären. Weil die Ausweispapiere der Familie noch aus der Erstaufnahme-Einrichtung in Bramsche-Hesepe angefordert werden müssen, sie teilweise sogar fehlen, bleibt der Familie vermutlich etwas mehr Zeit, um die Ausreise zu planen. Wir rechnen mit einigen Wochen Frist. Als Paten hielten wir es ohnehin für sinnvoll, dass die Kinder zumindest das Schuljahr Ende Januar hier abschließen können. Allerdings kann es unter Umständen nun auch schnell gehen. Der Brief hat aus dem gewohnten Abwarten ein stummes Ausharren werden lassen.

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Donnerstag, 7. Januar 2016: Mit Hoffnung ins neue Jahr

Weihnachten und Silvester waren eine ruhige Zeit für unsere Flüchtlinge. Keine Schule, kein Ein-Euro-Job, kein Sprachkurs. Zeit für die Familie. Wir Paten haben ohnehin den Eindruck, dass sich nach viereinhalb Monaten alle in ihrem neuen Zuhause eingelebt haben. Ein strukturierter Alltag schafft Sicherheit.

Ein Glücksfall ist es, dass diese Wohngemeinschaft aus zwei albanischen Familien so toll funktioniert. Bis zu ihrem Einzug Mitte August kannten sich Gezim und Diana sowie Ardit und Melina ja gar nicht. Die Erwachsenen haben mit ihren Kindern aus dieser zufällig und notgedrungen entstandenen WG eine funktionierende Gemeinschaft gemacht. Selbstverständlich ist das nicht und deshalb umso erfreulicher.

Die Bentheimer Paten hatten im Arbeitskreis Zuwanderung entschieden, jedem ihrer Schützlinge eine Kleinigkeit zu Weihnachten zu schenken. Auch wenn viele der Flüchtlinge Muslime sind, wollten wir sie in unser christliches Weihnachtsfest mit einschließen. Bei der Auswahl von neun kleinen Geschenken für die vier Erwachsenen und fünf Kinder stellte sich Bernhard, Hanna und mir eine ganz ungewohnte Frage: Was schenkt man eigentlich Menschen, die nichts haben? Und wie einfach war es dann, für jeden eine Kleinigkeit zu finden!

Bittere Erkenntnis als Fazit

Die Geste zählt: Kleine Weihnachtsgeschenke für die Flüchtlinge. Foto: Thiel

An Heiligabend übernahm ich die schöne Aufgabe, die Geschenke zu überreichen. Ich hatte mich zum Kaffee angekündigt und am Tag zuvor den Brauch des Schenkens erklärt. Das haben alle Kinder auch auf Deutsch sofort verstanden. Normalerweise toben sie immer durchs Haus, wenn ich klingle. Diesmal saßen alle fünf wie die Hühner auf der Stange erwartungsvoll auf dem Sofa im Wohnzimmer. Der Reihe nach – angefangen mit dem dreijährigen Marco als Jüngstem – packte jeder sein Geschenk aus. Alle Jungs bekamen Spiele, die seitdem ausgiebig genutzt werden. Klassiker wie Mensch ärgere dich nicht oder Mühle sind übrigens auch in Albanien bekannt und beliebt. Und an diesem Tag war ich dann einmal wie eine ganz klassische Patin gefordert: Alle Spiele einmal spielen, Regeln erklären, Schummeleien unterbinden. Ein wirklich unbeschwerter Einstieg in den Heiligen Abend – und eine kleine Auszeit für alle Beteiligten, um Kraft zu tanken für 2016. Denn dieses Jahr wird mit Sicherheit existenzielle Entscheidungen bringen: für Gezim und Diana mit Benedetto, Carlo und Marco ebenso wie für Ardit und Melina mit Lorik und Dorian. Ausgang ungewiss.

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Mittwoch, 23. Dezember: Ein Kind ist uns geboren – Eine Bentheimer Weihnachtsgeschichte 2015

Was sich im Dezember 2015 in Bad Bentheim ereignet hat, erinnert ein wenig an die biblische Weihnachtsgeschichte. Es betrifft nicht meine albanischen Familien, ist aber eine so schöne Begebenheit, dass sie einen Tag vor Heiligabend an dieser Stelle erzählt werden soll.

Und es begab sich aber zu der Zeit, dass Maryam* mit drei Kindern und ihrem Bruder in Bad Bentheim ankam. Nach anderthalb Monaten auf der Flucht aus Syrien fanden sie hier am 3. Dezember 2015 Unterkunft und Herberge. Maryam war in der 37. Woche schwanger und stand kurz vor der Geburt ihres vierten Kindes.

Am ersten Tag lernte die Familie auch ihre Paten kennen: Beate, Friedhild und Johann teilen sich seitdem diese Aufgabe als ehrenamtliche Flüchtlingshelfer. Noch am Ankunftstag entschieden die Paten, abends mit der 35-Jährigen in die Euregio-Klinik nach Nordhorn zu fahren. Nach der Untersuchung und der Übersetzung durch einen arabisch sprechenden Arzt terminierte die Klinik einen Kaiserschnitt für den 16. Dezember.

Doch dann kam alles anders. Am 9. Dezember blinkte um 9.29 Uhr bei Friedhild eine WhatsApp-Nachricht auf. Maryams Bruder schickte die deutschen Worte „Wasser“, „Kopf zu sinken“, „Fötus“, „riskieren“ und „Wir müssen ins Krankenhaus“.

Die gesamte Familie versteht ausschließlich Arabisch. Auch auf Englisch ist keine Kommunikation möglich. Das erschwert die Arbeit für die Paten erheblich. Einfaches muss in Zeichensprache übermittelt werden, bei komplexen Themen geht es nur mit Dolmetscher. Sowohl die Flüchtlinge als auch die Paten haben sich aber eine Übersetzungs-App aufs Smartphone geladen, die Wörter und einfache Sätze vom Deutschen ins Arabische und umgekehrt überträgt.

Friedhild war klar: Es ist keine Zeit zu verlieren. Sie erhielt sofort von ihrem Arbeitgeber in Gildehaus die Erlaubnis, sich um die Familie zu kümmern. Weil sie nur ein Fahrrad dabei hatte, lieh sie sich von einer Kollegin das Auto und fuhr nach Bentheim. Die Fruchtblase war geplatzt, die Geburt stand unmittelbar bevor. Friedhild telefonierte Beate herbei, die an ihrem freien Tag Maryam ins Auto setzte und in die Klinik nach Nordhorn fuhr. Die Hochschwangere saß verängstigt und ununterbrochen weinend auf dem Beifahrersitz.

Friedhild ging währenddessen in die gynäkologische Praxis in der Nähe der Flüchtlings-Wohnung. Die Mitarbeiterin kündigte die werdende Mutter in der Klinik an und ließ den Kreißsaal vorbereiten. Jetzt erwies es sich als Glück, dass die Paten mit Maryam bereits drei Mal zur Untersuchung in der Klink waren und diese den Zustand der Schwangeren daher gut einschätzen konnte.

Bittere Erkenntnis als Fazit

Ein Kind ist geboren: Weihnachtskrippe im Kloster Bardel. Foto: Jürgen Lüken

Im Kreißsaal erklärte ein herbeigerufener arabisch sprechender Arzt Maryam, was auf sie zukommt und wie der Kaiserschnitt ablaufen werde. Hebamme und Arzt fragten dann die überraschte Beate, ob sie nicht dabei bleiben könnte. Erfahrungsgemäß sei es auch bei Kaiserschnitten sehr hilfreich, wenn jemand zum Trösten da ist. Maryam nahm Beates Zusage dankbar an. Diese schlüpfte schnell in OP-Kleidung und hielt Maryams Hand: „Ich habe einfach ein bisschen auf Deutsch mit ihr geredet, obwohl sie das ja nicht versteht. Immerhin wusste sie, dass ich auch zwei Kinder habe, die Fotos hatte ich ihr auf dem Smartphone gezeigt.“ Schon nach wenigen Minuten ertönten Babyschreie: Rana* war geboren. Ein kleines Mädchen mit großen Augen und pechschwarzen langen Haaren. Winzig, mit nur knapp 2500 Gramm, aber kerngesund.

Die Hebamme legte das Neugeborene auf Maryams Brust. Beate hielt das Köpfchen, weil die Mutter an beiden Armen Infusionen hatte, sodass sie sich kaum bewegen konnte. „Rührung war das, was ich in diesem Augenblick empfunden habe. Dieses kleine Wesen festzuhalten und zu sagen: Wie schön, dass du da bist“, erinnert sich Beate an einen der wohl intimsten Momente, die man mit einem Menschen teilen kann. „Gleichzeitig dachte ich aber noch im Kreißsaal darüber nach, was wohl aus diesem Leben werden wird.“

Noch mehr als zwei Stunden nach dem Kaiserschnitt blieb Beate bei Mutter und Tochter im Gebärzimmer des Kreißsaales. Am nächsten Tag übernahm Johann und fuhr mit Maryams Bruder und den anderen drei Kindern ins Krankenhaus, um Mutter und Kind zu besuchen. Maryam hat bereits zehn Jahre alte Zwillinge und einen achtjährigen Sohn.

Die genauen Umstände der Flucht kennen auch die Paten noch nicht. Persönliche Dokumente fehlen teilweise, Angaben sind widersprüchlich. Die Familie ist aus Syrien geflohen. Es handelt sich aber offenbar um Palästinenser, die seit sehr vielen Jahren in einem Flüchtlingscamp bei Aleppo lebten. Der Mann von Maryam ist zurzeit immer noch dort. Hoffnung der Familie ist es, dass auch er es nach Deutschland schafft.

Bis es soweit ist, kann sich Maryam mit ihren Kindern auf die drei Paten verlassen. „Nach allem, was wir erlebt haben, ist ein Grundvertrauen da“, freut sich Beate. Das zeigt sich auch daran, dass allen Paten bei jedem Besuch zur Begrüßung stets die kleine Rana in den Arm gedrückt wird.

Und so gelten die Worte der Engel, von denen die Bibel berichtet, auch 2015 Jahre später. Heute richten sie sich nicht an die Hirten, sondern an eine Familie, die von Sorgen und einer dramatischen Flucht gezeichnet ist, ebenso wie an ihre Paten: „Fürchtet euch nicht! Siehe ich verkündige euch große Freude.“

(* Namen von Mutter und Kind geändert)

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Sonntag, 20. Dezember: Im Dickicht der Behörden

Nicht zu ermessen ist, wie schnell das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) einen Asylantrag bearbeitet (siehe Eintrag vom 16. Dezember). Seinem Ruf als Behördenstaat macht Deutschland aber dennoch alle Ehre. Das zeigte jetzt der Blick in den Postkasten.

Nicht das BAMF mit der Asyl-Entscheidung, sondern das Niedersächsische Landesamt für Soziales, Jugend und Familie hat an Gezim und Diana geschrieben. Es mahnt eine längst fällige „U7A-Untersuchung“ für den dreijährigen Marco an. Die U-Untersuchungen sind gesetzlich vorgeschriebene Früherkennungsuntersuchungen. An zehn Terminen wird das Kind bis zum Schulbeginn regelmäßig einem Arzt vorgestellt, der die Entwicklung begleitet. In Albanien gibt es das nicht.

„Leider liegt uns für Ihr Kind noch keine Meldung einer Ärztin oder eines Arztes vor, dass ihr Kind untersucht worden ist“, heißt es in dem Schreiben. Gesetzt wird eine Frist bis zum 25. Januar 2016. Sollte bis dahin keine Bestätigung des Arztes über die U7A vorliegen, „sind wir gesetzlich verpflichtet, das zuständige Jugendamt zu informieren“, formuliert die Behörde.

Na dann, den Termin beim Kinderarzt haben wir Paten noch vor Weihnachten schnell organisiert. Meine Familien nehmen ärztliche Untersuchungen ohnehin sehr gerne wahr, das gute deutsche Gesundheitssystem ist auch in Albanien allseits bekannt. Ich habe aber einigermaßen Schwierigkeiten zu erklären, warum für eine routinemäßige Kindesuntersuchung eine enge Frist gesetzt und mit dem Jugendamt gedroht wird, gleichzeitig aber niemand weiß, wann das BAMF über den Asylantrag und damit über das weitere Leben der Familie entscheidet.

„Wir möchten, dass alle Kinder gesund aufwachsen“, lautet der freundliche Schlusssatz des Schreibens. Und der löst in diesem Fall bei mir als Patin Beklemmung aus. Denn zu erwarten ist, dass auch Gezim und Diana mit ihren drei kleinen Söhnen – wie fast alle Asylbewerber aus Albanien – bald wieder in ihr Herkunftsland zurück müssen. Ob mit oder ohne U7A – in Albanien erwartet sie ein marodes Gesundheitssystem.

Ardit und Gezim berichten, dass in Albanien nur behandelt wird, wer bar bezahlt und die Mediziner am besten persönlich kennt. Kein Geld und keine Beziehungen? Pech gehabt! Nach Angaben der Nichtregierungsorganisation Transparency International, die weltweit Korruption bekämpft, zahlen 80 Prozent der Patienten in Albanien den Ärzten Schmiergelder. Die Österreichische Ärztekammer weiß von geringen Gehältern im Gesundheitsbereich, einer langen Tradition der Bestechung und fehlenden staatlichen Kontrollen. Immerhin berichtet der britische Guardian ausführlich und sehr aktuell über erste Fortschritte bei der Bekämpfung der Korruption in Albanien.

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Mittwoch, 16. Dezember: Warten auf die Entscheidung der Behörde

Seit Mitte August leben unsere beiden albanischen Flüchtlingsfamilien in Bad Bentheim. Nach Deutschland sind sie nahezu zeitgleich eingereist, ihre Asylverfahren aber werden von den Behörden unterschiedlich schnell bearbeitet.

Ardit und Melina hatten bereits einen Tag nach ihrer Ankunft ihre persönliche Anhörung durch das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge, in der die Asylgründe ermittelt werden: (siehe ersten Blogeintrag vom 13. August). Eine zweite Anhörung folgte im Oktober. Seitdem warten sie auf die Entscheidung, ob sie in Deutschland bleiben dürfen oder nicht.

Für Gezim und Diana war es dagegen erst vergangene Woche so weit: Knapp vier Monate nach ihrer Ankunft wurden sie zu ihrer ersten Anhörung geladen. Mit dem Zug fuhren beide zum Termin im Aufnahmelager Bramsche-Hesepe. Abfahrt um 5.57 Uhr, damit sie auch pünktlich um 8.30 Uhr vor Ort waren. Die Anhörung ist der wichtigste Teil des Asylverfahrens und Grundlage für die Entscheidung. Asylbewerber müssen hier alle Gründe darlegen, warum sie ihr Herkunftsland verlassen mussten und was ihnen bei einer Rückkehr droht.

Beide unserer Familien haben nach ihrer persönlichen Anhörung eine sechsmonatige Aufenthaltsgestattung erhalten: Für Ardit und Melina gilt diese bis Februar 2016, für Gezim und Diana bis Juni 2016. Ob sie tatsächlich so lange warten müssen oder ob schon vorher über ihren Asylantrag entschieden wird, weiß niemand. Warten und hoffen gilt also weiterhin – bis ein Brief ihnen mitteilen wird, wie und wo ihr Leben weitergeht.

Mit 5,3 Monaten gibt das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge die durchschnittliche Verfahrensdauer für Asylbewerber an. Im Jahr 2014 waren es noch 7,1 Monate. Nach Informationen des Bayerischen Rundfunks dauert es zurzeit allerdings bei vielen sogar länger als ein Jahr, bis sie den Bescheid erhalten.

Mittlerweile hat der Bundestag beschlossen, die Verfahren weiter zu beschleunigen. Die wesentlichen Neuregelungen des Asylpakets traten bereits am 24. Oktober 2015 in Kraft. Innerhalb von drei Wochen soll künftig bei Bewerbern mit wenig Aussicht auf ein Bleiberecht in Deutschland die Entscheidung fallen. Unter anderem Menschen aus sogenannten sicheren Herkunftsstaaten sollen in zentrale Registrierstellen eingewiesen werden, wo ihr Asylantrag im Schnellverfahren bearbeitet wird und von wo aus sie bei einem negativen Bescheid direkt in ihre Heimatländer abgeschoben werden sollen. Unter anderen wurden auch Albanien, Kosovo und Montenegro zu sicheren Herkunftsstaaten bestimmt.

Informationen zum beschleunigten Asylverfahren gibt es hier:

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Dienstag, 8. Dezember: Gemeinnützig im Einsatz für die Stadt

13 Asylbewerber arbeiten zurzeit in Bad Bentheim in Ein-Euro-Jobs. Auch Gezim und Ardit sind jeden Werktag von 8 bis 15 Uhr für gemeinnützige Tätigkeiten im Einsatz. Sie schneiden Bäume, harken Beete, fegen Blätter, unter anderem im Schlosspark. In den vergangenen beiden Wochen war richtig viel zu tun, weil sie mit ihrer Gruppe auf den Weihnachtsmärkten die Buden und Stände aufgebaut haben.

Die Erfahrungen auch unserer „dienstältesten“ Paten zeigen: Asylbewerber arbeiten gerne in diesen Jobs, die offiziell Arbeitsgelegenheiten heißen. So kommen sie raus und mit Menschen in Kontakt. Ein Fachanleiter beaufsichtigt die Arbeiten und ist zugleich Ansprechpartner. Zur Verfügung gestellt werden Arbeitskleidung wie Overalls und Regenkleidung sowie Sicherheitsschuhe. In Paragraf 5 des Asylbewerberleistungsgesetzes ist geregelt, dass „soweit wie möglich Arbeitsgelegenheiten bei staatlichen, bei kommunalen und bei gemeinnützigen Trägern zur Verfügung gestellt werden“ sollten. Für die Tätigkeit erhalten Asylbewerber eine Aufwandsentschädigung von 1,05 Euro je Stunde ausgezahlt.

Bittere Erkenntnis als Fazit

Alles wieder ordentlich: Das Foto zeigt den Bad Bentheimer Schlosspark Ende Oktober, nachdem die Gruppe dort im Einsatz war.

In Gesprächen mit Gezim und Ardit wird sofort klar, warum sie diesen Job machen: „Nicht das Geld ist wichtig, die Arbeit ist wichtig“, sagt Ardit. Irgendwie müssten sie die Zeit des Nichtstuns und des Wartens auf die Asylentscheidung ja überbrücken.

Auch nach Arbeitsende um 15 Uhr sind die beiden deswegen gerne weiter im Einsatz. Neulich haben sie ihre Nachbarn gefragt, ob sie beim Schneiden der Kopfbäume helfen dürften. Durften sie – und wurden danach sogar zum gemeinsamen Kaffeetrinken eingeladen.

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Dienstag, 1. Dezember: Mit dem Handy den Alltag organisieren

Das Handy ist für Flüchtlinge ein wichtiges Kommunikationsmittel. Nur so können sie mit ihren Verwandten in der Heimat in Kontakt bleiben. Und auch für mich als Patin ist es unverzichtbar, den Alltag vor Ort damit zu organisieren. Ich rufe fast immer kurz an, bevor ich vorbeikomme. Das erspart mir unnötige Fahrerei und das Stehen vor verschlossener Tür.

Interessanterweise geht Italienisch mit Gezim am Telefon besser als Englisch mit Ardit. Wir radebrechen zwar telefonisch noch mehr als im persönlichen Gespräch, aber für den Informationsaustausch reicht es auch fernmündlich.

Neulich hatte ich für Gezim einen wichtigen Sachverhalt bei einer Behörde erfragt. Ich wollte ihm das telefonisch mitteilen, erreichte ihn aber nicht und sprach kurz auf die Mailbox. Aber es kam kein Rückruf. Komisch. Zwei Tage später kam ich ins Haus und wurde vorwurfsvoll gefragt, warum ich mich nicht melden würde. Hallo? Schon mal was vom Abhören der Mailbox gehört und der Möglichkeit zurückzurufen? Die Antwort kannte ich bislang nur von Teenagern, die genau so ihren Eltern gerne antworten: „Oh, ich habe kein Guthaben mehr auf dem Handy und kann nur noch angerufen werden.“

Auch Telefonieren kostet Geld. Wie schön, dass das Internet eine Fülle von nützlichen Informationen bietet. Die Stiftung Warentest hat für insgesamt 14 Länder recherchiert, mit welchen Handytarifen Flüchtlinge besonders günstig in ihre Heimat telefonieren. Die Tipps für Orientierung im deutschen Mobilfunk-Tarifdschungel gibt es in deutscher, englischer und arabischer Sprache.

Handys sind im Jahr 2015 übrigens für Flüchtlinge kein Luxus, sondern oftmals unverzichtbar, um den Weg in die Ferne zu organisieren und Kontakt in die Heimat zu halten. Zwei Artikel liefern Hintergründe zum Thema:

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Mittwoch, 25. November: Sind Syrer bessere Flüchtlinge als Albaner?

Wir Paten hören manchmal Aussagen wie: „Ach, ihr kümmert euch um Albaner? Vom Balkan? Würde ich ja nicht machen. Wenn ihr aber mal Syrer habt, helfe ich gerne.“ Dem einen lieber helfen als dem anderen? Und auch noch abhängig von der Nationalität? Diese Frage hat sich mir bei meinem Einsatz als Patin noch nie gestellt. Würde man sie konsequent zu Ende denken, hieße das ja auch, dass Syrer Unterkunft, Sprachkurse, Vereinsangebote nutzen können – und die Albaner beziehungsweise die Leute vom Balkan nicht. Und dann? Sollen die unter der Brücke schlafen, betteln gehen, den ganzen Tag ohne Ansprechpartner sein? Ich glaube nicht, dass die Auswirkungen eines solchen Szenarios im Sinne auch der größten Skeptiker der derzeitigen Flüchtlingspolitik wären.

Bad Bentheim wurde bislang einfach ein sehr hoher Anteil von Asylbewerbern aus Balkan-Staaten zugewiesen. Aussagen wie „Das sind ja nur Wirtschaftsflüchtlinge!“ erleichtern die Arbeit für Paten nicht. Die Menschen sind nun mal da. Und auch wenn sie vermutlich fast alle wieder in ihr Herkunftsland zurück müssen, bleiben sie derzeit bis zu einem Jahr bei uns. Da helfen keine starren Überzeugungen, da hilft nur: anpacken!

Dass sie so gut wie keine Chancen haben zu bleiben, ist weder für Paten und noch weniger für die Albaner erfreulich. Denn gerade an den Kindern unserer Familien ist zu merken, dass sie sich schon nach drei Monaten gut an ihr neues Leben anpassen: Sprachkurs, Schule, Näh-Treff, Fußball. Die Schulkinder Benedetto, Lorik und Carlo haben am schnellsten Kontakte geknüpft.

Ich bin auf Facebook gefragt worden, warum ich die Albaner denn als „Flüchtlinge“ bezeichne. Wenn ich in diesem Blog von Flüchtlingen schreibe, sind damit ganz allgemein Menschen mit einer Fluchtgeschichte gemeint. Ganz gleich, ob sie in Deutschland als solche schon offiziell anerkannt worden sind. Und ganz gleich, woher und warum genau sie kommen.

Die Flüchtlinge, die hier sind – auch die vom Balkan – haben in ihrer Heimat ihr komplettes Leben zurückgelassen. Pauschal zu sagen: „Ach, das sind nur Wirtschaftsflüchtlinge“, finde ich gefährlich. Mindestens drei Aspekte fallen mir spontan ein, warum die Situation auf dem Balkan nicht so einfach ist, wie manchmal geglaubt wird. Und warum eine Einzelfallprüfung wichtig ist:

(Nähere Informationen finden sich in den unterlegten Links.)

Bereits im Blogeintrag vom 26.10. schrieb ich, dass Verallgemeinerungen gefährlich sind und zu Vorurteilen führen. Wir müssen das individuelle Schicksal sehen. Für mich heißt das: Was genau meinen albanischen Familien in ihrer Heimat passiert ist, wie sie dort gelebt haben, weiß ich nur andeutungsweise. Für meine Arbeit als Patin ist das aber in der Tat irrelevant. Sie sind hier – also müssen wir uns auch um sie kümmern. Schon im eigenen Interesse.

Darüber hinaus gibt es aber noch einen ganz simplen Grund, warum ich meine Albaner genauso schätze wie andere Flüchtlinge: Mitmenschlichkeit.

Eine nette Begegnung hatte ich neulich bei einer Weinprobe in einem Bentheimer Restaurant. Ich kam mit einem Gast ins Gespräch, der sich als Arzt im Ruhestand vorstellte. Als ich ihm von meiner Flüchtlingspatenschaft erzählte, strahlte er und kommentierte das mit den Worten: „Ich bin übrigens ein Wirtschaftsflüchtling. Auch das kann eine gute Wendung nehmen.“ Vor 30 Jahren habe der Niederländer in seiner Heimat keine Stelle gefunden, Mediziner hatten dort wenig Aussicht auf Arbeit. Gegen den Rat seiner Freunde und Familie bewarb er sich an einem großen Krankenhaus in Nordhorn. Er bekam die Stelle, erarbeite sich einen Ruf als anerkannter Facharzt – und blieb.

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Donnerstag, 19. November: Wie ein Kinderfahrrad gleich vier Menschen glücklich macht

Vor vier Wochen haben alle in unseren Familien ein Fahrrad bekommen, damit sie sich in Bad Bentheim gut fortbewegen können. Alle, bis auf den neunjährigen Benedetto. Es war einfach kein passender Drahtesel für seine Größe vorhanden. Gegen seine Tränen und Enttäuschung konnten wir ihn auch mit dem Versprechen, dass unter den nächsten Spenden bestimmt ein Rad für ihn dabei sein würde, nicht wirklich überzeugen (Siehe Blogeintrag vom 12. Oktober)

Aber unsere „Schrauber“ Bernd Hofste und Johann Somberg haben natürlich Recht behalten. Die beiden Rentner betreiben für den Arbeitskreis Zuwanderung ehrenamtlich und höchst professionell eine Verleih- und Reparatur-Station für gespendete Räder. Vergangene Woche haben sie nun ein passendes Rad für Benedetto erhalten, es repariert und ihm gebracht. Und das sind dann Momente, in denen alle Ehrenamtlichen wissen, warum sie diese Arbeit machen. Das entschädigt für manche Mühe, die es bei der Betreuung von Flüchtlingen selbstredend auch gibt.

Besonders nett ist auch der E-Mail-Austausch zwischen uns Ehrenamtlichen. Eine kleine Kostprobe davon, was ich am Abend nach der Fahrradübergabe in meinem Postfach hatte, zitiere ich hier mit Einverständnis der beiden Herren:

Hallo Frau Thiel,

der kleine Kerl hat sich so sehr gefreut über sein Rad, er hat begeisterte erste Runden um die Garage gedreht und ist über die Straße „geflogen“. Es war für uns ein absolutes Highlight, das zu beobachten, für die nächsten zwei Wochen sind Bernd und ich schon wieder komplett „bezahlt“.

Lieben Gruß, Johann Somberg

Und Bernd Hofste schrieb:

Die Flüchtlinge kommen ja jeder mit ihrer eigenen Geschichte und mit unterschiedlichen Fähigkeiten, sich hier einzufinden und auch selbst einzubringen. Es ist nicht einfach, nicht für die Flüchtlinge und auch nicht für die Bürger unserer Stadt. So viel Offenherzigkeit und so viel guter Wille auch vorhanden sind, ebenso viele Stolpersteine liegen aber auch auf dem Weg. Johann und ich selbst merken, dass diese Arbeit uns prägt. Das Herz wird größer, auch trotz mancher Enttäuschung, vielleicht aber auch deswegen. Ein paar strahlende Kinder- (und Erwachsenen-)Augen wiegen die negativen Erlebnisse bei Weitem auf. Es lohnt sich also. Wenn wir in zehn Jahren auf diese Zeit zurücksehen, werden wir merken, wie sehr sie uns verändert hat!

Und das war dann ein Tag, der nicht nur Benedetto, sondern auch die Schrauber und die Patin glücklich machte.

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Montag, 16. November: Wie das Erlebte Flüchtlinge psychisch belastet

Dass die Flüchtlinge hier allmählich ankommen, ist auch daran zu merken, dass Stresssyptome weniger werden. In den ersten beiden Monaten hatten einige in unseren Familien immer wieder über Atemnot und Herzrasen geklagt, Hauterkrankungen wie Schuppenflechte und eine akute und sehr schmerzhafte Magenschleimhautentzündung mussten behandelt werden. Solche Symptome kennen viele unserer Paten von den Menschen, die sie betreuen. Von Kindern übrigens genauso wie von Erwachsenen. Auch die Ärzte vor Ort bestätigen, dass oftmals Stress und große Belastung Auslöser der Beschwerden seien.

Der Kinder- und Jugendpsychiater Enrico Ullmann hat vergangene Woche in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung berichtet, dass knapp die Hälfte seiner Patienten in einem Flüchtlingscamp in Dresden an einer posttraumatischen Belastungsstörung leide. Auch aus der Literatur sei bekannt, dass extreme Ereignisse wie Krieg, Folter und Vertreibung bei ungefähr 50 Prozent der Menschen zu solchen Störungen führen. Für das Gesundheitssystem wird das in den kommenden Jahren eine Herausforderung. Die große Zahl der Flüchtlinge und die fehlenden Sprachkenntnisse sind zudem große Hürden für schnelle Hilfe.

Der Psychologe motiviert aber auch uns Paten, denn offenbar helfen wir diesen Menschen auf ganz einfache Weise: Es ist wichtig, dass die Flüchtlinge eine sichere Umgebung erleben, wo sie sich in eine Gruppe eingebettet fühlen. „Soziale Unterstützung ist ganz wichtig für die psychische Widerstandskraft. Umso schlimmer ist es deshalb, wenn hasserfüllte Demonstranten am Zaun von Camps stehen. So etwas kann retraumatisieren.“

Der israelische Psychologe und Trauma-Spezialist Mooli Lahad berichtete in der Jüdischen Allgemeinen über seine Erfahrungen mit Traumatisierten in Israel. Das Land ist seit der Staatsgründung 1948 im ständigen Krieg, erlebte unzählige militärische Einsätze und Terroranschläge. Er spricht davon, dass immerhin 80 Prozent der Menschen, die solch bedrohlichen Situationen ausgesetzt waren, das Erlebte psychisch gut und ohne Hilfe von außen überstehen. Sie hätten die Fähigkeit, sich zu erholen und zu einem normalen Leben zurückzukehren. Für 20 Prozent gelte das aber nicht.

Auch wenn die Zahlen variieren: Man muss offenbar davon ausgehen, dass zwischen 20 und 50 Prozent der Flüchtlinge schwere psychische Belastungen und Traumata in sich tragen. Das gilt dann auch für einen Teil der Menschen, die wir hier vor Ort betreuen.

Informationen und Hilfe bietet das Netzwerk für traumatisierte Flüchtlinge in Niedersachsen. Es setzt sich – unabhängig von ihrem Aufenthaltsstatus – für Migranten ein, die Folter, Verfolgung, Krieg oder Flucht erlitten haben.

Viele aktuelle Informationen gibt es auch von der Fachtagung „Kinder aus Flüchtlingsfamilien – Hintergründe und Perspektiven für Kindertageseinrichtungen“, die das niedersächsische Kultusministerium im Juli 2015 ausrichtete. Vorträge und Ergebnisse sind online abrufbar.

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Montag, 9. November: Die hohe Kunst der Übersetzung

Besonders klasse ist der Google-Übersetzer auf dem Smartphone. Sogar für so exotische Sprachen wie Albanisch gibt es ihn mittlerweile: Einfach das deutsche Wort eintippen, und schon spuckt das Ding die albanische Übersetzung aus. Da ich nicht auf grammatikalische Korrektheit angewiesen bin, sondern meist einfach ein Wort brauche, um einen Sachverhalt zu erklären, ist das auf die Schnelle wirklich sehr hilfreich. Die letzten Wörter, die ich dort eingetippt habe, lauteten übrigens: nähen, Bügeleisen, Ponyreiten und Medikamentendosis. Was auch die Bandbreite unserer Gesprächsthemen sehr anschaulich illustriert.

Eines der Kinder unserer Familien hat ein neurologisches Problem, das ärztlich abgeklärt werden musste. Was die Effektivität anbelangt, sind meine Erfahrungen mit Arztbesuchen bislang mittelprächtig. Die Kommunikation zwischen Medizinern und Flüchtlingen ist in den Sprechstunden einfach immer sehr eingeschränkt. Ardit ist der einzige aus unseren beiden Familien, der etwas Englisch spricht. Für detaillierte Auskünfte und Hintergründe reicht es aber nicht aus. Italienisch kann in Bad Bentheim ohnehin fast niemand. Am besten ist es, wenn wir Paten mitgehen und übersetzen. Aber auch wir stoßen hier bei Details schnell an die Grenzen.

Außerdem kosten Arztbesuche einfach unglaublich viel Zeit, die ich als Berufstätige nicht immer erübrigen kann. Diesmal wurde uns schon angekündigt, dass eine lange Wartezeit eingeplant werden müsste. Bei einfachen Problemen wie Husten bei einem Kind rufen wir Paten auch mal in einer Praxis an, schildern die Beschwerden und schicken den Patienten dann alleine dahin. Das klappt. Diesmal reichten aber meine Fragen weder auf Englisch noch auf Italienisch aus, um Klarheit über die akuten Beschwerden des Jungen zu bekommen. Schnell zeigte sich: Wir scheitern wieder einmal an der Sprache, die Antworten sind irgendwie widersprüchlich.

Und manchmal haben wir Paten Glück. Zwei Tage zuvor hatte mir mein Italienischlehrer aus Münster angeboten, einen Kontakt zur einer jungen Albanerin zu vermitteln, die bereit wäre, ab und zu für uns zu übersetzen. Also rief ich Bianda an (Name geändert). Die 20-Jährige ist vor zwei Jahren nach Deutschland gekommen und spricht nahezu perfekt und fast akzentfrei Deutsch. Für den Abend verabredeten wir einen Telefontermin mit Ardit und Melina. Und hier ist mir dann mein Beruf zugutegekommen. Wir hatten eine klassische Interviewsituation: Das Smartphone auf dem Tisch, den Lausprecher an, stellte ich sechs Fragen zu Beschwerden, Symptomen und Medikamentendosis auf Deutsch. Bianda übersetzte. Die Albaner antworteten detailliert und Bianda übersetzte für mich zurück. Das Interview habe ich dann schriftlich zusammengefasst und den Eltern mit auf dem Weg zum Arzt gegeben, meine Telefonnummer für Rückfragen inklusive. Das ist auch bei den Medizinern gut angekommen, weil sie schnell einen ersten Überblick über die Beschwerden hatten. Der Junge wurde mittlerweile sogar stationär durchgecheckt – und auch wir Paten haben Zeit und Nerven gespart.

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Montag, 2. November: Freiraum für die Frauen

Immer noch erreichen uns Paten viele Angebote für Flüchtlinge. Die evangelisch-altreformierte Kirchengemeinde in Bad Bentheim bietet ab sofort einen Handarbeitskurs für Flüchtlingsfrauen an. Das ist eine tolle Idee. Denn die Frauen in unseren beiden Familien haben mit Abstand am wenigsten Kontakt zu Deutschen. Sie sprechen nur albanisch, sind – außer beim Sprachkurs – nur zu Hause, putzen, kochen und kümmern sich um die Kinder. Das bietet relativ wenige Möglichkeiten zur Integration. Mit dem Handarbeitskurs haben sie nun zumindest einmal pro Woche Gelegenheit, etwas nur für sich zu tun.

In großen Kartons haben die Frauen der altreformierten Gemeinde Wolle und Stoffe gesammelt, die im Kurs verarbeitet werden können. Häkeln, stricken, sticken oder Motive auf Stoffe aufbügeln – vieles ist möglich. Diana hat offenbar Erfahrung, greift sich beim ersten Treffen gleich eine Häkelnadel und häkelt einen kleinen Topflappen. Melina ist sehr schüchtern und traut sich zuerst gar nicht. Und deshalb ist es eine gute Idee, dass der Kurs nur von Frauen geleitetet wird: In sehr geschützter Atmosphäre erklären sie ganz in Ruhe Materialien und Utensilien. Gemeinsam häkelt eine der Damen mit Melina eine kleine Haube für gekochte Eier. Ein erstes kleines Erfolgserlebnis.

Bei meinem nächsten Besuch im Haus holen Melina und Diana sofort zwei Einweckgläser hervor. Die hatten sie mitbekommen, um darin ihre Handarbeiten sowie Wollknäule und Häkelnadeln aufzubewahren. Jede zeigt mir stolz das Ergebnis ihres ersten Handarbeitskurses. Wollen sie wieder hin? Keine Frage!

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Montag, 26. Oktober: Wie die Patin mit Vorurteilen kämpft

Auch ich als Patin bin leider nicht frei von Vorurteilen. Irgendwie hatten wir Flüchtlingshelfer das Gefühl, dass unsere Familien im Lager für Spenden häufig Bettwäsche holen. Mir fehlte der Überblick und daher fragte ich, ob wir gemeinsam die vorhandenen Sachen anschauen könnten, um zu gucken, ob und was noch benötigt wird.

Das Misstrauen hat seinen Grund: Natürlich ist es auch schon vorgekommen, dass Flüchtlinge mehr Dinge mitnehmen als sie brauchen. Das war beispielsweise bei der Familie der Fall, die vorher in diesem Haus gelebt hat. Sie reiste, nachdem sie ihre Ausweisung erhalten hatte, trotz des guten Verhältnisses zu den damaligen Paten ohne Abschied ganz plötzlich ab, im Gepäck auch viele Dinge, die eigentlich ins Haus gehören. Der Arbeitskreis Zuwanderung musste danach von Geschirr und Besteck bis zu Möbelstücken und Handtüchern kurzfristig vieles neu beschaffen.

Melina nahm mich also mit in das obere Stockwerk, wo die neun Mitglieder beider Familien in zwei Elternschafzimmern und zwei Kinderzimmern schlafen. Und dann haben mich meine Gedanken beschämt. In den Zimmern stehen Schränke und perfekt gemachte Betten, keinerlei persönliche Gegenstände. Auch nach zwei Monaten ist hier: nichts. Absolut nüchtern. Verglichen mit den vielen Menschen, die in Zelten oder Turnhallen leben, ist dieses Haus sicher Luxus. Verglichen aber damit, wie wir alle in Bad Bentheim wohnen, ist das ein sehr großer Unterschied. Und es zeigt, dass auch unsere Albaner hier nicht viel mehr haben, als das, was sie tragen können.

Einige Bettlaken verwenden unsere Familien übrigens als Schonbezüge für die Sofas. Sie sind zwar aufgetrennt, aber sehr ordentlich über die Polster gespannt: Das also erklärt den Bedarf weiterer Bettwäsche.

Zum Thema eigene Voreingenommenheit fällt mir noch eine Begebenheit ein: Kurz nach dem Einzug in das Haus gab mir Gezim einen großen Stapel Papiere. Die habe er ganz hinten im Wohnzimmerschrank gefunden. Schon beim ersten Durchblättern ist klar: Das sind Mahnungen und Forderungen von Inkassounternehmen – für Bestellungen im Versandhandel, bei Internet- und Telefondienstleistern. Alles offenbar nie bezahlt. Adressiert an verschiedene Personen, immer an die Anschrift des Hauses. Die Summe belief sich auf mehrere tausend Euro. Die Adressaten waren allerdings ja bereits abgereist. Immerhin ist das kein Schaden, den die Stadt oder der Steuerzahler zu tragen hat. Es ist Sache der Internethändler, die Zahlungen notfalls auch im Ausland einzutreiben.

Auf meinen tollen pädagogischen Hinweis, dass das illegal und auf keinen Fall nachzuahmen sei, fragte Gezim mich auf Italienisch sinngemäß, ob ich noch alle Tassen im Schrank hätte. Das sei ihm auch klar und er beabsichtige definitiv nicht, sowas zu tun. Nun ja, dieses Gespräch ist bereits zwei Monate her und wir haben meiner Einschätzung nach wirklich ein ganz gutes Verhältnis. Er kann meine Offenheit einordnen - und meine Unterstellungen durchaus mit Humor nehmen.

Auch ich lerne als Patin täglich. Und zwar: Jedes Schicksal ist individuell, Verallgemeinerungen basieren oft auf Vorurteilen. Auch unter den Albanern, die ich in Bad Bentheim kenne, gibt es welche, die ich sympathisch oder auch weniger sympathisch finde. Welche, die sehr korrekt sind, und welche, die eher Fünfe gerade sein lassen. Das alles übrigens finde ich bei meinen deutschen Bekannten genauso.

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Mittwoch, 21. Oktober: Fußball für die Jungs

Bernhard hat drei der Jungs in Trainingsgruppen beim SV Bad Bentheim untergebracht und sie beim ersten Mal alle in ihre neuen Mannschaften begleitet. Benedetto und Carlo spielen nun zweimal in der Woche Fußball in der F-Jugend, Lorik schwimmt mit einer Trainingsgruppe im Badepark. Flüchtlingskinder schnell am Alltag teilhaben zu lassen, nutzt der Integration der gesamten Familie: Die Kinder werden sinnvoll beschäftigt, lernen dabei Deutsch und ihre Eltern kommen, beispielsweise bei Fußball-Turnieren, ebenfalls in Kontakt mit Einheimischen. Der Sportverein nimmt Flüchtlingskinder sehr offen und unkompliziert auf. Wie toll Fußballtrainer auch außerhalb des Platzes sein können, hat neulich Christian Streich, Trainer des SC Freiburg, bewiesen. In acht Minuten fasste er während einer Pressekonferenz die Flüchtlingskrise zusammen und beendete seine Rede mit den Worten „Jetzt haben wir wenig über Fußball geredet, aber es gibt ja auch noch wichtigere Themen“. Was der Trainer gesagt hat, hat das Blog Testspiel online gestellt. Sehenswert!

Der Deutsche Fußball-Bund (DFB) erläutert in einer Broschüre, warum er die Vereine bei ihrer Arbeit mit Flüchtlingen unterstützt und liefert viele Tipps für die praktische Arbeit: Willkommen im Verein! Fußball mit Flüchtlingen

Ohnehin machen die Kinder unserer Familien einen unkomplizierten Eindruck. Sie nutzen gerne die Angebote, die wir Paten ihnen vorschlagen. So war es für Benedetto diese Woche überhaupt kein Problem, alleine zum Kinder- und Jugendangebot im „Treff 10“ zu gehen. Lorik hatte etwas Fieber und konnte nicht mit, also brachte Bernhard den Neunjährigen ohne seinen Mitbewohner dorthin. Selbst mit wenig Deutschkenntnissen integrieren sich die Kinder offenbar recht schnell. Die Verständigung wird zudem von Woche zu Woche einfacher; nach zwei Monaten spricht Benedetto bereits einfache Sätze auf Deutsch und dolmetscht manchmal sogar für seine Eltern.

Von der Unkompliziertheit der Kinder können wir Erwachsenen ohnehin viel lernen. Das habe ich schon ganz am Anfang meines Einsatzes als Patin bemerkt, als wir mit Benedetto beim Kinderarzt waren. Im Wartezimmer saßen zwei Polinnen, die mit ihren Kindern polnisch sprachen, sowie Gezim und Diana. Ich war die einzige mit deutscher Muttersprache. Das kommt in einer Kleinstadt wie Bad Bentheim dann doch eher selten vor. Spannend war aber zu beobachten, dass der polnische Junge, etwa so alt wie Benedetto, immer wieder Kontakt zu ihm suchte. Als Benedetto auf seine Fragen nicht reagierte, war das dann auch egal - und sie spielten, ohne zu sprechen gemeinsam mit Autos und Bällen. Vielleicht grundsätzlich ein gutes Motto: Nicht reden, nicht grübeln, sondern einfach machen.

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Mittwoch, 14. Oktober: Die Angst ist immer da

Meine erste Begegnung mit Melina werde ich nicht vergessen. Als die 35-Jährige mir kurz nach ihrer Ankunft Mitte August im Haus in Bad Bentheim die Hand gab, dachte ich zuerst, dass sie verkrüppelte Finger habe. Sie reichte mir nicht die Hand, sondern eher die Faust, den Oberkörper leicht vorgebeugt, den Blick strikt nach unten. Umgehend entzog sie die Faust und drehte sich weg, sehr blass und mit dunklen Augenringen. Die 2000 Kilometer lange Reise von ihrer albanischen Kleinstadt in das ihr völlig fremde Deutschland hatte sie deutlich gezeichnet.

Fast genau zwei Monate leben Familie O. und Familie A. nun in Bad Bentheim. Auch Melina hat sich in dieser Zeit verändert. Heute begrüßt sie mich, sieht mir in die Augen und hält meine Hand in ihrer (die übrigens völlig intakt ist). Bei allen Fragen redet sie mich grundsätzlich mit meinem Vornamen an und bittet die Männer zu übersetzen. Allein diese Veränderung gibt mir das Gefühl, dass mein Einsatz hier sinnvoll ist und im Kleinen hilft. Das ist wohl das, was wir Paten tun können: Für einen stabilen Alltag sorgen, Termine für Sprachkurse, Schule, Kindergarten und Behörden organisieren. Feste Tagesabläufe geben ganz offensichtlich Sicherheit.

Auch Psychologen raten Flüchtlingshelferinnen wie mir: Nicht zu viel fragen und nachbohren, was genau passiert ist, sondern besser in der Gegenwart für Entspannung sorgen. Alltagstauglich machen.

Die in zwei Monaten aufgebaute Alltagsstruktur erweist sich bei unerwarteten Ereignissen aber als brüchig. Ein Brief ist angekommen: Ardit und Melina müssen in einer zweiten Anhörung in der Landesaufnahmestelle für Flüchtlinge in Bramsche-Hesepe über ihre Asylgründe berichten. Melina, die sonst fast immer still ist, kann an diesem Nachmittag über nichts anderes reden. „Ich habe Angst, ich kann nicht schlafen, ich will nicht zurück nach Albanien.“ Mehrfach unterbricht sie Ardit und Gezim bei unserem Gespräch über Alltägliches und fordert sie auf, mir das immer wieder zu übersetzen. Wirklich beruhigen kann ich sie nicht, immerhin weiß sie nun, dass sie keinesfalls direkt nach der Anhörung zurück nach Albanien muss: „Du kommst erst einmal wieder hier in das Haus in Bad Bentheim, bis die Behörde entscheidet. Dann sehen wir weiter.“ Ein schwacher Trost, für den ich aber keine Alternative anbieten kann.

Gezim und Diana, die ja ebenfalls vor gut zwei Monaten nach Deutschland gekommen sind, hatten übrigens noch nicht einmal ihr Erstgespräch, in dem sie über ihre Asylgründe angehört werden. Eigentlich müsste es unmittelbar nach der Ankunft in einer Aufnahmestelle geführt werden, noch bevor Flüchtlinge auf die Kommunen verteilt werden. Das ist nicht mehr der Fall und zeigt die große Überlastung der Behörden. Warten und Hoffen: Das gilt auch für Gezim und Diana nach wie vor.

Weil sie aus Albanien kommen, haben sich ihre Chancen, in Deutschland bleiben zu können, in den vergangenen Wochen nicht gerade vergrößert. Am 24. September einigten sich Bund und Länder beim Flüchtlingsgipfel in Berlin darauf, auch Albanien, Kosovo und Montenegro zu sicheren Herkunftsstaaten zu erklären, um den Zuzug von Menschen aus diesen Regionen zu einzuschränken. Als sichere Herkunftsstaaten gelten nach Auskunft des Bundesjustizministeriums bislang schon Bosnien und Herzegowina, Ghana, Mazedonien, Senegal und Serbien – sowie alle Mitgliedstaaten der Europäischen Union. Nach Informationen der „Zeit“ kamen im ersten Halbjahr 2015 mehr als 40 Prozent der Asylsuchenden aus den Westbalkanstaaten Serbien, Bosnien und Herzegowina, Mazedonien, Montenegro, Albanien und dem Kosovo. Ihre Anträge werden zu fast 100 Prozent abgelehnt.

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Montag, 12. Oktober: Ein Fahrrad macht unabhängig

In einer ländlichen und flachen Region wie der Grafschaft Bentheim ist das Fahrrad ein perfektes Verkehrsmittel. Auch Flüchtlinge kommen damit sehr schnell und praktisch von einem Ort zum nächsten. Dass das in Bad Bentheim einfach toll klappt, liegt an unseren beiden „Schraubern“ Bernd Hofste und Johann Somberg. Die beiden Rentner betreiben für den Arbeitskreis Zuwanderung ehrenamtlich und höchst professionell eine Verleih- und Reparatur-Station für gespendete Räder.

Am Freitag haben nun auch die Kinder meiner beiden Familien ein Fahrrad bekommen. Mit allen fünfen haben wir in der Werkstatt in einem Nebengebäude des Bad Bentheimer Bahnhofs Räder ausprobiert und Probe gefahren. Für Marco (fast 3) fand sich ein kleines Laufrad, für Dorian (fast 5) eines mit Stützrädern, auch Lorik (8) und Carlo (6) sahen auf Anhieb eines, das ihnen zusagt. Nur für den neunjährigen Benedetto war einfach kein passender Drahtesel zu finden. Und das ist für einen albanischen Jungen genauso blöd wie für jeden anderen: Alle anderen strahlen, nur er hat Tränen in den Augen. Aber was sollen wir machen? Wir haben ihn vertröstet, dass bei der nächsten Spende bestimmt ein Rad für seine Größe dabei sein wird. Aber so ganz haben wir ihn damit leider nicht überzeugen können.

Dieser Freitag hat Bernd Hofste und Johann Somberg damit wieder einmal Arbeit beschert. Denn alle Räder werden gecheckt, repariert und fahrtüchtig gemacht. Seit 11. März 2015 listet die Excel-Tabelle der beiden „Schrauber“, wie sie sich selbst nennen, aktuell 139 gespendete Kinder-, Damen und Herrenfahrräder auf, sorgfältig in Spalten sortiert nach Spender, Zustand, Reparaturbedarf und Flüchtling, an den es verliehen wurde. Bernd Hofste und Johann Somberg sind beide mindestens zwei Tage pro Woche in der Werkstatt beschäftigt.

Weil mehr Flüchtlinge auch mehr Fahrräder bedeuten, werden die beiden ab sofort keine Reparaturen an bereits ausgegebenen Rädern mehr anbieten. „60 und mehr Fahrräder können wir nicht in Schuss halten“, sagen sie. Jetzt wollen sie sich auf die zeitaufwändigen Reparaturen zur Erstbelieferung neu angekommener Flüchtlinge konzentrieren.

Aus meiner Sicht ist es sogar sinnvoll, wenn die Flüchtlinge Reparaturen selbst vornehmen – oder das in einer Werkstatt gegen Bezahlung machen lassen. Jeder andere muss das ja auch. Am Freitag hatte Ardit (36) ein Problem mit dem Licht an seinem Rad, Johann Somberg erklärte kurz, wie er es reparieren würde – und Ardit sagte zu, es selbst zu erledigen. Auch die Hecke des Hauses hat er mittlerweile geschnitten. Mit einer Heckenschere, die er für sieben Euro selbst im Discounter gekauft hat. Mit so einem Ding war das wahrscheinlich recht viel Arbeit, aber die Hecke sieht top aus.

Bernd Hofste und Johann Somberg hoffen, dass sich vielleicht auch unter den Asylbewerbern handwerklich geschickte Leute finden, die Lust haben, für ihre eigenen Familien oder auch für andere Flüchtlinge Fahrradreparaturen zu machen. Anleitung liefern die beiden Herren gerne: „Die Solidarität der Flüchtlinge untereinander und sinnvolle Beschäftigung könnten damit gestärkt werden“, sagen sie.

Organisation, Reparatur und Ausgabe der Fahrräder sind allerdings nicht nur zeit-, sondern manchmal auch nervenaufreibend. Wichtig ist den beiden „Schraubern“ daher, den Flüchtlingen klar zu sagen, sie – wie die Paten auch – ihre Arbeit freiwillig und kostenlos machen. Es komme zwar eher selten vor, frustriere aber, wenn mühsam in Stand gesetzte alte Räder bei der Ausgabe nicht auf Begeisterung stoßen. In einer Mail an uns Paten schrieben Bernd Hofste und Johann Somberg neulich: „Es handelt sich um Wertgegenstände, die von mitfühlenden Menschen gespendet und aufbereitet wurden zum Wohle von Menschen, die bedürftig sind.“ Auch der pflegliche Umgang sei daher sehr wichtig. Eindringlich weisen sie bei jeder Ausgabe darauf hin, dass die Räder immer abgeschlossen werden müssen (kein Rad wird ohne Schloss übergeben) und diese möglichst in Garagen oder Schuppen stehen sollten. Dass manche Flüchtlinge das zu schätzen wissen, freut die Herren besonders: „Wir haben einen besonders liebevollen Nutzer, der sein Rad nachts sogar mit ins Schlafzimmer nimmt. Einen anderen Platz hat er aber auch nicht, es stünde sonst wohl nachts vor dem Haus.“

Weil bis Ende Januar knapp 100 weitere Flüchtlinge in Bad Bentheim erwartet werden, werden Fahrrad-Spenden nach wie vor sehr benötigt. Wer ein Rad abgeben möchte, kann sich gerne bei Bernd Hofste (Telefon: 05924/1413) und Johann Somberg (Telefon: 05922/4934) melden.

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Mittwoch, 7. Oktober: Ein Stundenplan für Flüchtlinge

Damit ich den Überblick behalte, habe ich mir einen Flüchtlings-Stundenplan angelegt. Unsere Familien haben mittlerweile eine recht geregelte Tagesstruktur. Bei neun Personen muss ich als Patin allerdings häufiger überlegen, wer wann unterwegs ist: Benedetto (9), Lorik (8) und Carlo (6) gehen vormittags in die Grundschule, der kleine Marco (fast 3) besucht seit Kurzem montags bis freitags die Kinderkrippe von 8 bis 13 Uhr. Zurzeit ist seine Mutter Diana noch jeden Tag dabei, damit er sich eingewöhnt. Ohne Deutschkenntnisse und ohne seine Mutter war er am ersten Tag in der Krippe völlig verzweifelt. Melina und ihr Sohn Dorian sind im Prinzip immer zuhause, weil es für den fast Fünfjährigen zurzeit keinen Kindergartenplatz gibt. Die Väter Gezim und Ardit haben jetzt einen 1-Euro-Job und arbeiten jeden Werktag von 8 bis 15 Uhr im Bad Bentheimer Stadtpark und pflegen die Grünflächen.

Bittere Erkenntnis als Fazit

Um den Überblick zu behalten, hat sich Flüchtlingspatin Dagmar Thiel diesen Stundenplan erstellt.

Dann kommen noch die Sprachkurse hinzu. Die Eltern gehen montags, dienstags und freitags am Vormittag jeweils 1,5 Stunden zum Sprachkurs der Volkshochschule (siehe Blogeintrag vom 30. September). Faustregel für Paten und Flüchtlinge ist übrigens: Sprache geht vor Arbeit. Das heißt, dass die 1-Euro-Jobber ihre Tätigkeit zugunsten des Sprachkurses unterbrechen sollten. Das klappt in der Regel auch, das Interesse am Deutschlernen ist offenbar da. Dienstagnachmittag hat der kleine Dorian dann seinen Sprachkurs, der von Ehrenamtlichen des Arbeitskreises Zuwanderung geleitet wird. Benedetto, Lorik und Carlo gehen Donnerstagnachmittag dahin. Schon jetzt ist absehbar, dass der Stundenplan sich weiter füllen wird: Weil die vier größeren Jungs alle Fußball spielen wollen, werden in den nächsten Tagen noch Termine für den Sportverein hinzukommen.

Die Bentheimer Tafel, bei der auch Flüchtlinge Lebensmittel und Kleidung bekommen, hat dienstags von 13 bis 14 Uhr und freitags von 13 bis 15 Uhr geöffnet. Dann sind unsere Familien eigentlich nie zuhause, sondern immer vollzählig an der Ausgabestelle an der Hilgenstiege.

Für uns Paten ist es am effektivsten, am frühen Abend im Haus vorbeizuschauen. Dann sind die Chancen am größten, einen der beiden Männer anzutreffen. Sind nur die ausschließlich albanisch sprechenden Frauen und Kinder da, muss sich die Kommunikation auf einen netten Händedruck beschränken.

Diese Auflistung zeigt, welch ein strukturiertes Programm der ehrenamtliche Arbeitskreis Zuwanderung in den vergangenen Monaten erarbeitet hat. Innerhalb weniger Tage werden alle neuen Flüchtlinge hier mit Hilfe ihrer Paten integriert. Zu allen ersten Terminen gehen die Paten mit, danach schaffen das die Familien sehr gut alleine.

Dass die Flüchtlinge von Beginn an betreut und in eine feste Tagestruktur eingebunden sind, erweist sich als absolut sinnvoll. Ähnlich sieht das auch der Bürgermeister der Stadt Gevelsberg in einem Interview mit der Westfalenpost. Vor 18 Jahren habe ich bei dieser Zeitung volontiert, daher verlinke ich an dieser Stelle besonders gerne auf sie: „Jeder Flüchtling braucht Struktur. Misslungene Integration wird zehnmal so teuer“.

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Mittwoch, 30. September: In Sprachkursen Deutsch lernen

„Ich komme aus Albanien“, trägt Ardit in ganz gutem Deutsch vor, als ich im Wohnzimmer Platz nehme. Das wusste ich zwar schon, aber dass er es auf Deutsch sagen kann, finde ich klasse. Diesen Satz hat er heute in seinem Sprachkurs gelernt.

In der Grafschaft Bentheim leben zurzeit zirka 1000 Flüchtlinge, weitere 861 werden bis Ende Januar offiziell erwartet. Schon jetzt ist der Bedarf an Deutsch als Zweitsprache riesig. Die Volkshochschule (VHS) ist hier der wichtigste Anbieter von Deutschkursen für Zuwanderer. Sprachkurse speziell für Flüchtlinge organisiert sie zurzeit dezentral an sieben Orten: in Nordhorn, Bad Bentheim, Schüttorf, Emlichheim, Uelsen, Wietmarschen und Neuenhaus.

Bittere Erkenntnis als Fazit

Blick ins Lehrbuch: Übersetzungen in die Muttersprache (hier: arabisch) sind unverzichtbar.

Schon kurze Zeit nach ihrer Ankunft und völlig unbürokratisch können die Flüchtlinge mit dem Deutschlernen starten, unabhängig vom Stand ihres Asylverfahrens. Die Kurse werden vom Landkreis finanziert und sind für die Flüchtlinge kostenlos und freiwillig. Nach Auskunft meiner erfahrenen Paten-Kollegen haben aber nahezu alle Flüchtlinge Interesse, sofort nach ihrer Ankunft mitzumachen. Die Kurse umfassen zurzeit 100 Stunden und werden von sehr engagierten Dozenten der Volkshochschule geleitet.

Seit drei Wochen besuchen auch unsere albanischen Familien einen Sprachkurs in Bad Bentheim. Montags, dienstags und freitags lernen sie in Kleingruppen von meist sieben Personen im „Treff 10“ jeweils anderthalb Stunden Deutsch. Als ich dort vergangene Woche hereinschaute, stand „Zahlen lernen nach Diktat“ auf dem Programm: Die Dozentin nennt Ziffern und Zahlen, auf die die Teilnehmer nacheinander auf der Tafel zeigen müssen. Je nach Vorkenntnissen und Bildung gibt es drei verschiedene Kursarten für Flüchtlinge: Alphabetisierungskurse, Grundkurse und welche für Fortgeschrittene. Meine Familien besuchen gemeinsam den Grundkurs.

Beim Besuch wird schnell klar, dass die Dozentin nicht nur Sprachvermittlung betreibt, sondern in den Pausen und nach Unterrichtsschluss auch Ansprechpartnerin für alle Lebenslagen ist. Die VHS bestätigt das außerordentliche Engagement aller Dozenten in den Flüchtlingskursen und betont ihre große Wertschätzung für den Einsatz ihrer Sprachvermittler. Dass es nicht einfacher wird, Kurse für eine stetig wachsende Zahl der Flüchtlinge auch zu finanzieren, haben die GN bereits Mitte September berichtet.

Bittere Erkenntnis als Fazit

Bilder helfen den Flüchtlingen beim Lernen der deutschen Sprache.

Ergänzend zu dem Angebot der VHS bietet der Bad Bentheimer Arbeitskreis Zuwanderung Deutschkurse für Kinder an. Sie werden von Freiwilligen geleitet. Seit Schulbeginn gehen der vierjährige Dorian nun dienstags, Benedetto (9), Lorik (8) und Carlo (6) donnerstags am Nachmittag eine Schulstunde lang zu den ehrenamtlichen Lehrkräften. Diese bereiten aus eigenem Engagement zurzeit weitere Sprachkurse für Erwachsene vor, damit die Flüchtlinge nach den 100 VHS-Stunden nahtlos weiter Deutsch lernen können.

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Sonntag, 27. September: Das muslimische Opferfest in der Fremde feiern

Dass unsere Flüchtlingsfamilien Muslime sind, war mir neu. Gut erinnere ich mich nämlich ganz zu Beginn an den Besuch der „Tafel“ mit Gezim. Wir haben uns zwar auf Italienisch verständigt, aber ich bin mir sehr sicher, dass er mich verstanden und dann gesagt hat, dass Schweinefleisch kein Problem sei. Also hatten wir es auch eingekauft.

Auf Nachfrage bestätigte er vorgestern: Natürlich esse er Schwein, wie fast alle albanischen Moslems. Ardit, ohnehin oft mit hintergründigem Humor, ergänzt irgendetwas in dem Sinne, dass Allah groß sei und es ja auf den Glauben ankomme und nicht auf das Essen (wenn ich das richtig verstanden habe). Eine sehr pragmatische Sichtweise, die allerdings auch das Bier erklärt, das die Männer gerne trinken.

Das muslimische Opferfest ist aber auch für unsere beiden Familien das wichtigste Fest im Islam. In diesem Jahr findet es vom 24. bis 27. September statt. Am heutigen Sonntagnachmittag hat die Bentheimer Moschee deswegen alle Flüchtlinge und ihre Paten zum Essen eingeladen. Ich bin mit insgesamt 14 Albanern dorthin gegangen, sechs Erwachsene und acht Kinder. Auch eine befreundete Familie, die ganz in der Nähe wohnt, begleitete uns zur Moschee an der Hofstiege.

Beim Opferfest wird des Propheten Ibrahim gedacht, der nach muslimischer Überlieferung die göttliche Probe bestand und bereit war, seinen Sohn Ismael Allah zu opfern. Als Allah Ibrahims Gottvertrauen sah, gebot er ihm Einhalt. Ibrahim und Ismail opferten daraufhin voller Dankbarkeit im Kreis von Freunden und Bedürftigen einen Widder. Die Geschichte wird im Koran in Sure 37, Verse 99 bis 113 erzählt. Sehr ähnlich berichtet die Bibel von der Opferung Isaaks durch Abraham im Buch Genesis, Kapitel 22, Verse 1 bis 19. Die Überlieferung von der Prüfung Abrahams durch Gott teilen nicht nur Christen und Muslime, sondern auch Juden miteinander.

Es ist für alle gläubigen Muslime weltweit Pflicht, zur Feier des Festes ein Tier zu opfern, wenn sie es sich denn finanziell leisten können. Das Fleisch des Tieres sollen sie auch unter den Armen und Hungrigen verteilen. Guter Brauch ist es, allen Freunden und Verwandten zum Opferfest die besten Wünsche zu versichern und auch ihnen etwas von dem Fleisch zu geben.

Das hat die Bad Bentheimer Moschee-Gemeinde wörtlich genommen und zu einem tollen Fest eingeladen. Etwa 80 Menschen trafen sich vor der Moschee, wo draußen Lamm gegrillt wurde. Ardit kannte die Herkunftsländer der anderen Flüchtlinge genau: „Die da kommen aus Serbien, die aus dem Kosovo, die aus Syrien“, zählt er auf. Das Treffen hat die Bad Bentheimer Flüchtlingsfamilien untereinander ins Gespräch gebracht, so lernte beispielsweise eine ganz neue syrische Familie bereits länger hier lebende Syrer kennen. Auch für uns Paten sind das wichtige Kontakte, weil die neue Familie ausschließlich kurdisch spricht und wir daher auf Dolmetscher angewiesen sind.

Der Imam begrüßte die Flüchtlinge auf Türkisch, Arabisch und Deutsch und betonte, dass die Moschee für alle – egal welchen Glaubens – immer ein offenes Haus sei. Alle Flüchtlinge seien willkommen. Und so war es ein rundum gelungener Nachmittag! Der Bentheimer Moschee-Gemeinde gehören etwa 70 Personen an. Sie macht übrigens auch bei der Kulturnacht am Sonnabend, 10. Oktober, mit, die Moschee kann dann besichtigt werden. Ich war heute zum ersten Mal dort und kann nur sagen, dass es sich auch wegen der herzlichen Muslime lohnt, die sehr weltoffen sind und auf wirklich jede Frage gerne antworten.

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Freitag, 25. September: Ein eigenes Konto für Flüchtlinge

Bernhard hat vergangene Woche mit Ardit ein Konto eröffnet. Gezim erledigte das wenig später alleine – und es hat geklappt, obwohl er ja nur Italienisch spricht. Ein eigenes Konto ist auch deshalb sinnvoll, damit die Asylbewerberleistungen dorthin überwiesen werden können und die Familien das Geld nicht jeden Monat persönlich im Sozialamt abholen müssen. Auch wenn Flüchtlinge in Deutschland arbeiten, brauchen sie ein Konto, auf das das Gehalt überwiesen werden kann.

Nötig dafür ist eine Bescheinigung über die Aufenthaltsgestattung, die Asylbewerber erhalten, bis über ihren Antrag entschieden ist. Weil unsere Familien sogar ihre Ausweispapiere dabei haben (was längst nicht immer bei Flüchtlingen der Fall ist), war die Eröffnung in Bad Bentheim problemlos. Das ist in Deutschland aber keinesfalls Alltag, oft wird Flüchtlingen ein eigenes Konto verweigert. Doch das wird sich ändern: Deutschland will eine EU-Richtlinie früher als erwartet umsetzen. Schon ab Anfang 2016 soll jeder bei uns das Recht auf ein Bankkonto haben, schreibt die Süddeutsche Zeitung: „Wenn Flüchtlinge kein Konto kriegen“.

Kurzfristig hat bereits die deutsche Finanzaufsicht Bafin im September reagiert und festgelegt, dass übergangsweise andere Dokumente als der Ausweis reichen, um ein Konto zu eröffnen. Dazu gehörten auch „Duldungspapiere, die nicht als Ausweisersatz erteilt wurden“. Die Finanzaufsicht begründet dies mit den „sprunghaft gestiegenen Zahlen von Flüchtlingen, die möglichst rasch gesellschaftlich und im Arbeitsmarkt integriert werden sollen“. Nun müssen die Banken alle Dokumente akzeptieren, die Briefkopf und Unterschrift einer inländischen Ausländerbehörde tragen und Identitätsangaben wie Foto, Name, Geburtsort, Geburtsdatum, Staatsangehörigkeit und Anschrift auflisten.

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Donnerstag, 24. September: Willkommenskultur in der Grafschaft

Über Willkommenskultur wird derzeit nicht nur viel geredet, viele Organisationen und Unternehmen in der Grafschaft handeln auch danach. Fünf Beispiele aus dem September 2015, die wir Paten im E-Mail-Postfach hatten:

Opferfest

Die Muslime feiern am Sonntag, 27. September, ihr Opferfest. Aus diesem Grund lädt die Bad Bentheimer Moschee-Gemeinde alle Flüchtlinge und ihre Paten zum Essen ein. Die Flüchtlinge können sich hier auch untereinander kennenlernen – und möglicherweise noch andere Menschen treffen, die ihre Sprache sprechen und schon länger in Deutschland wohnen.

Fest der Kulturen

Am Sonnabend, 3. Oktober, gibt es ab 14 Uhr wieder das „Fest der Kulturen“ auf dem Gelände der Moschee an der Hofstiege. Organisiert wird es von der DITIB-Moschee und dem SPD-Ortsverein unter Schirmherrschaft von Bürgermeister Volker Pannen. Zitat aus der Einladung:

  • „Die von Euch, von Ihnen betreuten Menschen möchten wir einladen, unser diesjähriges Fest der Kulturen als Gäste zu besuchen. Jedem dieser Menschen möchten wir einen kleinen Betrag in Form von Bezahlchips schenken, damit sie auch mit ihren Familien den Nachmittag gemeinsam mit uns allen verbringen und gemeinsam mit uns allen singen, tanzen und mit einander reden. Und wenn es unter den vom Arbeitskreis betreuten Familien Menschen gibt, die sich am Programm oder sogar mit einem kulinarischen Angebot aus ihrem Herkunftsland beteiligen können und wollen, würde das auch unser Gemeinsames, unser Miteinander und unsere Vielfalt entgegen bereichern.“

HSG-Bundesligaspiel

Die Handballer von der HSG Nordhorn laden alle Grafschafter Flüchtlingsfamilien und deren Patenfamilien am Sonntag, 4. Oktober, zu Kaffee, Bundesligaspiel und anschließendem Imbiss mit den Sportlern ein. Die HSG organisiert sogar kostenfreie Zubringerbusse für alle Flüchtlinge aus der Grafschaft nach Nordhorn. Die HSG schreibt:

  • „Liebe Mitbürger, dear refugees, in einer Zeit des Umbruchs und der neuen Orientierung in einem meist fremden Land ist es wichtig, gleich am Anfang neue Kontakte zu knüpfen und ein wenig Abstand vom Alltag und den damit verbundenen Sorgen zu bekommen. Wir laden Sie / euch daher im Namen der HSG Nordhorn e.V. herzlich ein, ein paar unbeschwerte Stunden mit uns zu verbringen. (...) Natürlich besteht auch die Möglichkeit, vor allem für die Kinder, in einer der Kreissporthallen ein paar Würfe mit dem Handball zu machen. (...) Wir würden uns freuen, wenn möglichst viele neue Mitbürger unserer Einladung folgen können.“

Bad Bentheimer Kulturnacht

Der Eintritt zur Kulturnacht am Samstag, 10. Oktober, ist zwar ohnehin für alle Besucher kostenlos, die Bürgerstiftung Bad Bentheim hat aber extra alle Flüchtlingshelfer noch einmal angeschrieben und sie mit den Flüchtlingen eingeladen, dabei zu sein: Aus der Einladung: „Es gibt z.B. Musik im Schloss, Sandsteinbearbeitung im Sandstein-Museum, Kunstwerke der Schulkinder in den Schulen und vieles mehr an insgesamt 20 Orten. Auch mit wenigen Sprachkenntnissen können Flüchtlinge den Charme und den Zauber unserer Stadt erleben.“

Grafschaft Open-Air

Schon zum 2. Grafschaft Open-Air am 12. September in Nordhorn hatte die Bentheimer Eisenbahn AG 300 Flüchtlinge aus dem Landkreis eingeladen. „Wir wollen damit ein Zeichen setzen für Integration, Toleranz und Weltoffenheit in der Grafschaft „, sagte Vorstand Joachim Berends im Gespräch mit den GN. Insgesamt 7000 Besucher kamen zum Konzert mit Glasperlenspiel, Andreas Bourani und Adel Tawil.

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Montag, 21. September: Flüchtlingskinder in Schule und Kindergarten

Völlig unterschätzt hatte ich den Aufwand, fünf Kinder innerhalb von zwei Wochen in Schule und Kindergarten anzumelden. Eine echte Herausforderung, die Hanna (deswegen) netterweise komplett übernommen hat. Drei Schulranzen aus dem Lager für Sachspenden waren schnell beschafft. Benedetto (9), Lorik (8) und Carlo (6) gehen alle in die Grundschule. In der Woche vor dem Schulanfang mussten dann die Besorgungen für den Schulalltag erledigt werden: Für drei verschiedene Klassen Bücherlisten von der Schule abholen und alles bestellen, Hefte und Stifte kaufen sowie Sport- und Schwimmkleidung besorgen. Weil die Grundschüler in der Klasse Pantoffeln tragen, mussten auch Hausschuhe her. Hanna empfahl günstige Geschäfte und schickte die Familien alleine dahin. Das hat gut geklappt. Ohnehin machen unsere Familien den Eindruck, dass sie gerne selbstständig sind. Ohne Unterstützung – und ohne Sprachkenntnisse – wäre es für Flüchtlinge zu Beginn aber nicht möglich, diese alltäglichen Dinge reibungslos zu erledigen.

Am ersten Tag begleitete Hanna die drei Jungs in die Schule und informierte Lehrerinnen und Lehrer persönlich. In der ersten Woche blieb der Austausch eng, zumal keines der Kinder ein Wort Deutsch spricht.

Ab wann und wie Flüchtlingskinder zur Schule gehen müssen, ist in den Bundesländern nicht einheitlich geregelt. Schule ist Ländersache. Der Niedersächsische Flüchtlingsrat gibt im Internet einen Überblick: In Niedersachsen werden Flüchtlinge mit Aufenthaltsgestattung schulpflichtig, wenn sie nicht mehr in einer Erstaufnahmeeinrichtung wohnen müssen, also spätestens drei Monate nach der Einreise. Auch in der Zeit davor haben sie aber ein Recht darauf, zur Schule zu geben. Das trifft also auf unsere Flüchtlinge zu.

Schwieriger ist es, in Bad Bentheim einen Kindergartenplatz zu bekommen. Hanna hat den kleinen Marco (fast 3) nach längerer Suche vergangene Woche gut untergebracht. Für Dorian (fast 5) findet sich zurzeit leider kein Platz. Alle Einrichtungen sind voll und haben keine Kapazitäten mehr. Nach Auskunft des Niedersächsischen Flüchtlingsrates ist die gesetzliche Regelung aber klar: „Sobald ein Kind drei Jahre alt ist, hat es in Deutschland einen Rechtsanspruch auf einen Kindergartenplatz. Bei geringem Einkommen sind die Kosten dafür ganz oder teilweise vom Jugendamt zu tragen. Das gilt auch für Flüchtlinge mit Aufenthaltsgestattung.“

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Sonntag, 20. September: Viele neue Bekannte

Mein Handy listet allein in den vergangenen drei Wochen 32 Telefonate, die ich als Patin geführt habe. Lustigerweise allesamt mit Menschen, die ich noch Mitte August gar nicht gekannt habe. Übers Festnetz kommt eine ähnliche Anzahl Anrufe sicherlich nochmal hinzu. Kontaktiert habe ich immer wieder unsere Flüchtlinge oder ihre albanischen Bekannten fürs Dolmetschen, meine Paten-Kollegen sowie Behörden.

Fünf Wochen sind die beiden albanischen Familien nun schon in Bad Bentheim. Ich hoffe, dass die erste aufregende Phase der Eingewöhnung und Erklärungen nun abgeschlossen ist. Die Patenschaft für Flüchtlinge klappt auch deswegen so gut, weil alle Paten gemeinsam anpacken. Waren wir bislang sogar zu viert, werden Bernhard und ich nun alles Weitere übernehmen. Die Hilfe der Paten Dietmar und Hanna hat uns die Arbeit in den ersten Wochen sehr erleichtert.

Kurz nach Ankunft der Familien unterstützte Dietmar mich als ganz neue Patin in allen Fragen, weil Bernhard in den Ferien war. Der Arbeitskreis Zuwanderung organisiert also sogar „Urlaubsvertretungen“ für Paten. Davon habe ich sehr profitiert, auf den Erfahrungsaustausch gerade in den ersten Wochen hätte ich nicht verzichten können.

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Donnerstag, 17. September: Linktipp

Einen schönen Überblick hat die Stiftung Warentest online gestellt: „Hilfe für Flüchtlinge: Den Heimatlosen helfen – aber wie?“ Mit ganz konkreten Tipps, wie man Hilfe koordiniert. Verlinkt wird auch auf beispielhafte und gelungene Initiativen.

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Mittwoch, 16. September: Sprachverwirrung

Wegen einer akuten Erkrankung war Melina ein paar Tage im Krankenhaus in der Nachbarstadt. Jetzt ist alles soweit in Ordnung und sie kann nach Hause. Wie wichtig Sprache ist, zeigt sich heute wieder. Melina spricht nur albanisch, also versuche ich mit ihrem Mann Ardit auf Englisch zu klären, wie sie nach Hause kommt. Dreimal haben wir in kurzer Zeit telefoniert – und am Ende war ich immer noch nicht schlauer.

Anruf 1: Ardit erzählt mir, dass Melina heute überraschend entlassen wird. Details wisse er nicht. Also mache ich schnell einen Anruf im Krankenhaus: Um 13 Uhr erfahre ich, dass Melina um 15 Uhr gehen kann.

Anruf 2: Ardit antwortet: Ja, das mit 15 Uhr wisse er und meine Paten-Kollegin Hanna würde dann mit dem Auto hinfahren, um Melina abzuholen. Das ist mir neu. Und eigentlich wundert es mich, denn mit Hanna habe ich täglich engen Austausch via Telefon oder WhatsApp. Immer auf dem aktuellen Stand zu sein, ist bei unserer Flüchtlingsarbeit unerlässlich, um den Überblick zu behalten. Bei meiner Nachfrage weiß Hanna allerdings auch von nichts.

Hmmm. Möglich wäre noch, dass Ardit nicht von Hanna, sondern von Schanna gesprochen hat, die mit ihm zum Krankenhaus fährt. Schanna ist eine Albanerin, die ebenfalls in Bad Bentheim lebt und für mich sehr hilfreich ist, weil sie ein wenig Deutsch und ganz gut sowohl Englisch als auch Italienisch spricht. Für meine Familien ist sie also eine wichtige Dolmetscherin. Aber auch Schanna, die ich zum Glück über ihr Handy erreiche, weiß von nichts – und hat natürlich sowieso kein Auto für den Krankentransport.

Anruf 3: Weil ich die Sachlage nicht weiter klären kann, entscheide ich, dass ich jetzt sofort mit Ardit in meinem Auto Melina abhole.

Möglicherweise sagen meine Flüchtlinge manchmal einfach höflich „Ja“, ohne etwas genau verstanden zu haben. Das müssen wir bei zukünftigen Absprachen im Blick behalten. Er wäre jetzt mit dem Bus gefahren, sagt Ardit, als ich ihn abhole. Ich finde aber, dass jemand, der ein paar Tage im Krankenhaus war, nicht umständlich mit dem Bus nach Hause fahren muss. Inklusive Umsteigen und Warten wären sie mindestens eine Stunde unterwegs. Auch das Krankenhaus empfiehlt auf Nachfrage unbedingt den Transport im Auto. Das erweist sich auch insofern als gute Idee, als Melina beim Abholen nicht nur sehr blass ist, sondern Hausschuhe anhat – und keine Jacke trägt. Das finde ich bei dem regnerischen Wetter sogar im Auto suboptimal. Spräche sie deutsch (oder ich albanisch), hätte ich sie direkt angerufen und wir Frauen hätten alle Details sicher schnell klären können. So bleibt leider ein wenig babylonische Sprachverwirrung.

Bernhard ruft zwischendrin – erfreulicherweise auf Deutsch – an, um mitzuteilen, dass er für die Familien heute im Baumarkt einen Wäscheständer kaufen werde. Der alte sei kaputt und irgendwie müssten sie ja die Wäsche für neun Personen trocknen. Außerdem wolle er eine Heckenschere organisieren. Ardit habe ihn gefragt, ob er die Hecke im Garten schneiden dürfe.

Heute ist also für mich am Nachmittag nicht mehr viel Arbeit möglich. Als freiberufliche Journalistin, die eher selten tagesaktuell schreibt, geht das. Was liegen bleibt, muss ich dann eben abends erledigen. Wer aber einen klassischen Nine-to-Five-Job hat, dürfte als Pate an Tagen wie heute Probleme bekommen. Denn Behörden, Schulen, Kindergärten und Ärzte haben nun mal tagsüber geöffnet. Insofern ist es kein Wunder, dass viele Paten Rentner sind und – wie ich – ihre Zeit weitgehend frei einteilen können.

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Montag, 14. September: „Wir hoffen einfach“

Als Diana und Gezim mit mir alleine sind, was in dem Haus selten vorkommt, ist endlich mal ein wenig Ruhe für ein persönliches Gespräch. Ich frage Gezim, ob er die Nachrichten verfolgt, ob er weiß, was in Deutschland gerade in Sachen Flüchtlinge los ist. Er nickt und sagt, dass er Euronews auf Italienisch im Fernsehen gucke.

Ich finde Ehrlichkeit eine wichtige Grundlage für meine Arbeit als Patin. Also erzähle ich von meiner Einschätzung, dass die Anerkennungsquote von Albanern bei fast Null liegt und es daher sehr wahrscheinlich sei, dass er und seine Familie nicht in Deutschland bleiben können. Gezim zögert, antwortet leise auf Italienisch „Speriamo, speriamo“. „Wir hoffen einfach“. Was bleibt ihm auch anderes übrig. In seiner Heimat gibt es gerade für junge Leute keine Arbeit, Korruption ist weit verbreitet. Gezim, gelernter Maurer, hat in den vergangenen fünf Jahren in Griechenland und Italien gejobbt, um Geld für seine kleine Familie zu verdienen.

Ich merke, dass ich so gut wie nichts über Albanien weiß. Eine meiner Lieblingsautorinnen bei der Zeit, Elisabeth Raether, hat das vor kurzem dafür sehr anschaulich beschrieben mit der Titelgeschichte „Bitte umdenken! Ist Albanien ein sicheres Herkunftsland? Die Frauen, die von dort zu uns fliehen, erleben es anders“.

Was meine albanischen Familien in ihrer Heimat erlebt haben, weiß ich nicht. Je länger ich sie kenne, desto überzeugter bin ich aber, dass es vermutlich nirgendwo einen Flüchtling gibt, der „einfach so“ mal in ein anderes Land geht und sein ganzes Leben hinter sich zurücklässt. Schon gar nicht mit kleinen Kindern. Das tut nur, wer nichts mehr zu verlieren hat: „Speriamo. Wir hoffen einfach.“

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7. September: Warten und arbeiten

Gezim sieht müde aus. In Deutschland zu sein, heißt für ihn vor allem: warten. Auf das Erstinterview, auf Bescheide von Behörden, auf einen Sprachkurs, auf den ersehnten 1-Euro-Job. Auf Initiative des Arbeitskreises Zuwanderung geht ein einführender Sprachkurs morgen los, das Jobben übermorgen. Gezim und Ardit sagen mir fast jedes Mal, dass sie unbedingt arbeiten wollen.

Gerade las ich einen interessanten Artikel über Arbeitsministerin Andrea Nahles im Spiegel: Deutschland müsse ein Einwanderungsland werden und den Arbeitsmarkt für Westbalkan-Länder öffnen.

Für die Dauer von fünf Jahren sollten jährlich insgesamt 20.000 Beschäftigte unabhängig von ihrer Qualifikation nach Deutschland kommen dürfen, um hier zu arbeiten oder eine Ausbildung aufzunehmen. Das sei eine Möglichkeit, den Kreislauf von Einreise und Abschiebung zu durchbrechen.

Die Flüchtlinge, die ich hier in den vergangenen Wochen kennengelernt habe, arbeiten in den Jobs, die schon heute in Deutschland unter Fachkräftemangel leiden: Busfahrer, Krankenschwester, Maler, Maurer. Derzeit darf ein Asylbewerber zunächst meist nur dann eine Stelle antreten, wenn sich für den Job kein Bewerber aus Deutschland oder einem anderen EU-Land findet. Und Arbeitgeber scheuen verständlicherweise ohnehin, Asylbewerber einzustellen. Auch sie wissen ja nicht, wie lange diese ihnen dann zur Verfügung stehen.

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Freitag, 28. August: 71 Tote im Lkw

„Hast du gehört, 71 Tote!“, begrüßt mich vor dem Haus ein ebenfalls in Bad Bentheim untergebrachter Albaner auf Deutsch. Ich kenne ihn bereits, da er meine Familien täglich besucht. Er zeigt mir sein Smartphone mit einer deutschen Nachrichtenseite und dem Foto des Kleinlasters, in dem gestern 71 Leichen von Flüchtlingen in Österreich entdeckt wurden. „Lkw, Lkw!“, sagt er immer wieder und tippt ununterbrochen auf das Foto. Meine Frage, ob er auch in so einem Lkw gekommen sei, versteht er entweder nicht – oder er will sie nicht beantworten.

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Donnerstag, 20. August : Wer hilft, lebt länger

Ich stelle fest, dass es sich gut anfühlt, einfach da zu sein und zu helfen. Die Politik kann ich nicht ändern, die Verwaltung nicht beschleunigen. Praktische Hilfe vor Ort ist aber akut sehr nötig – und wird von meinen beiden Familien sehr geschätzt. Dass auch Paten von ihrem Engagement unmittelbar profitieren, hat der Philosoph Stefan Klein heute in einem Interview auf WDR 2 sehr treffend formuliert: „Wer hilft, lebt länger.“ Und das ist auch noch wissenschaftlich erwiesen :-) (Hier zum Nachhören)

Ihre Dankbarkeit zeigen die Albaner mir wirklich bei jedem Besuch. Melina, die sonst sehr zurückhaltend ist, lässt nach dem Öffnen der Tür meine Hand gar nicht mehr los, sagt auf Deutsch „Hallo Dagmar“ und ruft durchs Haus (auf Albanisch) „Dagmar ist da“. Alle stehen immer sofort auf, geben mir die Hand und bieten grundsätzlich einen albanischen Kaffee an, der stark und süß wie türkischer Mokka schmeckt.

Albaner sind offenbar nicht nur gastfreundlich, sondern auch kommunikativ. Fast immer ist Besuch im Wohnzimmer. Alle Albaner, die in Bentheim untergekommen sind, kennen sich und stehen in engem Kontakt. Ständig klingeln die Handys, jeden Tag passen die einen auf die Kinder der anderen auf, wenn jemand Termine wie Behördengänge oder Einkäufe zu erledigen hat. Das Wohnzimmer ist immer voll, 15 Personen inklusive Kinder sind keine Seltenheit. Die Männer rauchen, das Fernsehen dudelt im Hintergrund.

Dietmar sagt, zentral sei doch, dass ehrenamtliche Helfer sich überhaupt engagieren, obwohl in vielen Fällen klar ist, dass die Menschen vor allem aus den Westbalkanstaaten kein Asyl erhalten werden und wieder gehen müssen. „Letztlich machen wir hier Konfliktvermeidung“, fasst er zusammen. Und das ist tatsächlich enorm viel. Schon allein dafür lohnt sich unser Einsatz.

Aber natürlich gibt es auch Frust und Enttäuschung unter den Paten, wenn sie mit ansehen müssen, wie ihre Familien nach dem Ablehnungsbescheid binnen einer Woche wieder gehen müssen. Schon nach wenigen Tagen als Patin wird mir klar: Professionelle Distanz ist bei dieser ehrenamtlichen Tätigkeit unerlässlich. Sonst kann passieren, was die Krautreporter aus Berlin lesenswert berichten: Dass in diesem „Flüchtlingsherbst“ Helfer manchmal selbst Hilfe brauchen.

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Mittwoch, 19. August: Behördendschungel

Für mich ist in den ersten Tagen als Patin am schwierigsten, den Behördendschungel zu durchblicken. Wer braucht welches Dokument, wo ist das zu bekommen? Das Internet hilft bei der Recherche: Der Niedersächsische Flüchtlingsrat hat eine sehr übersichtliche Broschüre mit Erstinfos für Aslybewerber online gestellt.

Familie A. hat vom Ausländeramt in Nordhorn eine Aufenthaltsgestattung bis Februar 2016 erhalten. Es sei denn, vorher entscheiden die Behörden über den Asylantrag. Ardit ist jedenfalls sehr zufrieden und wirkt erleichtert über die gewonnene Zeit. Stolz zeigt er sein Dokument, das dies offiziell bescheinigt.

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Dienstag, 18. August: Mülltrennung

Als Dietmar und ich nachmittags ankommen, stehen mehrere Mülltüten auf dem Bürgersteig. Das geht natürlich nicht. Die Männer bringen alle Tüten hinter das Haus. Dietmar erklärt, dass der Müll nur alle zwei Wochen abgefahren wird und sie ihn bis dahin möglichst nach Restmüll, Gelbem Sack und Papier sortieren und sammeln sollen. Ich bin gespannt, ob das klappt. Das System des Gelben Sackes ist ein paar Tage nach einer Flucht möglicherweise nicht das, was Flüchtlinge sofort verstehen und umsetzen.

Ardit und Melina waren am Freitag den ganzen Tag in Bramsche, bis ihnen abends gesagt wurde, sie sollen am Montag wiederkommen. Freitag klappe die Anhörung nun doch nicht. Unglaublich, so ein Aufwand, außerdem verursacht es unnötige doppelte Fahrtkosten, die der Staat zu zahlen hat. Montag aber kam dann der Termin zustande, Fingerabdrücke wurden registriert, in der Anhörung haben beide geschildert, warum sie in Deutschland Asyl suchen. Auf meine Frage, ob es ok war, nickt Ardit nur. Mehr Details gibt er nicht preis. Zurzeit dauert es im Durchschnitt sechs Monate, bis die Behörden eine Entscheidung fällen.

Familie O. hat noch gar keinen Termin für ihre Anhörung. Niemand weiß, wann und wo sie stattfinden wird. Diese Ungewissheit finde schon ich als Patin nicht optimal, wie es einer Familie mit drei kleinen Kindern geht, die eine wochenlange Reise ins Ungewisse hinter sich hat, kann ich nur erahnen.

Nach dem Besuch stehe ich mit meinem Paten-Kollegen Dietmar noch eine halbe Stunde in der Einfahrt des Hauses. Den abschätzigen Blick, den uns eine vorbeigehende Frau zuwirft, kann ich länger nicht vergessen. Sie tuschelt mit ihrer Begleiterin. Dabei sehen Dietmar und ich nicht unbedingt so aus, als stammten wir vom Balkan. Welche Blicke dann wohl erst die Familien erhalten?

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Samstag, 15. August: Handys schaffen Verpflichtungen

Beim Frühstück sehe ich, dass vor ein paar Minuten das Handy geklingelt hat, nicht gehört. Unbekannte Handynummer. Könnten das die Flüchtlinge sein? Muss ich da zurückrufen, vielleicht ist ja was mit dem kleinen Marco? Andererseits: War es eine gute Idee, meine Nummer rauszugeben? Oder bin ich so immer verfügbar und das Engagement übersteigt meine Kapazitäten? Ich fühle mich verpflichtet: Also Rückruf, aber niemand geht ran. Wenn was ist, werden sie sich wieder melden.

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Freitag, 14. August: Einkaufen bei der „Tafel“

Ich bin um 12 Uhr mit Gezim verabredet, um bei der Bentheimer Tafel einzukaufen. Weil Familie A. ja in Bramsche ist, haben wir gestern ihre Unterlagen fotografiert. Wir hoffen, dass das ausreicht, um auch für sie Lebensmittel zu bekommen, damit sie übers Wochenende versorgt sind.

Ich hole ihn mit dem Auto ab und wir fahren zur Tafel. Seine Frau und alle Kinder sind bereits zu Fuß dorthin unterwegs. Wir sind viel zu früh, aber längst nicht die ersten. Seit 8.30 Uhr stehen einige Familien vor der Tür, die erst um 13 Uhr für die Ausgabe von Lebensmitteln und Kleidung öffnet. Wir dürfen schon jetzt hinein, um die Neuankömmlinge registrieren zu lassen. Jede Familie erhält nach Vorlage des Bescheides vom Sozialamt ein grünes Kärtchen, auf dem die Zahl der Personen steht. Das Handyfoto, das ich von Familie A.s Unterlagen gemacht habe, reicht problemlos aus, die Tafel-Mitarbeiterinnen sind unkompliziert und sehr freundlich.

Dann füllen die hilfsbereiten Frauen die mitgebrachten Tüten und Kartons. Sie fragen, ob Schweinefleisch auch ok ist (ist es) und füllen die Kartons für beide Familien mit gespendeten Lebensmitteln: Milch, Joghurt, Obst, Gemüse, Mehl, Zucker - eben alles, was man braucht. Die resoluten Damen sprechen mit den Flüchtlingen Deutsch und Zeichensprache – und das klappt reibungslos. „Ach, die sind gestern erst angekommen?“, fragt eine und gibt eine Handvoll Schokoriegel für die fünf Kinder extra in die Tüte. Mehr Informationen zur Bentheimer Tafel gibt es hier.

Nachdem wir die Waren in die Küche getragen haben, fragt Gezim, ob sie ein Bügeleisen bekommen könnten. Die Wäsche soll nicht verknittert aussehen. Ich gebe ihm meine Handynummer mit dem Hinweis, dass sie sich am Wochenende melden können, wenn etwas ist.

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Donnerstag, 13. August 2015: Die erste Begegnung

Um 11 Uhr klingelt das Telefon und der Bad Bentheimer Arbeitskreis Zuwanderung ruft wie besprochen an: Ein Mitarbeiter des Sozialamts bringe gerade die zweite der beiden Flüchtlingsfamilien nach Bentheim, um die ich mich kümmern werde. Damit beginnt mein ehrenamtlicher Einsatz als Patin. Treffpunkt vor dem Einfamilienhaus, in dem ab heute zwei Familien mit neun Personen untergebracht werden. Zehn Minuten später treffe ich zum ersten Mal meine Kollegen, die erfahrenen Paten Bernhard und Dietmar. Mit ihnen werde ich mich um die beiden albanischen Familien kümmern.

Auch die Hauptpersonen sehen sich heute zum ersten Mal. Familie O.: Gezim (30) und seine Frau Diana (24) mit ihren Kindern Benedetto (9), Carlo (6) und Marco (fast 3). Die andere Familie A. besteht aus Ardit (36), seiner Frau Melina (35) und den Kindern Lorik (8) und Dorian (fast 5). Eine freundliche Begrüßung per Handschlag, wir nehmen gemeinsam im Wohnzimmer Platz.

Papiere, Papiere. Darauf kommt es an, lerne ich in meinen ersten Minuten als Patin. Bernhard und Dietmar prüfen zuerst genau alle Unterlagen, denn beispielsweise ohne Sozialhilfebescheid können die Familien auch nichts bei der „Tafel“ einkaufen. Alle Papiere liegen vor, in der Straße lebt eine weitere albanische Familie, die den Neuankömmlingen bereits erklärt hat, wo der Supermarkt ist, indem sie die ersten Lebensmittel von ihrem Taschengeld einkaufen können. Namensschilder werden an der Tür befestigt. Flüchtlinge haben Residenzpflicht und müssen – auch für Postzustellungen – erreichbar sein. Wir gehen gemeinsam durch das vom Sozialamt angemietete Haus, gucken ob alles da ist: Bettwäsche, Handtücher, Geschirr, Putzsachen, Müllbeutel. „Alles in Ordnung, wir haben alles, was wir brauchen“, sagen Gezim und Ardit. Die Frauen sagen nichts und überlassen die komplette Kommunikation ihren Männern.

Familie A. gehört zu den 55 Flüchtlingen, die heute im Bus außerplanmäßig in die Grafschaft Bentheim gefahren worden sind, um die Erstaufnahme-Einrichtung in Bramsche-Hesepe zu entlasten. Auch die Grafschafter Nachrichten haben darüber berichtet.

Familie O. ist bereits gestern angekommen, sie gehören zum regulär zugeteilten Flüchtlingskontingent für Bad Bentheim.

Kaum zehn Minuten in der neuen Wohnung, erzählt Ardit, dass er morgen um 10 Uhr bereits wieder in Bramsche sein muss: Termin für die persönliche Anhörung des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge, in der die Asylgründe ermittelt werden. Behördendschungel, so ein Hin- und Her... Ich denke, dass sie ihn dann ja auch erst einen Tag später nach Bentheim hätten schicken können. Also fahre ich mit Ardit gemeinsam zum Bahnhof und kaufe für ihn und Melina eine Fahrkarte, Abfahrt morgen um 6.57 Uhr mit Umsteigen in Osnabrück-Altstadt. Die beiden Kinder werden sie in Bentheim bei Familie O. lassen. Ein gutes Zeichen, haben sie sich doch heute beim Einzug erst zum ersten Mal gesehen.

Bernhard sagt beiden Männern gleich beim ersten Treffen, dass sie als Albaner vermutlich nicht werden bleiben können. Die Anerkennungsquote ist extrem gering. Ohne eine Miene zu verziehen, nicken Ardit und Gezim. Ich bin nicht sicher, ob sie das verstanden haben, vielleicht wissen sie es aber ohnehin.

Ardit ist der einzige im Haus, der Englisch spricht, alle anderen leider nicht. Für die Kommunikation mit Familie O. müssen wir Paten unsere Anliegen Ardit auf Englisch mitteilen, der dann ins Albanische übersetzt. Das ist mühsam, und plötzlich kommt mir eine Idee: Wer seine Kinder Benedetto, Carlo und Marco nennt, kann ja vielleicht – wie ich – ein wenig Italienisch. Volltreffer. Gezim strahlt bei der Frage „Parla italiano? Sprechen Sie Italienisch?“ Jetzt ist die direkte Kommunikation möglich, was sofort eine andere Verbindung schafft. Gezim hat einmal ein halbes Jahr in Italien gearbeitet, außerdem sind italienische Radio- und Fernsehprogramme in Albanien sehr beliebt. Italienisch ist vielen Albanern daher vertraut.

„Wir müssen in den nächsten Tagen mit Marco zu einem Doktor“, lässt Diana ihren Mann übersetzen. Das Kind habe Atemprobleme. Bevor sich das am Wochenende verschlimmert, entscheiden die Paten, die Familie am Nachmittag zum Arzt zu bringen. Bevor behandelt werden kann, muss ein Behandlungsschein beim Sozialamt abgeholt werden. Zwei Ärzte sind im Urlaub, einer öffnet erst später am Nachmittag. Beim vierten Arzt geht alles problemlos, die Familie soll kommen. Unsere Paten-Kollegin Hanna unterstützt uns in den ersten Tagen und übernimmt die Begleitung zum Arzt. Ardit ist mit dabei, um vom Albanischen ins Englische zu übersetzen. Marco hat eine schwere Bronchitis und bekommt Antibiotika. Zwei Stunden Zeit haben die Arztbesuche gekostet. Am Abend ruft Hanna mich kurz an, um den neuesten Stand mitzuteilen. Überhaupt ist Kommunikation wichtig, damit alle wissen, was Sache ist.

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Über Dagmar Thiel

Die freie Journalistin und Dozentin lebt seit 2002 in Gildehaus-Achterberg. Für die Grafschafter Nachrichten wagt die gebürtige Nordhornerin mit diesem Blog ein Experiment: Nicht nur über Flüchtlinge zu schreiben, sondern vor allem ganz praktisch zu helfen. Dieses Online-Tagebuch möchte so einen persönlichen und unmittelbaren Einblick in die Situation der Flüchtlinge und ihrer Helfer vor Ort geben. Die Flüchtlinge sind einverstanden, dass ihre Patin in anonymisierter Form über ihre ehrenamtliche Arbeit berichtet.

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Warum dieses Tagebuch?

2015 werden in Deutschland 800.000 Flüchtlinge erwartet. So lautet zumindest die Zahl Stand Mitte August. Die Auswirkungen dieser Zuwanderung sind schon seit Monaten auch in Kleinstädten wie Bad Bentheim zu spüren. Die örtliche Verwaltung läuft auf Hochtouren bei der Suche nach Unterkünften, ehrenamtliche Helfer kümmern sich um Betreuung und Sprachkurse. Für mich hat sich in den vergangenen Monaten herauskristallisiert: Ich will nicht nur über Flüchtlinge schreiben, sondern konkret helfen. Dabei bleibe ich aber natürlich Journalistin. Mit diesem Blog möchte ich einen persönlichen und unmittelbaren Einblick in die Situation der Flüchtlinge und ihrer Helfer vor Ort geben.

In diesem Zusammenhang glaube ich übrigens, dass der viel zitierte Satz des ehemaligen Tagesthemen-Moderators Hanns Joachim Friedrichs (1927 bis 1995) heute keine unbedingte Gültigkeit mehr hat: „Einen guten Journalisten erkennt man daran, dass er sich nicht gemein macht mit einer Sache, auch nicht mit einer guten.“ Die Leserforschung zeigt seit Jahren, dass Medien ihre Leser durch persönliche und meinungsbetonte Texte viel stärker binden als durch rein nachrichtliche Artikel. Als Dozentin in Volontärskursen vergleiche ich seit vielen Jahren die Art der Berichterstattung: Vom kleinen Lokalblatt bis zur überregionalen Qualitätszeitung geht der Trend zur Subjektivität. Auch dieses Blog wird ein persönliches sein, bei dem journalistische Grundsätze aber unbedingt gelten.

So werde ich in diesem Blog über Flüchtlinge in Bad Bentheim berichten, dafür Quellen checken und Fakten nennen. Gleichzeitig werde ich aber auch meine persönlichen Eindrücke und Meinungen einfließen lassen, an denen manche sich vielleicht auch reiben werden. Ich finde, wir brauchen heute mehr denn je Journalistinnen und Journalisten, die eine Haltung haben - und diese auch verteidigen. Dass man sein Handwerk dafür können muss und weiß, was Nachricht und was Meinung ist, versteht sich von selbst. Ich hoffe, dass ich Glaubwürdigkeit vor allem durch Transparenz erreichen werde: Schreiben, was ist. Das Positive benennen, das Negative nicht verschweigen.

Die Flüchtlinge wissen, dass ich über meinen Einsatz als Patin berichte und sie sind einverstanden, dass ich in anonymisierter Form über sie und ihre Erfahrungen schreibe. Dabei lege ich großen Wert darauf, ihre Privatsphäre zu schützen. Schon in den ersten Tagen dieses Blogs wird klar, dass daher manches, was spannend zu berichten wäre, hier trotzdem nicht erwähnt werden kann. Die Menschen und ihre Schicksale haben grundsätzlich Vorrang vor der Berichterstattung. Paten, Helfer und Mitarbeiter von Behörden tauchen in diesem Blog nur mit ihren (Vor-)Namen auf, wenn sie mir das gestattet haben. Sämtliche Namen und teilweise auch die persönlichen Angaben aller Flüchtlinge sind zu deren Schutz verändert.

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