Grafschafter Nachrichten
15.08.2017

Von der Nordhorner Schülerband zu gefeierten Rockstars

Von der Nordhorner Schülerband zu gefeierten Rockstars

Vor Tausenden aufzutreten ist für Lars Brand (am Schlagzeug links) und Steffen Graef (an der Gitarre rechts) inzwischen üblich. Foto: Klaus Sahm

Wenn Max Giesinger am 26. August beim 4. Grafschaft Open Air auftritt, spielen zwei Nordhorner auf der Bühne Gitarre und Schlagzeug. Die Musiker Lars Brand und Steffen Graef haben GN-Szene vorab ein Interview gegeben.

Nordhorn. Lars Brand und Steffen Graef haben ihren Traum wahr gemacht: Seit Jugendtagen machen die besten Freunde zusammen Musik, heute stehen sie als Schlagzeuger und Gitarrist gemeinsam mit dem deutschen Sänger Max Giesinger auf großen Bühnen in ganz Deutschland. Nach einem Auftritt mit dem Singer-Songwriter hat GN-Szene die beiden Musiker im elterlichen Haus besucht.

Während Sänger Max Giesinger gerade fleißig am Küchentisch Autogramme für die Schüler der Nordhorner Musikschule schreibt, lassen sich die beiden sympathischen Nordhorner Musiker lässig aufs Sofa fallen und stellen sich den GN-Szene-Fragen. Im Interview sprechen der 26-jährige Lars Brand und der 28-jährige Steffen Graef offen und ehrlich über ihren steinigen Weg zu Rockstars, ihre zweiten Standbeine als Manager und Songwriter sowie über das Konzert beim 4. Grafschaft Open Air am 26. August.

Am 26. August steht ihr gemeinsam mit Max Giesinger beim Grafschafter Open Air auf der Bühne. Hattet ihr bei der Vermittlung vielleicht auch die Hände im Spiel?

Lars Brand: Tatsächlich ja. Seit es das Festival gibt, habe ich immer versucht, da zu spielen. Also ich wollte immer in den letzten Jahren mit meinen eigenen Bands oder den Projekten, in denen ich involviert war, irgendwo in der Grafschaft spielen. Denn es gibt hier mittlerweile gar keine Flächen mehr. Die Scheune hat zugemacht, im Jugendzentrum sind keine Konzerte mehr. Und dann war es auf einmal so: Krass, in Nordhorn gibt es jetzt ein großes Festival, und da müssen wir natürlich spielen. Es hat aber nie geklappt. Ich hab den Veranstalter immer genervt und ihm gesagt, dass wir aus Nordhorn kommen und bei Max Giesinger, Madeline Juno und Michael Schulte spielen.

Steffen Graef: Das war ihm immer zu klein.

Lars: Genau, uns kennt ja keiner, wir ziehen ja keine Leute an. Und als dann Max letztes Jahr so durch die Decke gegangen ist, hatte ich auf einmal eine E-Mail von dem Veranstalter im Postfach, in der stand: ‚Hey, ich brauch deine Handynummer, ich will Max buchen.‘ Und es ist tatsächlich ein Gig, über den Steffen und ich schon lange reden, weil wir uns darauf freuen, weil es ein Heimspiel ist. Klar, wir haben schon immer in Nordhorn gespielt, in den Jugendzentren und in der Scheune – das war schon ein riesen Highlight, und jetzt spielt man vor 12.000 Leute auf so einem riesen Platz. Also guter Schritt für Nordhorn, so ein Festival zu haben.

Wahrscheinlich werden eure Familien und Schulfreunde auch im Publikum stehen, ist man dann vielleicht nervöser als bei anderen Konzerten?

Steffen: Meine Mama kommt sau oft zu Konzerten. Im Umkreis von 100 Kilometern ist sie immer direkt am Start. Und deswegen kenne ich das schon, dass zumindest meine Mama im Publikum ist. Das ist auch immer ganz witzig, wenn Max dann durchs Mikrofon sagt „ach übrigens, Steffens Mama ist auch da.“ Also für mich ist das schon normal. Ich glaube, Lars war gestern schon aufgeregt, als seine Eltern und seine Schwester da waren.

Lars: Wir haben kürzlich in Gronau gespielt. Und im Backstage Bereich waren dann auf einmal unsere ganzen Familien da. Vor der Show dachte ich schon so: Krass, die sind jetzt alle da und gucken uns jetzt beim Arbeiten zu. Ich war auf jeden Fall aufgeregt und ich werde auch beim Open Air aufgeregt sein. Man weiß, dass da viele sind, die man kennt, aber es ist immer ein sehr positives aufgeregt sein.

Das letzte Mal haben wir nach dem ESC-Vorentscheid, bei dem ihr mit Sängerin Madeline Juno angetreten seid, mit euch gesprochen. Seitdem sieht man euch aber weniger mit der Sängerin, sondern vielmehr mit Max Giesinger zusammen. Wie kann man sich das vorstellen, seid ihr bei Max Giesinger fest als Gitarrist und Schlagzeuger angestellt?

Steffen: Man ist nie fest angestellt, wir sind alle selbstständig und schreiben nach jedem Konzert eine Rechnung. Diese Exklusivität zu Max ist jetzt gerade einfach dessen bedingt, dass keine Zeit mehr für etwas anderes ist.

Lars: Max war der erste Künstler, bei dem wir auch so zusammen gespielt haben. Wir waren schon 2012 Max’ Band, und mit Madeline Juno hat es erst 2013/2014 angefangen. Und deshalb haben wir unsere Wurzeln eher bei Max und es war schon klar, dass wir das zusammen machen und weiter machen werden.

Steffen: Wir haben halt jeder noch ein anderes Standbein. Lars macht zum Beispiel das Management von drei verschiedenen Künstlern, von Max, Chris Brenner und Lotte. Und ich hab noch ein Studio in Hamburg und schreibe Songs für ganz verschiedene Künstler in Deutschland. Zum Beispiel für Helene Fischer oder ich treffe mich mit Glasperlenspiel und schreibe mit denen Songs.

Lars, 2013 hast du die Managementfirma „BigMe-Entertainment“ gegründet, und Steffen, du bist auch noch Songwriter. Wie geht ihr mit dieser Doppelbelastung um?

Lars: Das ist eine extreme Doppelbelastung, aber auch eine, die extrem viel Spaß macht. Wir haben ja sehr viel Glück, dass wir das machen können, was wir schon vor zehn Jahren hier gemacht haben. Vor zehn Jahren hab ich auch bei meiner Schulband „Picture Perfect“ Schlagzeug gespielt und das Management gemacht – natürlich nicht im gleichen Ausmaß. Aber der Job ist geil. Er hat sehr wenig schlechte Nebenwirkungen und sehr viel Positives. Deswegen kann man das auch alles machen. Es ist super anstrengend, aber es bringt auch ein paar Vorzüge mit. Ich hänge eh jeden Tag mit Max rum und da können wir auf kurzem Weg alles rund ums Management bequatschen. Und bei Steffen und Max mit dem Songwriting genau so. Die beiden können sich mit einer Gitarre auf eine Wiese setzen und einen Song schreiben.

Wie läuft das Songschreiben bei dir ab, Steffen?

Steffen: Unterschiedlich. Manchmal ist es so eine Melodie im Kopf, die sing ich dann in mein Handy ein. Oder zum Beispiel waren Lars und ich vor zwei Tagen in einem Musikladen und dann haben wir uns darüber unterhalten, dass unser Backliner seine Frau zum Tanzen ausgeführt hat. Und dann unterhält man sich und dann hast du auf einmal so eine Textzeile: (singt) „Ich führ dich zum Tanzen aus“. Aus alltäglichen Situationen, aus Schicksalsschlägen, die man hat, oder Gesprächen, die man führt, ergeben sich dann tolle Hooks. Und dann setzt man sich hin mit der Gitarre oder ans Klavier und ich geh dann in mein Studio und setz mich an den Rechner und komponiere und schreibe Texte.

Gefällt euch denn auch persönlich die Musik der Künstler, für die ihr spielt?

Lars: Auf jeden Fall, außer die Songs von Max, die sind alle kacke (lacht). Nein Scherz. Wir sind da ja extrem involviert. Steffen schreibt auch manchmal Songs mit Max, er hat zum Beispiel auf der alten und auch auf der neuen Platte mitgeschrieben. Und ich bin in der Funktion als Manager auch ganz nah dran. Wir erstellen zusammen die Albumtracks und entscheiden, welcher Song aufs Album kommt und welcher nicht. Wir geben auch Feedback zu den Songs.

Ich habe gehört, dass ihr erst kürzlich in die Schanze in Hamburg gezogen seit. Also kann man von der Musik allein gut leben?

Lars: (zögert) Joa, denk schon, wir können beide ganz gut leben (lacht). Wir hatten auch wohl unsere Jahre, in denen wir gestruggelt haben.

Steffen: In den letzten sechs Jahren gab es auch Monate, in denen du dachtest ,der Monat hat noch fünf Tage und du hast die ganzen Zahlen auf dem Zettel gesehen und dich gefragt, wie du das machen sollst. Und dann kommt ein Auftritt, bei dem du 200 Euro verdienst, und der rettet dir damit den Arsch. Das ist echt ein hartes Leben. Man darf da nicht auf Sicherheiten bauen. Also wir waren frei von Sicherheiten. Der Traum im Kopf war die einzige Motivation dahinter, immer weiter zu machen. Man hätte ja auch sagen können, ich verdiene hier nichts, ich mach jetzt eine Lehre.

Lars: Jetzt ist es ja extrem durch die Decke gegangen, das passiert ja in den seltensten Fällen. Aber bis so was passiert, bis man davon leben kann, diese Strecke auszuhalten, ist natürlich das Geheimnis. Durch den Erfolg von Max haben natürlich alle Beteiligten Vorteile. Nicht nur dass wir große Auftritte haben, sondern auch gutes Geld verdienen. Und sogar so, dass wir wahrscheinlich in unserem Leben auch nichts anderes mehr machen werden als Musik.

Jetzt wohnt ihr in Hamburg und spielt in ganz Deutschland Konzerte. Wie oft hat man noch Zeit, in die Heimat zu kommen?

Lars: Ich bin das erste Mal seit Weihnachten wieder hier.

Steffen: Ich auch.

Lars: Ich war letztes Jahr drei Mal da: Zu Weihnachten, dann einmal zu einem unglücklichen Zeitpunkt, einem Todesfall, und einmal, glaub ich, so kurz. Und dieses Jahr bin ich zum ersten Mal hier, weil wir in Gronau gespielt haben und jetzt unseren freien Tag bei unseren Familien verbringen, weil wir die sonst nie sehen. Und natürlich im August.

Steffen: Wir waren gerade im letzten Jahr so 280 Tage unterwegs. Und dann hat man so vier Tage im Monat, an denen du in deine Wohnung kannst. Und dann denkst du nicht daran, noch 300 Kilometer in die Heimat zu fahren. Dann ist man mal froh, dass man Ruhe hat. Das ist einfach nicht mehr so möglich. Aber deswegen kommt meine Mama oft zu Auftritten.

Mittlerweile kann man euch neben den Live-Konzerten ja auch oft im Fernsehen sehen. So habt ihr unter anderem auf der Silvesterparty am Brandenburger Tor gespielt, wart beim Morgenmagazin im Ersten zu sehen oder werdet fast täglich von den mehr als 109.000 Abonnenten von Max Giesingers Instagram-Account gesehen. Wie geht man mit dieser Bekanntheit um, um nicht abzuheben?

Lars: Wir halten uns alle sehr auf dem Boden. Und ohne Scheiß, Fernseh-Auftritte sind das Unspektakulärste. Du kommst da hin und sitzt da Backstage. Das ist wirklich immer langweilig. Es ist immer cool, wenn Bekannte da sind oder befreundete Künstler. Du bist dann da für drei Minuten, spielst einen Song, das ist dann kurz aufregend, kurz Adrenalin, weil du weißt, dass es Millionen Leute sehen. Aber sonst war’s das. Wir sind keine Typen, die abheben würden. Wir machen das ja schon so lang zusammen.

Steffen: Wir haben ja auch die ganzen schwierigen Zeiten zusammen durchgemacht und wir wissen ja, wie das ist, 400 Kilometer zu einem Auftritt zu fahren, zu dem 20 Leute kommen und man bekommt ’ne Kiste Bier und Chili con Carne vom Veranstalter und pennt dann bei der Vorband in der Küche auf der Iso-Matte. Fünf, sechs Jahre haben wir das gemacht. Ich glaub, es ist ein Unterschied; wenn du zu DSDS gehst und eine Saison lang auf einmal der Star bist. Dann hast du halt diese ganze schwierige Zeit nicht mitgemacht. Das ist halt das, woran wir uns erinnern. Wir holen uns einfach wieder zurück auf den Boden, indem wir immer noch Witze über uns machen.

Mal ganz ehrlich, habt ihr denn auch schon Erfahrungen mit richtigen Groupies gemacht?

Steffen: Uhh jetzt wird’s aber heikel.

Lars: Steffen hat ’ne Freundin. Und ich hab noch keine Erfahrung mit Groupies gemacht. Jedenfalls nicht; dass ich wüsste.

Gehen wir mal zehn bis 15 Jahre zurück. Als ihr damals mit eurer Schülerband „The Piglets“ im Nordhorner Jugendzentrum gespielt habt und euch jemand gesagt hätte, dass ihr eure Musik heute im Radio gespielt wird, hättet ihr das geglaubt?

Lars: Das war immer der Traum. Ich wollte immer Rockstar werden. Du auch, oder? (schaut zu Steffen)

Steffen: (zögert) Ich hab nie was anderes gemacht. Wir dachten uns immer, mit 30 sind wir vielleicht die Henning Wehlands der Republik und Leute kennen uns vielleicht.

Lars: Ich war damals schon immer krasser Fan von Live-Auftritten. Ich wollte immer live vor Leuten spielen.

Steffen: Das darf man eigentlich nicht erzählen, aber wir haben uns damals immer die Tour-Diaries von Tokio Hotel angeschaut, die waren aber echt gut gemacht, echt gut geschnitten. Da hat man halt so gesehen, wie sieht so der Alltag von denen aus, wenn die auf Tour sind. Und Lars und ich saßen immer da und haben uns gedacht:; wie cool das wäre, mal in so einem Nightliner zu fahren.

Lars: Oder allein schon mehrere Konzerte hintereinander zu spielen oder in anderen Städten. Damals haben wir ja nur hier im Umkreis gespielt. Das war immer der Traum. Unser Traum hat sich erfüllt. Und Steffen und ich standen immer zusammen auf der Bühne, wir haben das immer schon zusammen gemacht.

Gab es auf eurem Weg denn auch mal Rückschläge, aus denen ihr euch wieder hoch kämpfen musstet?

Steffen: Eher private Sachen dann. Letztes Jahr ist mein Vater gestorben und ich musste nach der Beerdigung direkt ins Auto steigen, nach Osnabrück fahren und ein Konzert spielen vor 10.000 Menschen. Du musst dann einfach funktionieren, was willst du machen, du kannst nicht absagen. Da ist kein Gitarrist, der auf einmal das ganze Repertoire so spielen kann.

Lars: Oder dass wir bis letztes Jahr noch keinen Plattenvertrag mit Max hatten. Es wollte keiner. Wir haben den Plattenfirmen „80 Millionen“, „Wenn sie tanzt“ und „Roulette“ vorgespielt.

Steffen: Das einzige, was die gesagt haben: „Der war bei einer Casting-Show, das hat noch nie funktioniert, mit so was wollen wir nichts zu tun haben“.

Lars: Das sind so Rückschläge, die man nach außen hin nicht mitbekommt, wo wir aber ganz viel abkriegen.

Steffen: Aber das stärkt auch wieder.

Kurz vor der diesjährigen Echo-Verleihung lästerte Jan Böhmermann über Max Giesinger. Nun habt ihr die Reaktion von Max wahrscheinlich aus erster Hand erlebt: Konnte er wirklich darüber lachen?

Lars: Es war wirklich so. Es war ein sehr verrückter Tag, denn es war der Tag des Echos. Wir waren zwei Mal nominiert und wir haben gespielt, also stand uns ein sehr aufregender Tag bevor. Und ich bin aufgewacht und hab halt dieses Video gesehen, aber erst das Musikvideo und fand das sehr witzig. Dann hab ich das andere Video gesehen und es hat mich persönlich auf jeden Fall sauer gemacht, weil ich fand, dass Max nicht der richtige Künstler ist, um die komplette Pop-Kultur zu repräsentieren. Weil Max einfach ganz andere Wurzeln hat, er hat sich ja mit uns, mit seiner Band, die letzten Jahre immer hochgespielt und war immer auf Tour und schreibt seine Songs auch selbst. Das war teilweise auch nicht richtig recherchiert. Das Musikvideo fand Max auch ultra witzig.

Steffen: Das eigentliche Video hat er sich aber ganz lange nicht angeschaut.

Lars: Max hat das auch ganz entspannt genommen. War klar, dass Leute das auch mal scheiße finden, aber es finden halt 99 Prozent der Leute auch gut, was wir machen. Dann sollen die es sich halt nicht angucken. Die Leute, die es glücklich macht, sind halt wichtig.

Was darf das Grafschafter Publikum am 26. August von euch erwarten?

Lars: Wir bringen natürlich die Songs mit, die man so kennt, eine geile Show und natürlich gute Laune.

Steffen: Wir haben uns die letzten vier Tage in einen Proberaum eingeschlossen und die Show, die wir jetzt schon oft gespielt haben, einfach noch mal für den Festival-Sommer verbessert. Die Leute können sich auf jeden Fall auf eine Show freuen, die sehr gut durchdacht ist und wo sehr viel Mühe hinter steckt.

Lars: Sehr viel Entertainment und geile Mucke.

Was sind eure weiteren Pläne für dieses Jahr?

Lars: Wir haben jetzt schon 40 Konzerte gespielt und 100 stehen noch auf dem Plan – so ungefähr. Im Prinzip geht es jetzt genau so weiter. Wir spielen einen Haufen Konzerte, sind eigentlich komplett unterwegs, sind vielleicht ein bis zwei Tage die Woche zu Hause in Hamburg. Ansonsten geht es Ende des Jahres wieder ins Studio und wir produzieren eine neue Platte für Max.

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