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05.06.2018, 13:10 Uhr

„GN-Szene“: Uelser Abiturient erkundet Bolivien

Er fährt mit dem Motorrad durch Salzwüsten, arbeitet als medizinischer Assistent im Krankenhaus und verhilft den Armen zu Sehhilfen: Leon Vincent Klokkers aus Uelsen berichtet für „GN-Szene“ von seinen Erfahrungen in Bolivien.

„GN-Szene“: Uelser Abiturient erkundet Bolivien

Leon Vincent Klokkers aus Uelsen berichtet von seinen Erfahrungen in Bolivien. Foto: privat

Von Leon Vincent Klokkers

Sucre/Uelsen Sich abends Fußballsachen anzuziehen, auf einen der unzähligen mit Flutlicht ausgeleuchteten Plätze inmitten der Häuserschluchten Sucres mit wildfremden Leuten zu spielen, wer die Platzmiete von umgerechnet ein paar Cent zu zahlen hat, das ist für mich Bolivien.

Mein Name ist Leon Vincent Klokkers. Eigentlich komme ich aus Uelsen und habe vergangenes Jahr mein Abitur am Lise-Meitner-Gymnasium in Neuenhaus gemacht. Seit August 2017 mache ich mit „Volunta“, einer Tochtergesellschaft des DRK Hessen, einen staatlich geförderten Internationalen Jugendfreiwilligendienst (IJFD) in Sucre, Bolivien. Ich werde hier in Sucre noch bis Juli mit sieben anderen Freiwilligen aus ganz Deutschland zusammenwohnen.

„GN-Szene“: Uelser Abiturient erkundet Bolivien

Leon Vincent Klokkers (vorne) aus Uelsen berichtet von seinen Erfahrungen in Bolivien. Foto: privat

Als für mich klar wurde, dass ich einen Freiwilligendienst im Ausland machen wollte, stieß ich über die Homepage des ähnlich geförderten „weltwärts“-Dienstes www.weltwärts.de auf „Volunta“. Für mein Projekt habe ich mich dann entschieden, da mein Gastvater während meines Spanisch-Austausches schon von Bolivien geschwärmt hatte und ich unbedingt etwas im Gesundheitsbereich machen wollte, auch, um zu sehen, ob ein Medizinstudium etwas für mich sein könnte. Genau diese Möglichkeit bot mir „Volunta“ und so bin ich dann letztendlich in Bolivien gelandet.

„GN-Szene“: Uelser Abiturient erkundet Bolivien

Leon Vincent Klokkers (rechts) aus Uelsen berichtet von seinen Erfahrungen in Bolivien. Foto: privat

Meine Aufgaben als Freiwilliger hier in Bolivien sind ziemlich unterschiedlich. In meinem Hauptprojekt arbeite ich als medizinischer Assistent im Hospital Santa Bárbara, dem größten Krankenhaus der Stadt. Dort helfe ich den Ärzten und Krankenschwestern in den Sprechstunden und begleite sie in den OP-Saal. Ich wechsle dabei durch die verschiedenen Stationen, um möglichst viel zu sehen und für mich mitzunehmen. Was meinen Freiwilligendienst so interessant macht, ist die Tatsache, dass ich extrem viele Leute und einen zunächst völlig neuen und unbekannten Kulturkreis kennenlernen darf und viel mehr im Krankenhaus mitbekomme, als es wahrscheinlich in Deutschland möglich wäre. Einer der prägendsten Momente war zum Beispiel, als nach einem schweren Hagelschauer das Dach einer Schulsporthalle eingestürzt war und von einer riesigen Anspannung und Hektik begleitet über 30 schwer verletzte Schüler in die Notaufnahme eingeliefert wurden. Alle waren komplett fokussiert, jeder wusste, was er zutun hatte, dennoch mussten zwei Schüler am Ende des Tages ihr Leben lassen. Diese Erfahrung war traurig und interessant zugleich, weil mir einmal mehr bewusst wurde, was es heißt, Arzt zu sein.

„GN-Szene“: Uelser Abiturient erkundet Bolivien

Leon Vincent Klokkers aus Uelsen berichtet von seinen Erfahrungen in Bolivien. Foto: privat

Nebenbei engagiere ich mich im international agierenden „Ein-Dollar-Brillen“-Projekt, was mir eine sehr interessante Abwechslung zu meiner Arbeit im Krankenhaus bietet. Das Projekt wurde von Martin Aufmuth ins Leben gerufen. Der Lehrer aus Erlangen hatte sich als Ziel gesetzt eine preiswerte, aber dennoch qualitativ hochwertige Brille zu entwickeln, die sich jeder leisten kann. Damit ich am Projekt mitarbeiten konnte, musste ich zunächst an einem Seminar teilnehmen, indem ich alles Wissenswerte für die Arbeit im Projekt beigebracht bekommen habe. Nun fahre ich mit meinem Motorrad, das ich mir hier vor Kurzem gekauft habe, zu den Kampagnen in ganz Bolivien. An dem Projekt gefällt mir, dass man ständig neue Leute und Orte kennenlernt und Bolivien so ganz individuell erlebt. Derzeit bin ich mit „Lentes Al Instante“ in Oruro, einer Stadt auf knapp 4000 Meter Höhe. Die umliegenden Gegenden Oruros sind einer der ärmsten in ganz Bolivien. Hier merke ich die Dankbarkeit und den Bedarf der Menschen noch einmal mehr, da sich kein anderer Augenarzt oder Optiker, außer jenen, die bei unserem Projekt mithelfen, jemals in diese Regionen begeben würde, weil es sich für sie einfach nicht lohnt.

„GN-Szene“: Uelser Abiturient erkundet Bolivien

Leon Vincent Klokkers aus Uelsen berichtet von seinen Erfahrungen in Bolivien. Foto: privat

Außerdem versuche ich, mit meinem Motorrad möglichst viel von Bolivien zu sehen. Meine erste Reise ging über die bolivianischen Hochebenen des Altiplano zum Lago Popoó, zur weltbekannten Salzwüste des Salar de Uyuni und nach Potosí. Derzeit reise ich im Rahmen einer Brillen-Kampagne durch den heißen und flachen Süden des Landes.

Die Vielfältigkeit Boliviens ist eine der Sachen, die mich nach wie vor mit am meisten beeindrucken. Als ich noch innerhalb der ersten Woche vom tropischen Santa Cruz mit dem Nachtbus – einer sogenannten Flota – über zwei 3000-Meter-Pässe in meine zukünftige Heimat Sucre auf 2800 Meter fuhr, merkte ich schon, wie unterschiedlich dieses Land ist. Das äußerte sich spätestens, als man statt der kurzen Hose und des T-Shirts, mit denen man losgefahren war, plötzlich mit einer langen Jeans, zwei Pullovern, Jacke und Mütze in seinem Schlafsack saß. Eben genau diese Tatsache, dass Bolivien so viel zu bieten hat, macht für mich den Reiz aus. Im Nordosten hat man weite Regenwälder mit Temperaturen um die 40 Grad und im Westen die Möglichkeit, den 6088 Meter hohen Huayna Potosí zu besteigen. Diese extremen geologischen Unterschiede spiegeln sich auch in der bolivianischen Bevölkerung und Kultur wider. Natürlich gilt das nicht für alle, dennoch sagt man den Cambas, wie die Menschen aus Santa Cruz genannt werden, nach, ziemlich offen und extrovertiert zu sein, während viele Menschen aus den Hochlagen meistens ein bisschen länger zu brauchen scheinen, aber wenn man sie erst einmal kennenlernt, sind sie genauso herzlich und liebenswert, wie alle Bolivianer.

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Leon Vincent Klokkers aus Uelsen berichtet von seinen Erfahrungen in Bolivien. Foto: privat

Das Wichtigste in Bolivien ist, offen gegenüber anderen Menschen zu sein. So ergaben sich für mich die schönsten Momente. Einmal habe ich mich im Bus mit einem Mann unterhalten, der mich dann zu einem Jazz-Konzert einlud. Nachdem das Konzert vorbei war, bot er mir an, noch einmal das Dach der Kirche zu besichtigen, von dem aus man auf die gesamte Stadt blicken konnte. Ein anderes Mal wurde ich in einem kleinen Dorf namens El Villar in der tiefsten bolivianischen Provinz zu einer Schulabschlussfeier eingeladen. Der sehr schöne Abend endete für mich dann tief in der Nacht nach unzähligen Bechern selbstgemachter Chicha, wie sich das typische Maisgebräu nennt. Mittlerweile sind einige der Bekanntschaften des Abends zu guten Freundschaften geworden, weshalb ich ab und an noch Mal zurück in dieses Dorf fahre. Eines der schönsten Erlebnisse, das ich hier in Bolivien hatte, war, als ich nach fünf Tagen auf dem Motorrad endlich das erste Mal die Schönheit des Salar de Uyuni sehen sollte, es dann aber Streiks der Gemeinde Uyuni gab und es damit unmöglich schien, mit dem Motorrad auf den Salar zu fahren. Nachdem ich mit einem Freund dann aber sämtliche Straßensperren umfahren habe, um im Nachbardorf Colchani zu tanken, trafen wir auf eine Rockergruppe aus Tupiza, einer Stadt im Süden Boliviens. Einer von ihnen hatte ehemals auf der Salar als Touristenführer gearbeitet, kannte sich aus und bot uns an, dass er uns mitnehmen könnte. So kam es, dass ich auf dem Salar, auf den normalerweise täglich fast 100 Jeeps mit Touristen fahren, fast allein war.

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Leon Vincent Klokkers aus Uelsen berichtet von seinen Erfahrungen in Bolivien. Foto: privat

Bolivien gehört zu einem der ärmsten Ländern Südamerikas. Aber gerade das bringt viele schöne Besonderheiten mit sich. Zum Beispiel gibt es immer noch riesige Märkte, die in großen Teilen Südamerikas bereits vollständig verschwunden sind und modernen Supermärkten weichen mussten. Wenn ich darüber nachdenke, wie ich das Einkaufen auf dem Markt vermissen werde, werde ich schon ein bisschen wehmütig.

Was ich zuletzt auf jeden Fall noch loswerden möchte, ist, dass ich es jedem weiterempfehlen kann, diese Erfahrungen zu machen, weil es schlicht eine einzigartige Möglichkeit ist, die auch mich bereits jetzt als Person extrem geprägt hat. Der Internationale Jugendfreiwilligendienst ist zwar ein geförderter Dienst, sodass es jedem unabhängig von seinen finanziellen Mitteln möglich ist diese Erfahrungen zu machen, dennoch reicht die staatliche Förderung nicht aus, um die gesamten Kosten zu decken. Den Rest der Kosten übernimmt in meinem Fall meine Entsendeorganisation „Volunta“. Damit es auch in Zukunft weiterhin möglich bleibt, jungen Erwachsenen diese Chance zu bieten, ist „Volunta“ auf Spenden angewiesen, um den Dienst nachhaltig finanzieren zu können.

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