Grafschafter Nachrichten
08.03.2018

Kleiner Fisch wird zur großen Plage in der Ems

Kleiner Fisch wird zur großen Plage in der Ems

Die Schwarzmundgrundel wirkt klein, unscheinbar und völlig harmlos. Der Fisch misst durchschnittlich nur 15 Zentimeter. Im Ballastwasser von Schiffen ist er über den Main-Donau-Kanal in die mitteleuropäischen Flüsse geschwappt. Foto: Marius Becker

Das Problemtier im Emsland heißt Nutria – eine südamerikanische Biberratte. Nun sorgt ein weiteres nicht heimisches Lebewesen für Gefahren: nicht auf dem Land, sondern im Wasser – die Schwarzmundgrundel.

Lingen. Es ist immer eine Art Überraschung, was am Haken ist, wenn ein Fisch angebissen hat. Sind es dann aber innerhalb weniger Stunden Hunderte Fische einer Art, bereitet das Anglern Sorge. Das lässt sich seit geraumer Zeit im Emsland beobachten, seit Angler ein vermehrtes Auftreten von sogenannten Schwarzmundgrundeln in der Ems und den Kanälen feststellen.

Ein Fisch, der an sich ganz possierlich aussieht. Eine schwarze Schwanzflosse, dazu ein schwarzes Maul – daher auch der Name. Schwarzmundgrundeln sind klein: Die durchschnittliche Gesamtlänge (Kopfspitze bis Schwanzspitze) liegt bei rund 15 Zentimetern. Zu unterschätzen sind sie dennoch nicht. Sie fressen so ziemlich alles, was ihnen vors Maul gerät. Genau dadurch würden sie zur direkten Gefahr für einheimische Fische, sagt Henning Stilke, der für die Öffentlichkeitsarbeit des Landesfischereiverbands Weser-Ems zuständig ist. Laut Stilke ist die Schwarzmundgrundel ein Laichräuber, vernichtet Fischbrütlinge und bedroht so die einheimische Fauna. Zur einheimischen Fauna gehöre die Schwarzmundgrundel nicht, sagt Stilke. Die Schwarzmundgrundel, die auch Schwarzmeer- oder Schwarzmaulgrundel genannt wird, stammt ursprünglich aus den Zuflüssen des Schwarzen Meeres. Aus einem einst „sesshaften Fisch“ ist ein „Wanderfisch“ geworden, nachdem die Tierart über den Main-Donau-Kanal sowie von Polen aus über die Ostsee in die mitteleuropäischen Flüsse gelangt ist. Angeheftet an Schiffsrümpfe oder im Ballastwasser der Schiffe.

Erstmals 1990 in der Ostsee aufgetaucht

1990 wurde die Grundel erstmals in der Ostsee in der Danziger Bucht nachgewiesen, Ende der 1990er-Jahre laut Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) dann auch in der deutschen Ostsee südöstlich von Rügen. In den Niederlanden und dem Weser-Ems-Gebiet gebe es den Fisch seit etwa 2004, sagt Henning Stilke.

Einst ein hierzulande seltener Fisch, gilt die Schwarzmundgrundel wegen ihrer explosionsartigen Massenvermehrung unter Fischern inzwischen als echter Plagegeist.

„Das Thema ist in aller Munde“, erinnert sich Stilke an Gespräche mit Fischern aus der Region. Beispiel Fischereiverein Lingen: In der jährlichen Fangstatistik wird die Grundel – die mit mindestens 130 Gattungen und etwa 1100 Arten eine der artenreichsten Gruppen der Knochenfische darstellt – im Jahr 2015 im Bereich Ems zwar aufgeführt, gefangen wurde sie aber nicht.

905 Grundeln im Jahr 2017

Ein Jahr später, 2016, waren bereits 20 Grundeln am Haken und 2017 schon 905 Stück. Am Kanal in Lingen wurden 2016 bereits 451 Grundeln gefangen und 2017 642 Stück. Die Fischer sind ratlos, denn es gebe derzeit noch keine Lösung, wie die Vermehrung gestoppt werden könne, sagt der Pressesprecher. Man kenne die natürlichen Feinde des Fisches, zum Beispiel den Zander. Fischereiverbände versuchen, der weiteren Ausbreitung entgegenzuwirken. Fischereivereine wie in Lingen wollen beispielsweise Raubfische und Aale in die Vereinsgewässer als natürliche Feinde einsetzen. Ob es klappt, bleibt abzuwarten, denn die Schwarzmeergrundeln können aufgrund ihrer Ausbreitungsfreudigkeit und Fortpflanzungspotenz in kurzer Zeit große Bestände bilden.

Stilke hofft, dass die Population wieder abnimmt. Am Niederrhein hat es geklappt, der Bestand wurde um 30 Prozent reduziert. Nicht durch Fang, sondern durch eine Infektionskrankheit. Experten gehen derzeit davon aus, dass zu den wirksamen Präventionsmaßnahmen zum Beispiel die Filterung des Ballastwassers von Schiffen zählt, bevor diese in das innereuropäische Wasserstraßennetz einfahren.

So oder so werden sich die Angler – auch in der Weser-Ems-Region – aber darauf einstellen müssen, dass künftig öfter eine Grundel an der Angel zappelt. Die Praktiker unter den Anglern haben dieser Entwicklung nur noch Rezeptempfehlungen entgegenzusetzen. Denn anders als in Deutschland zählt die Schwarzmundgrundel in ihrem natürlichen Verbreitungsgebiet als geschätzter Speisefisch. So auch in Lettland, dort wird das Tier inzwischen geräuchert verkauft, allerdings wird auch ein Großteil zu Fischmehl verarbeitet.

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