12.11.2020, 11:58 Uhr / Lesedauer: ca. 3min

Gestrickte Prothesen statt Silikon nach Brustkrebsoperation

Lucie Schäfer trägt selbst Strickprothesen und ist von dem geringen Gewicht und dem angenehmen Gefühl auf der Haut begeistert. Foto: Ernst

Lucie Schäfer trägt selbst Strickprothesen und ist von dem geringen Gewicht und dem angenehmen Gefühl auf der Haut begeistert. Foto: Ernst

Von Carolin Ernst

Waldseite Brustkrebs – diese Diagnose ist für die Patientinnen fast immer ein Schock. So auch für Lucie Schäfer aus Waldseite. Wird eine oder werden beide Brüste entfernt, müssen sich die Frauen an ein neues Körpergefühl gewöhnen. Lucie Schäfer hat lange Zeit eine Brustprothese aus Silikon in einem speziellen BH getragen und sich damit nie richtig wohlgefühlt. „Die Prothesen sind schwer, von 200 bis sogar 700 Gramm. Das Gewicht hängt am BH-Träger und kann Schulter- oder Nackenprobleme verursachen“, erzählt sie. „Manche Frauen bekommen auch einen Lymphstau. Und das alles in einer Körperregion, wo die Krankheit ja schon aufgetreten ist.“

Strick statt Silikon

Die 64-Jährige hat aber vor fünf Jahren eine Alternative gefunden: Sie trägt nun gestrickte Brustprothesen. Diese wiegen nur ein paar Gramm, können gewaschen und mit Füllwatte so geformt werden, wie es der Frau gefällt.

In der Form unterscheiden sich die Prothesen nur wenig. Die Frauen können die gestrickten noch nach Wunsch verändern. Foto: Ernst

In der Form unterscheiden sich die Prothesen nur wenig. Die Frauen können die gestrickten noch nach Wunsch verändern. Foto: Ernst

„Unter der Silikonprothese habe ich gerade im Sommer schnell geschwitzt. Die Gestrickten sind aus Baumwolle und sehr angenehm auf der Haut. Man kann sie sogar direkt nach der Operation tragen“, berichtet die gebürtige Niederländerin, die bereits ein Buch über Brustkrebserkrankungen geschrieben hat und Vorträge in Selbsthilfegruppen hält.

Und sie sieht noch weitere Vorteile: „Die Krankenkasse bezahlt zwei Prothesen-BHs im Jahr. Oft sind die Modelle aber nicht wirklich schön oder man muss etwas zuzahlen. Die Strickprothesen können in jeden normalen BH gelegt und da zum Beispiel mit einer Sicherheitsnadel oder einem Klettstreifen befestigt werden. Die Frauen können also anziehen, was sie wollen.“ Sie selbst habe sich nach der Brustentfernung zunächst geschämt und sich nicht getraut, sich zu bücken. „Ich wollte es auch für mich schöner haben“, sagt Lucie Schäfer.

Freiwillige stricken und häkeln

Sie selbst ist durch eine Ärztin auf die gestrickten Prothesen aufmerksam geworden. Mittlerweile hat sie Kontakt zu der Organisation „Tricot Tieten“ in Oldenzaal und der deutschen „Strickbrust“ – beide Ableger der amerikanischen Version „Knitted Knockers“. Hier stricken oder häkeln Frauen die Prothesen und geben sie meist kostenlos ab. In den Niederlanden gibt es sogar spezielle Ausgabestellen.

Auch bunt und fusselig darf es sein: Die Prothesen werden in einen normalen BH gesteckt und dort befestigt. Foto: Ernst

Auch bunt und fusselig darf es sein: Die Prothesen werden in einen normalen BH gesteckt und dort befestigt. Foto: Ernst

Lucie Schäfer bekommt aus Oldenzaal ab und zu Tüten voll gestrickter Prothesen und gibt sie zum Beispiel bei Vorträgen weiter. „Ich habe einmal für eine Frau aus Nordhorn Strickprothesen besorgt. Vorher musste sie wegen Problemen in Nacken und Rücken zwei Mal pro Woche zur Physiotherapie. Nach einiger Zeit waren die Probleme weg“, erzählt sie.

Nun ist sie auf der Suche nach Mitstreiterinnen in der Grafschaft, die solche Prothesen für erkrankte Frauen stricken. „Ich selbst habe nicht die Zeit zu stricken. Aber es gibt hier bestimmt Frauen, die das können und wollen“, ist sie sich sicher. Außerdem ist ihre Hoffnung, dass Patientinnen schon im Krankenhaus darauf aufmerksam gemacht werden, dass es diese Alternative zu Silikonprothesen gibt.

Wer diese Prothesen stricken möchte, kann sich an Lucie Schäfer unter der E-Mail buchlucieschaefer@gmail.com oder unter Telefon 05924 5172 melden. Anleitungen, wie sie gestrickt werden, sind unter anderem unter www.strickbrust.de zu finden.

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