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Kunstidee vom KTS findet sich in Paris wieder

 vom KTS findet sich in Paris wieder
2. Mai 1981, Nordhorn, Konzert und Theatersaal: Timm Ulrichs legte sich für zehn Stunden in seinen „Findling“ aus Granit. Foto: GN-Archiv
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  • 2. Mai 1981, Nordhorn, Konzert und Theatersaal: Timm Ulrichs legte sich für zehn Stunden in seinen „Findling“ aus Granit. Foto: GN-Archiv
  • 22. Februar 2017, Paris, Museum Palais de Tokyo: Der französische Künstler Abraham Poincheval verlässt nach acht Tagen seinen Stein. Foto: dpa

Für internationales Aufsehen hat ein Künstler gesorgt, der sich in einem Pariser Museum in einem Stein einschließen ließ. Was in Paris keiner sagt oder weiß: Das Vorbild steht wohl mit dem „Findling“ vor Nordhorns KTS.

Nordhorn/Paris. Vom 22. Februar bis zum 1. März hatte sich der Franzose Abraham Poincheval im Pariser Palais de Tokyo in einen zwölf Tonnen schweren Felsen einschließen lassen, der in der Mitte in zwei Teile zersägt, figurgerecht ausgehöhlt und mit einer beheizten Matte für das aufrechte Sitzen gepolstert war. Mit ein wenig Bewegungsfreiheit verbrachte der Mittvierziger aus Marseille acht Tage in dem Felsen.

Vorbereitet worden war der Marathon im Fels mit einem Experten für körperliche und psychische Entspannungstechniken und einem Arzt. Im Beisein zahlreicher Museumsbesucher und Medienvertreter hatte sich Poincheval in dem Stein einschließen lassen. Luft bekam er in dem steinernen Gefängnis über einen Schlauch, er lebte von Trockenfleisch und Flüssignahrung. Etwas Licht spendete ihm in der Dunkelheit seine Stirnlampe, seine Herzrhythmusfunktion wurden apparatemedizinisch überwacht. Eine Videokamera gab den Museumsbesuchern Einblick in das beengte Felsenleben.

Doch wurde mit der spektakulären Aktion in Paris von dem französischen Künstler eine alte Idee neu interpretiert und ins Extreme ausgeweitet oder schmückt sich da etwa jemand mit fremden Federn? Wurde die Idee etwa abgekupfert und der staunenden Kunstwelt ein Plagiat präsentiert? Diese Fragen stellen sich angesichts der Nordhorner Performance von Timm Ulrichs aus dem Jahr 1981 etwa Gudrun Thiessen-Schneider, damals Zeitzeugin der Kunstaktion und heute künstlerische Leiterin des Kunstvereins Grafschaft Bentheim in Neuenhaus. Wie Gudrun Thiessen-Schneider den GN berichtet, empfindet der heute in Berlin und Hannover lebende und der Grafschaft Bentheim immer noch verbundene Künstler Timm Ulrichs das Pariser Spektakel als ein Plagiat seiner Kunst.

Dabei hat es der französische Künstler 36 Jahre später wesentlich länger und auch wesentlich komfortabler im Stein ausgehalten als der 1940 in Berlin geborene deutsche „Totalkünstler“ und emeritierte Professor Tim Ulrichs in dem Nordhorner Steinsarkophag: Doch die Idee zu seiner zehn Stunden langen Performance in Granit hatte Ulrichs bereits 1979 zur Eröffnung des Kunstmuseums Hannover mit Sammlung Sprengel geboren. Da die Aktion den Verantwortlichen in der Landeshauptstadt damals jedoch zu gefährlich erschien, lag sie erst einmal auf Eis. Als Ulrichs dann 1980 den Nordhorner Kunstpreis erhielt, entwickelte er im Atelier „Stadtpark 16“ die „Findling“-Performance für Nordhorn.

In außerordentlicher Präzisions- und Maßarbeit wurde damals vom Nordhorner Steinmetz Monser inmitten des geteilten Steins eine Hohl- und Passform auf den Körperbau des Künstlers zugeschnitten. Ulrichs legte sich in eine Steinhälfte, ein 30-Tonnen-Kran ließ die andere Hälfte über ihm hinab und schloss den Granitstein. Bewegungslos harrte Ulrichs dann im schwarzen Anzug, eingewickelt in Weltraumfolie, zehn Stunden lang in absoluter Ruhestellung in dem maßgeschneiderten Stein aus. Luft kam über einen zwei Zentimeter breiten Schlitz, ein Nordhorner Arzt stand die ganze Zeit bereit. Nachdem seine Schulter zu sehr schmerzte, brach Ulrichs die eigentlich auf zwölf Stunden geplante Aktion zwei Stunden vorher ab.

Zurückblickend formulierte Ulrichs zu der Aktion: Es galt, darin fast hermetisch ein- und abgeschlossen, fest umschlossen von den Schalen, das Eins-Sein mit dem Stein zu erproben. Es galt, ihn gleichsam zu verlebendigen und zu beleben, in diese tote Materie Leben zu bringen, sie mit Leben und Wärme zu füllen, während ich selbst – wie versteinert – den Stein verkörperte und mir inkarnierte, verhärtet und konserviert wie ein Fossil, ein Petrefakt, ein Insekt im Bernstein. Harte Schale und weicher Kern, die Reglosigkeit und Langlebigkeit des Steines zum einen und die Kurzfristigkeit eines bewegten Menschenlebens zum anderen verbanden sich zu einer – vorübergehenden – Einheit des Organischen mit dem Anorganischen.

Und was sagt der Franzose Abraham Poincheval zu seinen Motiven? Wie er zu seiner Erforschung der mineralischen Welt etwa dem Kunstmagazin „art“ berichtete, wollte er mit seiner Performance seine körperlichen und mentalen Grenzen ausloten und wissen, wie weit man sein Selbst verändern kann. Die Performance werde eine seiner extremsten Erfahrungen sein, kündigte der Künstler in einer Pressekonferenz Anfang Februar an: „Ich will wissen, ob es möglich ist, ein anderes Leben als das unsere zu erforschen.“

Dabei hat Poincheval, der sich als „Extremkünstler“ bezeichnet und zuvor noch nie eine seiner spektakulären Aktionen abbrach, bereits viel Erfahrungen mit Extremsituationen: 2014 verbrachte er „art“ zufolge im Pariser Jagd- und Naturmuseum 13 Tage in einem ausgestopften Bären, um die Verbindung zu den Vorfahren und der Tierwelt zu erkunden. 2015 trieb er in einer sechs Meter langen und zwei Meter breiten Riesenflasche auf der Rhône. Der Bär als auch die Flasche, mit denen Poincheval auf Entdeckungsreise ging, sind im Museum ausgestellt.

Timm Ulrichs „Findling“ steht seit Jahrzehnten am KTS und ist längst Teil der deutsch-niederländischen Kunstroute „kunstwegen“.

Einen Kommentar dazu lesen Sie Freitag in den Grafschafter Nachrichten – auch hier im E-Paper.

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