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Grafschafter Kammerorchester spielt im Knast

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Das Grafschafter Kammerorchester auf dem Weg zum Eingang der JVA entlang der hohen Gefängnismauer an der Kaiserstraße. Fotos: Kriegisch

Es war ein außergewöhnliches Konzert, das das Grafschafter Kammerorchester kürzlich gegeben hat. Die Musiker spielten vor Inhaftierten der Justizvollzugsanstalt Lingen.

Lingen. Außergewöhnlich war das Konzert, außergewöhnlich der Ort und außergewöhnlich das Publikum: Nach vielen Jahren spielte das Grafschafter Kammerorchester jüngst wieder einmal hinter Gittern, genauer gesagt: für Inhaftierte der Justizvollzugsanstalt (JVA) Lingen an der Kaiserstraße. Neben den rund 60 Gefangenen aus der Hauptanstalt mit niedersächsischem Justizvollzugskrankenhaus und der geschlossenen Vollzugsaußenstelle Groß Hesepe waren auch einige ehrenamtliche Helfer aus der katholischen und evangelischen Seelsorge zum Konzert eingeladen.

Ein Gewinn für alle

Bei dem rund 50 Minuten langen Klassik-Pop-Konzert im Knast mit kurzen Werken von Bach, Händel, Mozart, „Abba“ und aus der TV-Serie „Game of Thrones“ kamen alle auf ihre Kosten: Die Gefangenen, die sich über eine Abwechslung im Gefängnisalltag freuten – die Grafschafter Musiker, die auf ehrenamtlicher Basis aus purer Lust und Leidenschaft zu den Instrumenten griffen und die Musik in den Dienst eines besonderen sozialen Engagements stellten; der Gefängnisseelsorger und die Anstaltsleitung als Veranstalter, die mit dem Konzert die JVA ein Stück der Öffentlichkeit öffnen und den wohlklingenden Kontakt mit der Außenwelt auch als Mosaiksteinchen ihrer Resozialisierungsbemühungen bewerten. Aber auch die fünf Justizvollzugsbeamten, die in der letzten Reihe sitzen und alles im Blick haben, freuen sich im Dienst über ein solches Livekonzert.

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Orchesterchef Hilmar Sundermann (vorne links) und Gefängnisseelsorger Thomas Gotthilf sprechen in der Anstaltskirche der Justizvollzugsanstalt von dem Konzert das Programm des Grafschafter Kammerorchesters ab.

Mit 13 ihrer insgesamt 20 Musiker rückte das Kammerorchester zum Konzert in der JVA an. „Wir haben einfach Spaß daran zu spielen und freuen uns, für die Menschen einen Kontakt nach draußen, eine kommunikative Situation herzustellen oder ihnen einfach nur eine Freude zu bereiten“, sagt Orchesterchef Hilmar Sundermann vor dem Auftritt der 30 bis 80 Jahre alten Musiker in der Kirche im Gefängnis-Innenhof. Gage gibt es für den insgesamt vier Stunden langen Ausflug hinter die von Stacheldraht bewehrten Mauern keine, selbst das Benzingeld zahlen sie aus eigener Tasche.

Die Musik lässt das Drumherum vergessen

Ein etwas mulmiges Gefühl stelle sich zwar schon ein, wenn das Gefängnistor hinter einem zufällt, aber spätestens mit der ersten Note sei man mit den Gedanken nur noch bei der Musik, gesteht Sundermann. Und überhaupt: Für die Musiker sind es Menschen, die hier zuhören, und keine Häftlinge. Der evangelisch-lutherische Pastor Thomas Gotthilf, der seit 1996 in der Gefängnisseelsorge und seit 2004 an der Kaiserstraße tätig ist, bringt das mit seinem Leitbild auf den Punkt: „Wir verurteilen nicht den Täter, sondern die Tat.“

Die zwölf Streicher und ein Querflötist spielen eigentlich ohne jegliche Erwartungshaltung an ihr Publikum. Sundermann: „Wir wissen, dass unser Auftritt vor den Inhaftierten keine hehre Konzertveranstaltung ist. Wenn sie uns zuhören, dann ist es schön – wenn sie kein Interesse haben, dann ist es auch gut.“ Doch bei den zwei vorherigen Konzerten, die sie in den vergangenen Jahren in der JVA bereits gespielt haben, sind sie durchaus auf großes Interesse gestoßen. „Manch einer hat zuvor doch noch nie in seinem Leben Klassik gehört“, weiß Sundermann und erinnert sich an ein besonders schönes Erlebnis mit einem Häftling, der ihm nach dem Konzert gestand: „Wenn ich als Kind Geige gelernt hätte, dann wäre mir das alles nicht passiert.“

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Die JVA in Lingen war Ort des Konzerts.

Das mag dann vielleicht im Laufe des Konzertes durch manchen Kopf im Publikum gegangen sein, nachdem das Streichorchester nach der Begrüßung durch Gefängnisseelsorger Gotthilf und den stellvertretenden Anstaltsleiter Werner Muntel zum ersten Takt ansetzt. Der hatte eingangs noch appelliert, die „Musik ruhig auf sich wirken zu lassen“ – ein Aufruf, den sich jeder zu Herzen nahm. Denn Muntel und der für Öffentlichkeitsarbeit zuständige JVA-Abteilungsleiter Ludger Stoke werden nach dem Konzert nicht nur zufrieden feststellen, dass der Programm-Mix aus Klassik, Filmmusik und Pop ein gelungener Spagat zwischen den Stilen war: „Es ist für die Gefangenen eine Höchstleistung, sich eine Stunde lang zu konzentrieren und still zu sitzen.“ Disziplin hätten viele Inhaftierte nie gelernt und müsse nun in der Haft erst einmal eingeübt werden.

Geregelter Alltag ist ein Muss

Wie viele andere Maßnahmen des Vollzugs ist auch das Konzert Teil eines Lernprozesses, der den Weg zur Wiedereingliederung in das Leben und die Gesellschaft ebnen soll. Kannten viele der Gefangenen zuvor keinen geregelten Alltag, so ist er im Strafvollzug straff durchorganisiert und an feste Regeln gebunden. Morgens früh um 6 Uhr aufstehen, acht Stunden arbeiten und sich dann abends beim Fernsehen oder Sport erholen – an dieses, für die meisten Menschen alltägliche Leben, müssen sich die Gefangenen häufig erst einmal gewöhnen. Viele haben in ihrem bisherigen Leben keinen strukturierten Tagesablauf kennengelernt. Doch ein regelmäßiger Arbeitsalltag, der nach Möglichkeit die individuellen Fähigkeiten, Fertigkeiten und Neigungen des Gefangenen berücksichtigt, ist der erste Schritt in ein straffreies Leben.

„Wie wollen unseren Inhaftierten auch ein sinnvolles Freizeitverhalten beibringen“, erklärt Muntel das Konzert: „Wie im normalen Leben gehört dazu ein Highlight am Wochenende.“

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13 Musiker spielten vor den Häftlingen und Seelsorgern.

Die Disziplin ist während des Konzertes spürbar, Stück um Stück herrscht auf den Holzbänken des Andachtsraumes im etwas angestaubten Charme der 1950er Jahre große Aufmerksamkeit, Staunen und hin und wieder auch Ergriffenheit. „Mama Mia“ von Abba“ als Kammerversion, die folkloristisch angehauchten Variationen über Gustav Holst oder die tiefen Streicherpassagen des Komponisten Ramin Djawadi aus „Games of Throns“ lassen besonders aufhorchen und manch einem wohl etwas schwer ums Herz werden.

Es zeigt sich einmal mehr, wie sehr Musik bei Menschen emotionale Wirkung entwickelt. Und dass Musik tatsächlich ein Weg zu sich selbst ist, lässt sich in manchen Gesichtern der Konzertgäste ablesen. Nach jedem Stück gibt es reichlich Beifall, und zum Schluss traut sich jemand ein lautes „Juchhu“ und die Rufe nach „Zugabe“ werden laut.

Interesse an Musik

Den ersten Kontakt des Orchesters zur JVA Lingen hatte schon vor 20 Jahren die Bad Bentheimer Musikerin Birgit Giesecke von Bergh hergestellt, nachdem sie als 16 Jahre alte Schülerin einmal im Frauengefängnis Vechta ehrenamtlich aufgetreten war und um die Bedeutung derartiger Veranstaltungen für Häftlinge weiß. Für Gefängnisseelsorger Gotthilf, der die Inhaftierten über verschiedene Arbeitskreise wie etwa einen Schriftsteller- oder Klassikkursus mit Kultur vertraut macht, ist seine Klientel mit diesem Konzert wieder einen kleinen Schritt weiter in Richtung Alltagsnormalität gegangen. Dass sich so viele zum Konzert angemeldet haben, freut den Pastor: Da sei nicht nur die Aussicht auf Abwechslung, sondern auch das Interesse an der Musik im Spiel gewesen. „Gesellschaftsarbeit ist immer auch Kulturarbeit“, sagt Gotthilf und lobt die JVA Lingen für ihre fortschrittliche Öffentlichkeitsarbeit: „Kultur, Kommunikation und Öffentlichkeit sind wichtig für ein Gefängnis. Längst nicht jede Anstalt öffnet sich für derartige Veranstaltungen.“

Während die Gefangenen nach dem Konzert wieder in ihre Zellenblocks zurückkehren müssen, schlendern die Musiker mit den verpackten Instrumenten zum Ausgangstor. Als sich die schwere Automatiktür öffnet, haben sie vielleicht dasselbe gefühlt, was sich den Gefangenen nach Gotthilfs Erfahrungen ein Stück weit im Konzert vermittelt hat: „Es ist ein Stück Freiheit, das man fühlt, wenn man rauskommt.“

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