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Vor „Kampf der Regionen um junge Leute“

Staatssekretär Laumann fordert kostenlose Ausbildung für Pflegeberufe

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„Pflege am Boden“: Auf dieses Problem ist auch in der Grafschaft bereits vielfach aufmerksam gemacht worden. Staatssekretär Karl-Josef Laumann rief in Nordhorn die Pflegenden auf, sich zu wehren.

Der Staatssekretär im Bundesgesundheitsministerium hat auf der „Sommervisite“ der „Gesundheitsregion Euregio“ in Nordhorn mit drastischen Worten seinen Blick auf die Zukunft gerichtet. Der demografische Wandel ist nicht aufzuhalten.

Nordhorn. „Die Zukunft der Pflege im demografischen Wandel“ lautete der unscheinbare Titel des Vortrags, den Staatssekretär Karl-Josef Laumann (CDU), ehemaliger Arbeitsminister in Nordrhein-Westfalen, im voll besetzten Manz-Saal des NINO-Hochbaus halten durfte. Laumann, typischer Vertreter Westfalens aus „altem Schrot und Korn“, unbequem und angriffslustig, schaffte es in 50 Minuten freier Rede, seine Zuhörerschaft zu fesseln, zu beunruhigen und aufzurütteln.

Fakten: Der geburtenstärkste Jahrgang der Bundesrepublik (1964) wird 50. Die Anzahl der fünf- bis 15-Jährigen beträgt nur noch halb so viel wie zu Zeiten der 64er. Laumann: „Die haben schon einen Namen, – die kann man zählen.“ Der 57-jährige Politiker aus Riesenbeck (er hat heute Geburtstag) erwartet: „Es wird einen Kampf der Regionen um die wenigen jungen Leute geben, – zugunsten der Städte und zugunsten bestimmter Branchen.“

Die älteren Menschen hingegen sind so mobil wie noch nie, selbstbewusst, eigenständig, emanzipiert, ehrenamtlich engagiert. Doch Laumann warnt: „Irgendwann werden aus rüstigen Rentnern hochbetagte Menschen, die zunehmend Hilfe anderer Menschen brauchen.“ Die Antwort auf die Frage, wie sie dann noch würdig leben könnten, sei keine Aufgabe der Krankenkassen, sondern von Strukturen. Dann müsse die Gesellschaft so grundsätzliche Fragen klären wie die nach dem nächsten Lebensmittelladen, der erreichbaren Bankfiliale und der ärztlichen Versorgung auf dem Lande. „Wenn wir wollen, dass die Menschen nicht so früh in teure Einrichtungen kommen, dann müssen wir dafür sorgen, dass die Lebensqualität vor Ort auch für Menschen mit Rollator passt“, so Laumann.

Istzustand: Gesellschaft und Politik haben laut Laumann „in letzter Zeit wahnsinnige Ressourcen in die Hände genommen, um die frühkindliche Betreuung zu ermöglichen“. Dazu habe die gesellschaftliche Entwicklung gezwungen. In drei bis vier Jahren, erwartet der Politiker aus Westfalen, „wird dieselbe Kraftanstrengung erforderlich, um Strukturen für alte Menschen zu verbessern. Damit eng verbunden sei die Frage: „Wie kriegen wir die medizinische Versorgung in den Griff?“

Probleme: Er sehe, so Laumann: „ein Versagen der Politik“. Pro Jahr würden 12 000 Ärzte ausgebildet. Jedoch werde in den starren Strukturen die Lebenswirklichkeit ausgeblendet. Dazu zähle zum Beispiel, dass zunehmend junge Frauen in den Arztberuf drängen, die dem späteren Arbeitsmarkt nicht in Vollzeit zur Verfügung stünden. Ärztemangel sei damit vorprogrammiert. In einigen Krankenhäusern gebe es bis zu 80 Prozent Assistenzärzte mit ausländischen Wurzeln. „Die meisten von ihnen werden sich nicht niederlassen“, so Laumann. Benötigt würden mehr Ausbildungsplätze und weniger hohe Hürden. Der Numerus clausus beim Medizinstudium locke Studenten, die später in die Forschung, ins Ausland oder in ganz andere Berufe gingen, aber „nicht den Typen, der Landarzt werden will“. Jede stationäre Pflegeeinrichtung, jedes Pflegeheim sei auf Landärzte angewiesen. Jetzt ein „Schwesternmodell“ zu entwickeln sei der falsche Weg. „Mit mir nicht“, polterte Laumann. Es gehe nicht an, „dass die Menschen in den Städten von qualifizierten Ärzten versorgt werden und die Menschen auf dem Land von Schwestern.“

Zukunft: „Hätten wir keine häusliche Pflege, bräuchten wir eine halbe Million mehr Pflegeplätze“, so Laumann. Das könne die Gesellschaft nicht wollen, zumal das Leben in der eigenen Umgebung und möglichst selbstbestimmt die würdigste Form des Alterns sei. Daher müsse die Pflege mit all ihren Rahmenbedingungen verbessert werden. Laumann: „Wo sollen sie herkommen, die neuen Pflegekräfte, wenn die jungen Leute immer weniger werden und die Konditionen so schlecht sind?“ Viele Pflegerinnen und Pfleger bekämen nach Abschluss ihrer Ausbildung keine Vollzeitstelle, sondern lediglich einen 70-Prozent-Job.

„Pflege muss besser bezahlt werden“, forderte Laumann. Es könne nicht sein, dass die Lohnerhöhungen der Ärzte mit Einsparungen an Pflegekräften erwirtschaftet würden. Laumann will sich für Verbesserungen im Pflegeberuf einsetzen.

Aktuelle Projekte:

· Zurzeit wird laut Laumann im Gesundheitsministerium eine Analyse erstellt, wie Pflegekräfte in Regionen bezahlt werden und wie weit die „unfreiwillige Teilzeitarbeit“ verbreitet ist.

· Angestrebt werde eine generalisierte Ausbildung. Pfleger sollten sich erst später spezialisieren auf Kinder-, Kranken- oder Altenpflege.

· Geändert werden müsse auch das „bekloppte System“, so Laumann. Die Ausbildung der Ärzte zahle der Steuerzahler, aber die Pflegekräfte müssten in manchen Bundesländern noch für den Besuch der Pflegefachschule zahlen.

· Bürokratieabbau in der Pflege ist ein weiteres Ziel.

· Dem „Pflege-TÜV“ in seiner derzeitigen Form sagte Laumann in Nordhorn den Kampf an: „Da ich den Streit liebe, werde ich diesen Streit durchführen und den Pflege-TÜV abschaffen.“

Fazit: „Pflegepolitik ist ein Schwerpunkt der Gesundheitspolitik der Zukunft“, unterstrich Karl-Josef Laumann. Daher müsse vieles geändert werden. Er sei „sprachlos über die Arroganz der Wissenschaftspolitik“, die glaube, sie mache alles richtig. „Auch die Landbevölkerung zahlt Steuern“, so Laumann. Für ihn stehe fest: „Was Pflege macht, wird nie durch Technik ersetzt werden können.“

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