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Vom Flüchtling zum Landarzt in Emlichheim

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Hand in Hand arbeiten der syrische Arzt Mohamad Chanan (rechts) und der Allgemeinarzt Robert van Wermeskerken in der Hausarztpraxis in Emlichheim. Foto: Friso Gentsch/dpa

Ärzte sind auf dem Land knapp. Unter den nach Deutschland gekommenen Flüchtlingen gibt es andererseits viele Mediziner, die gerne in ihrem Beruf arbeiten würden. Aber der Weg zur beruflichen Anerkennung dauert oft Jahre.

dpa Emlichheim. Der kleine Levin weint. „Er hat starke Ohrenschmerzen bekommen“, erzählt Mutter Lena Eilering der Ärztin Jenni Helweg. Daneben steht Mohamad Chanan, ebenfalls Arzt. Die Medizinerin schaut mit einem kleinen Gerät in den Gehörgang des Dreijährigen. „Oh ja, das Ohr ist tüchtig rot“, sagt die Hausärztin, und dreht sich zu ihrem Kollegen um. „Willst du auch mal schauen?“

Auch Chanan kniet sich vor Levin hin, prüft das Ohr und nickt seiner Kollegin zu. Er ist Syrer, seit 30 Jahren Arzt, hat vor allem Kinder behandelt – und darf derzeit nur als Praktikant in der Hausarztpraxis in Emlichheim tätig sein. Bis er vollständig in Deutschland als Mediziner anerkannt ist, wird es noch Jahre dauern. „Das ist ein steiniger Weg“, sagt Uwe Köster von der Kassenärztlichen Vereinigung Niedersachsen (KVN). In den meisten Fällen dauere es vier bis fünf Jahre, bis Ärzte aus dem Ausland in Deutschland ihre Approbation bekommen.

Flüchtlinge aus Syrien haben dabei ein ganz spezielles Problem, schildert der Leiter des Niedersächsischen Zweckverbandes zur Approbationserteilung (Nizza), Holger Steinwede. Denn wegen des Kriegs in Syrien sei die Prüfung, ob Studienzeugnisse und Bescheinigungen aus der Heimat echt seien, derzeit kaum möglich. „Da kursieren Stempel, die in den Händen von Leuten sind, die sie nicht haben sollten“, sagt er.

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Ein Wirbelsäulenmodell betrachten Mohamad Chanan und die Allgemeinärztin Dr. Jenni Helweg im Gesundheitszentrum in Emlichheim. Foto: Friso Gentsch/dpa

Derzeit werde bei Bewerbern, die aus Syrien kommen, und bei denen es plausibel sei, dass sie als Mediziner gearbeitet haben, eine begrenzte Berufserlaubnis erteilt. Sehr oft arbeiten die Ärzte mit dieser vorübergehenden Arbeitserlaubnis dann in Krankenhäusern. „Da sind wir auf die Chefärzte angewiesen, die die Leute beobachten müssen“, sagt Steinwede. Fehlen also Zeugnisse, lassen diese sich auch durch praktische Arbeit und Berufserfahrung ersetzen. Am Ende stehe eine mündlich-praktische Prüfung.

Chanan wartet noch auf diese vorläufige Berufserlaubnis. Er ist 55 Jahre alt, ein ruhiger bärtiger Herr mit weißen Haaren und einem freundlichen Gesicht. Seine Praxis hatte er im schwer vom Krieg zerstörten Aleppo. Deutschland nahm ihn und seine Familie aus humanitären Gründen auf, und er zog erst nach Hannover.

Seit Anfang Januar lebt er mit seiner 13 Jahre alten Tochter und seiner ebenfalls 55 Jahren alten Frau in Emlichheim. Mediziner zu finden, die sich in der 14.000 Einwohner zählenden Gemeinde als Ärzte niederlassen wollen, ist schwierig.

„Wir suchen schon seit Jahren“, sagt Helweg, die mit zwei Kollegen und einem angestellten Arzt die Hausarztpraxis betreibt. Ihr Kollege Robert van Wermeskerken sei 65 und gehe bald in den Ruhestand, ihr angestellter Kollege ebenfalls. Jeden Tag betreut das Team 500 Patienten, macht viele Hausbesuche und muss auch zu Notfalleinsätzen raus.

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Ohr entzündet: Mohamad Chanan untersucht den kleinen Patienten Levin (3) unter Aufsicht einer Allgemeinärztin im Gesundheitszentrum in Emlichheim. Foto: Friso Gentsch/dpa

Emlichheims Samtgemeindebürgermeisterin Daniela Kösters ist es zu verdanken, dass Chanan jetzt in Emlichheim ist. In einer Fernsehtalkshow hörte sie davon, dass unter den syrischen Flüchtlingen viele Ärzte seien, die Arbeit suchen. Sie nahm Kontakt zu einem der Teilnehmer der Diskussionsrunde auf. Das war Chanans Neffe, der schon seit 15 Jahren in Deutschland lebt. Kösters und Chanan schlossen einen Vertrag: Die Samtgemeinde zahlt die Kosten für die anstehenden Deutschkurse, und Chanan verpflichtete sich im Gegenzug, in Emlichheim als Landarzt zu arbeiten.

„Ich finde, Emlichheim ist ein kleines Paradies“, sagt der Großstadtmensch Chanan. „Alle sind nett, die Ärzte, die Patienten, sogar die Natur.“ Die Deutschkurse absolvierte er im vergangenen Jahr in Hannover.

Als Flüchtling ist er anerkannt, er bezieht Leistungen vom Sozialamt. Die Wohnung in Emlichheim besorgte ihm Kösters. Seine Tochter geht aufs Gymnasium, seine beiden 20 und 21 Jahre alten Söhne besuchen das Studienkolleg beziehungsweise studieren Pharmazie in Marburg. Finanziell ist es sehr eng für die Familie. Seine Frau hatte als Architektin und Stadtplanerin in Aleppo gearbeitet. „Einen entsprechenden Job hier auf dem Land zu finden, ist natürlich schwierig“, sagt Helweg.

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Den Blutdruck eines Patienten misst Mohamad Chanan in der Hausarztpraxis in Emlichheim unter der Aufsicht von Allgemeinarzt Robert van Wermeskerken. Foto: Friso Gentsch/dpa

„Meinen Kindern fällt es nicht so schwer wie mir“, sagt Mohamad Chanan. Seine Tochter hatte in Hannover die beste Deutscharbeit der Klasse geschrieben. Auch seine Söhne lesen schon dicke Bücher auf Deutsch, erzählt er. Er habe im vergangenen Jahr in Hannover deutsch gelernt – aber die neue Sprache macht ihm noch hörbar Mühe.

Kösters hat im vergangenen Jahr viel Zeit und Kraft aufgebracht, um Chanan durch das deutsche Bürokratie- Labyrinth zu lotsen. Ihr ist das Anerkennungsverfahren viel zu langsam und zu bürokratisch. „Es wird vielleicht nicht künstlich verzögert, aber es wird auch nicht aktiv etwas getan, damit es besser läuft“, kritisiert die Bürgermeisterin.

Andererseits: Von den in Deutschland geltenden Standards bei der Zulassung ausländischer Ärzte herunterzugehen, könne nicht der Weg sein, sagt KVN-Sprecher Köster: „Ich sehe daher nicht, dass wir durch den massenhaften Zuzug von ausländischen Ärzten sämtliche Lücken in der ambulanten Medizin schließen können.“ Syrische Mediziner als Landärzte in Deutschland werden daher wohl die Ausnahme bleiben.

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