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Naturfotograf: „Rebhuhn verhungert in Grafschaft“

graf: „Rebhuhn verhungert in Grafschaft“
Hier ohne Tarnung: Armin Siemering aus Schüttorf fotografiert seit mehr als 50 Jahren Natur und Tiere in der Grafschaft Bentheim.

Armin Siemering aus Schüttorf fotografiert seit 50 Jahren die Natur in der Grafschaft. In den vergangenen Jahren fällt ihm vermehrt auf: Die Artenvielfalt ist längst nicht mehr das, was sie einmal war.

Ein halbes Jahrhundert ist im Vergleich zur Entstehungsgeschichte unseres Planeten ein Wimpernschlag. Dessen ist sich auch Armin Siemering aus Schüttorf bewusst. Doch die Entwicklung, die er in den vergangenen 50 Jahren durch den Sucher seiner Kamera und in der Natur beobachtet hat, beunruhigt ihn. In seiner Freizeit ist er gern in der Natur unterwegs und hält Flora und Fauna in der Grafschaft auf Bildern fest. Anfangs noch auf Negativfilm und Dia, seit einigen Jahren digital. Fast 135 Vogelarten, viele Säugetiere, Amphibien, Schmetterlinge und Wildblumen aus der Natur hat der 73-Jährige schon fotografiert. Von einigen musste er jedoch in den vergangenen Jahren Abschied nehmen. Birkhahn, Trauerseeschwalbe, Rotschenkel, Raubwürger oder Kampfläufer sind in der Grafschaft beinahe ausgestorben.

Seine Erklärung für diese Entwicklung: Je mehr Flächen bebaut werden und sich Industrie, Städte und landwirtschaftliche Betriebe vergrößern, desto weniger Platz bleibt für Insekten, Vögel und Schmetterlinge – ihre Nahrungsquellen schwinden. „Wenn ich 50 Jahre zurückdenke, sehe ich in der Grafschaft noch Feuchtwiesen, Wallhecken, Ödland, blühende Wiesen mit Wildblumen, Sandwege und Streuobstwiesen mit alten Bäumen – das fehlt heute leider größtenteils“, bedauert der Schüttorfer, der seit 30 Jahren auch für die GN-Heimatbeilage „Der Grafschafter“ schreibt und fotografiert.

Eigentlich wollte Armin Siemering Förster werden. Doch das Studium war zu teuer. So schlug er eine Ausbildung im kaufmännischen Bereich ein und war unter anderem in der Lohnbuchhaltung tätig. Die Liebe zur Natur jedoch blieb. Seit Jahren wird der Naturexperte für sein Wissen geschätzt. „Als Tierfotograf muss man das Verhalten zu 100 Prozent kennen, wir müssen den Fluchtabstand des Tieres durchbrechen“, sagt Siemering. Einige seiner Fotos haben Verlage gekauft und in Zeitschriften veröffentlicht, außerdem hielt er viele Vorträge in Vereinen. Fast 20 Jahre sprach er über den Bentheimer Wald vor Kurgästen in Bad Bentheim.

Wenn er auf Fotopirsch geht, braucht er vor allem drei Dinge: Geduld, Wissen und eine gute Tarnung. „Manchmal warte ich fünf bis sechs Stunden, bis sich ein Tier so zeigt, wie ich es ablichten will“, erklärt Siemering. Als Natur- und Tierkenner hat er so manchen Trick auf Lager, um das gewünschte Fotomodell vor die Linse zu bekommen: Den Schillerfalter im Samerrott lockt er mit stinkigem Käse an („Er braucht Salze“), Plastikenten rufen wiederum richtige Enten auf den Plan und ein Winterfutterplatz am Waldrand ist für viele Vögel und den Fotografen sehr interessant. Außerdem gibt es verschiedene digitale Lockrufe, die er mit seinem Mobiltelefon abspielen kann. Die verschiedenen Paarungszeiten von Waldkauz, Dachs, Fuchs und Amphibien kennt er natürlich allesamt.

Im Tarnzelt auf dem Boden oder unter einem Tarnnetz im Baum wartet er dann auf den richtigen Moment, um ein besonders schönes Foto zu schießen. Das macht für ihn den Reiz aus. Doch in letzter Zeit wird die Artenvielfalt vor seiner Linse immer eintöniger.

Gerhard Busmann, Vorsitzender des Naturschutzbundes (NABU) Grafschaft Bentheim, bestätigt die Beobachtung von Armin Siemering. „Besonders negative Auswirkungen gehen von der bei uns häufigen Monokulturpflanze Mais aus“, sagt der Schüttorfer. Der Einsatz von Pflanzenschutzmitteln lasse keine Unkräuter mehr zu und entziehe vielen hierauf spezialisierten Tierarten die Nahrungsgrundlage. „Es gibt zum Beispiel weniger Insekten, die ihrerseits Nahrung für eine Vielzahl von Vögeln sind“, meinen Armin Siemering und Gerhard Busmann.

Rehe, die häufig in der offenen Landschaft zu sehen sind, hätten nichts mit einer intakten Natur zu tun, sondern mit einem guten Nahrungsangebot auf den Äckern und einer besonderen Hege und Pflege durch Jäger.

graf: „Rebhuhn verhungert in Grafschaft“
Diese beiden Bläulinge hat der Schüttorfer Hobbyfotograf bei der Paarung bildlich festgehalten.

Die städtebauliche, wirtschaftliche und verkehrliche Entwicklung der vergangenen Jahre lässt die Grafschaft Bentheim sehr gut dastehen“, betont Gerhard Busmann. Allerdings mit Folgen für die Natur: „Diese Entwicklung, zu der auch der Bau von Biogasanlagen und großen Massentierställen zählt, führt zu einem enormen Flächenverbrauch. Folglich werden alle Ackerflächen oftmals bis über die Grenzen hinaus bewirtschaftet. Somit fehlen Brachflächen und naturbelassene Ackerränder als Nahrungspotenzial und Rückzugsnischen für bedrohte Tierarten.“

Vor allem die Entwicklung um das Syen-Venn zwischen Nordhorn und Isterberg, die ehemalige Holmer Maate in Samern und die Große Maate in Quendorf zählt Armin Siemering als Negativbeispiele auf: „Hier wurden durch die Vechteregulierung und Flächenumwandlung viele interessante Feuchtbiotope vernichtet.“ Letzte große Wiesenvogelarten wie Uferschnepfe, Rotschenkel und Brachvogel gebe es nur noch in der Niedergrafschaft.

graf: „Rebhuhn verhungert in Grafschaft“
Der Bestand des Rebhuhns hat sich nicht nur in der Grafschaft, sondern auch europaweit dramatisch verringert.

Eine im Fachmagazin „Der Falke“ zusammengefasste wissenschaftliche Studie des European Bird Census Counsil (EBCC) bestätigt, dass sich der Bestand der Vogelarten, die in landwirtschaftlich genutzten Gebieten leben, von 1980 bis 2012 mehr als halbiert hat. Der EBCC wertet jedes Jahr Zählprogramme über das Vorkommen von rund 165 Vogelarten in 28 europäischen Ländern aus. Das Rebhuhn bereitet mit einem Rückgang um 94 Prozent die größte Sorge. Anderen Offenlandarten wie Feldlerche (minus 52 Prozent), Neuntöter (minus 37 Prozent) und dem Kiebitz (minus 55 Prozent) gehe es ähnlich schlecht.

Im Aufwind – auch dank veränderter Überwinterungsstrategien – seien dagegen die Ringeltaube (plus 113 Prozent), Zilpzalp (plus 91 Prozent) und die Mönchsgrasmücke (plus 146 Prozent).

Auch in der Grafschaft zählt Armin Siemering aufgrund seiner Beobachtungen das Rebhuhn zu den großen Verlierern: „Das Rebhuhn verhungert, es fehlen die Insekten, da hilft auch kein Ackerstreifenprogramm“. Ebenso ergehe es vielen weiteren Arten: „Der Brachvogel, der 20 Jahre alt werden kann, kehrt zwar immer wieder in die Grafschaft zurück, brütet hier aber sehr selten, somit fehlt der Nachwuchs“, stellt Siemering fest. Auch abseits der Vogelarten sieht der Schüttorfer immer seltener Laubfrösche, Molche, Schmetterlinge wie das gemeine Grünwidderchen und das gemeine Blutströpfchen und bei den Pflanzen die heimischen Orchideen. Kulturfolger wie Nutria, Nilgans, Dohle und Elster könnten sich hingegen gut anpassen.

Bildergalerie

50 Jahre Naturfotograf: Armin Siemering

Armin Siemering aus Schüttorf ist seit 50 Jahren Naturfotograf. Er hält vor allem Vögel, Insekten und Pflanzen in der Grafschaft Bentheim auf seinen Bildern fest.

Bild /

Größtenteils sei der Grund für den Bestandsrückgang bei Agrarvögeln in der Entwicklung zur industrialisierten Landwirtschaft zu finden, denken Armin Siemering und Gerhard Busmann. Sie wollen aber keineswegs einzelnen Landwirten die Schuld zuschieben: „Die Ursachen sind vielfältig, unter anderem führen die derzeitige Agrarpolitik und Förderung zu diesen Entwicklungen“, bemerkt Gerhard Busmann.

Im Bentheimer Wald findet Armin Siemering noch das interessanteste Angebot für seine Fotografie. „Viele Tierarten wie beispielsweise der Hirschkäfer, Nashornkäfer, Klein- und Mittelspecht finden im Totholz einen Lebensraum. Fürst und Förster leisten hier gute Arbeit“, sagt der Schüttorfer. Eine einmalige Bodenformation ist hingegen im Samerrott. Auf dem Lehm- und Tonboden fühlen sich vor allem Pflanzen wie Einbeere, Salomonsiegel, Bärlauch, Lungenkraut und viele Pilzarten wohl.

Armin Siemering wünscht sich, dass wieder mehr Feuchtwiesen und Ödflächen mit Sandwegen angelegt werden und dass Streuobstwiesen mit alten Bäumen erhalten bleiben. Es muss auch nicht gleich jedes „Unkraut“ vernichtet werden: „Um ehrlich zu sein, wären weniger Steinbeete in heimischen Vorgärten schon gut. Oder Gänseblümchen auf einem Rasen. Aber selbst die sind peniblen Gartenbesitzern oft ein Dorn im Auge.“

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