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Lehrer berichtet aus den Slums von Nairobi

richtet aus den Slums von Nairobi
Mit einer Aufwärmübung aus Afrika begann Philip Oprong Spenner seinen Vortrag im Lise-Meitner-Gymnasium in Neuenhaus. Foto: Sebastian Hamel

Früher lebte er als Straßenkind in Kenia, heute unterrichtet er an einer Schule in Hamburg: Philip Oprong Spenner kann auf eine Entwicklung zurückblicken, die nicht vielen Kindern in seinem Herkunftsland vergönnt ist.

Neuenhaus. Es gibt Menschen, deren Kindheit fernab von allem liegt, was in hiesigen Breiten vorstellbar ist. Einer dieser Menschen ist Philip Oprong Spenner, der sich als verwaistes Straßenkind in Nairobi durchschlagen musste und täglich einen neuen Kampf ums Überleben führte. Seine Geschichte hat allerdings ein Happy-End: Durch Beharrlichkeit und Glück schaffte er es, dem perspektivlosen Dasein zu entfliehen, letztlich Afrika zu verlassen und in Hamburg ein neues Leben zu beginnen. Dort ist er Lehrer für Englisch, Sport und Philosophie, vor fünf Jahren erschien sein Buch „Move on up – Ich kam aus dem Elend und lernte zu leben“. Nach einer Lesung am Mittwoch im Schüttorfer „KunstWerk“ war er tags darauf im Lise-Meitner-Gymnasium Neuenhaus zu Gast. Die Einladung erging auf Initiative der Schüler selbst – und entsprechend gespannt erwarteten die Zehntklässler ihren Gast.

Los ging es auch direkt mit einer Extremsituation: Spenner beschreibt, wie er an einer Klippe stand und im Begriff war, sich hinunterzustürzen. „Mein Leben hat keine Zukunft. Ein Kreislauf, aus dem ich nicht herauskomme“, waren seine damaligen Gedanken. Gott schien keine Verwendung für ihn zu haben, und selbst der Himmel wirkte zu weit entfernt, als dass er daran hätte glauben können. Wenn jetzt nicht noch ein höheres Zeichen kommt, so dachte er, dann war es das: „Ciao Erde, Kummer, Dunkelheit!“ Doch dann erschien tatsächlich ein Zeichen – in Form von drei asiatischen Touristen. Sie gaben ihm so viel Geld, dass es für drei Monate ohne Hunger ausreichte.

Tante konnte Schulbesuch nicht mehr bezahlen

Der Hunger war Spenners ständiger Begleiter in Zeiten als Straßenkind. „Ein Gefühl, das alles überlagert“, erklärt er. Fand man etwas zu essen, wurde es so langsam wie möglich verzehrt. Aus Angst vor dem letzten Bissen, weil danach die Ungewissheit von vorne beginnt, wann es das nächste Mal etwas gibt. Das konnte mitunter Tage dauern. „Ich war ein kleiner Junge, dem klar gemacht wurde, dass er nichts wert war“, erzählt der charismatische Mann. Spenner, der inzwischen Mitte 30 ist, hat seine Eltern nie kennengelernt. Er lebte zunächst bei seiner Tante, bis diese ihm den Schulbesuch nicht mehr finanzieren konnte.

Für den Jungen war das ein Schock: „Die Schule war für mich wie eine Schatzkammer, aus der ich Wissen und Selbstbewusstsein schöpfen konnte“, erinnert er sich. Als er kaum zehn Jahre alt war, fuhr seine Tante mit ihm nach Nairobi, der Hauptstadt Kenias – und setzte ihn dort aus. Einen gerösteten Maiskolben drückte sie ihm noch in die Hand und ließ ihn dann am Bahnhof stehen. Damit begann für das Kind die Zeit, alleine klarzukommen. Sich einer Gang anzuschließen kam für ihn nicht infrage: Die Abhängigkeit ist so groß, dass ein späterer Austritt kaum möglich wäre. In Paul, den Spenner als besonders clever bezeichnet, fand er einen Verbündeten. Gemeinsam meisterten sie zahlreiche brenzlige Situationen, versuchten ihr Glück als Schmuggler im Grenzgebiet zu Uganda. Als Paul eines Tages überfahren wurde und starb, spürte Philip Oprang Spenner erstmals das Gefühl von Trauer.

Die Zeiten besserten sich erst für ihn, als er in ein Waisenhaus kam und ein deutscher Kinderarzt die Patenschaft für ihn übernahm. Damit konnte er wieder zur Schule gehen und sogar studieren. Nach dem Abschluss adoptierten ihn die Pateneltern, er kam nach Deutschland und studierte Lehramt. Spenner erinnert sich, wie er in Deutschkursen die Bücher alter Schriftsteller las und dann erst einmal verstehen musste, dass sich die Sprache inzwischen gewandelt hat. So wurde er seltsam angeschaut, als er zu jemandem „Gräme dich nicht!“ sagte.

„Bildung ist die nachhaltigste Hilfe zur Selbsthilfe“

Was er als Kind als Schatzkammer betrachtet hat, liegt ihm auch heute noch am Herzen wie kaum etwas anderes: die Bildung. „Sie ist die nachhaltigste Form der Hilfe zur Selbsthilfe“, sagt er. Das Happy-End seiner Geschichte repräsentiere – angesichts von immer noch 75.000 Straßenkindern in Nairobi – nicht einmal 0,1 Prozent der Realität. Er fordert von der Politik, langfristiger zu denken und vor Ort zu helfen. Durch Bildung könne es gelingen, dass eines Tages Kinder nicht mehr ausgenutzt werden und flüchten müssen. Diesen besonderen Wert hält er nach wie vor hoch, auch in einer Gesellschaft, in welcher der Zugang zu Schulen und Universitäten selbstverständlich erscheint. Den Neuenhauser Schülern gab er somit auf den Weg: „Seid nicht zu bescheiden, wenn es darum geht, davon zu träumen, was ihr erreichen könnt.“

Mit einem langen, kräftigen Applaus quittierten die Gymnasiasten den anrührenden Vortrag. Mucksmäuschenstill hatten die Jugendlichen den Worten Spenners gelauscht – für ihn ein Zeichen, dass seine Erzählung und Botschaft auf fruchtbaren Boden gefallen ist, wie er im Anschluss gegenüber den GN sagte: „Das ist mir eine große Ehre.“

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