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„Kameramann der Einheit“ ist zu Gast in Uelsen

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Hat vom Kirchturm der evangelisch-reformierten Kirche in Leipzig aus die Montagsdemonstration am 9. Oktober gefilmt: der Journalist Siegbert Schefke.

Er gilt als der „Kameramann der deutschen Einheit“. Siegbert Schefke hat in der Nacht des 9. Oktober 1989 zusammen mit dem Fotografen Aram Radomski die Montagsdemonstration in Leipzig vom Turm der evangelisch-reformierten Kirche aus gefilmt.

Uelsen. Bereits Ende Januar hat der Förderverein des Lise-Meitner-Gymnasiums Pastor i. R. Hans-Jürgen Sievers nach Neuenhaus eingeladen. Der Pastor hatte am 9. Oktober 1989 zwei Journalisten erlaubt, die Montagsdemonstration von einem Kirchturm aus zu filmen. Nun macht Siegbert Schefke, auf Einladung des Fördervereins, ebenfalls Halt in der Grafschaft.

Im altreformierten Gemeindehaus wird er heute Abend erzählen, wie er die Montagsdemonstrationen in Leipzig gefilmt und die Aufnahmen anschließend nach West-Berlin geschmuggelt hat. Im GN-Interview spricht der 56-Jährige über Angst und Stolz, über Nostalgie und Trittbrettfahrer.

Sie haben an der Hochschule für Bauwesen in Cottbus studiert und anschließend als Bauleiter in Ost-Berlin gearbeitet. Wie wird man vom Baufachleiter zum Journalisten?

Ich wollte mein Land lebens- und liebenswürdiger machen. Meinungsfreiheit, Pressefreiheit, Reisefreiheit, Parteienvielfalt, Demokratie, ich wollte die ganz normalen bürgerlichen Grundrechte genießen. Mein Freund Roland Jahn hat mir eine Kamera besorgt und wir haben die Umweltverschmutzung und den Verfall historischer Städte in der DDR berichtet. Es hat ja sonst auch niemand gemacht.

Hatten Sie Angst, während Sie zusammen mit Aram Radomski am 9. Oktober 1989 die Montagsdemonstrationen vom Leipziger Kirchturm gefilmt haben?

Wer keine Angst hat, ist feige. Wir sind im Vorfeld von der Stasi überwacht worden. Etwa 30 Stasi-Offiziere haben meine Wohnung überwacht. Ich habe damals in Berlin gewohnt und musste über das Dach flüchten, um die Stasi abzuhängen und nach Leipzig zu kommen. Unterwegs wechselten wir dreimal das Auto. Als Aram und ich dann aber auf dem Kirchturm lagen, spürten wir, dass hier etwas Großes im Gange war.

Mit Ihren Filmaufnahmen haben Sie dazu beigetragen, den Druck auf das SED-Regime so stark zu erhöhen, dass es darunter zerbrochen ist. Das macht Sie doch sicher stolz?

Ja, ich bin heute noch mir selbst dankbar dafür, dass ich kein Mitläufer geworden bin. Ich habe zwei Töchter, 14 und 18 Jahre alt, die mich mit Fragen zur DDR löchern. Ich bin froh, dass ich da ganz entspannt antworten kann. Andere Eltern können das glaube ich nicht. Das Land DDR waren nicht 19 Millionen Widerstandskämpfer.

Apropos Widerstandskämpfer: In Ihrer Stasi-Akte wurde Ihnen der Tarnname „Satan“ gegeben.

Vor sechs Jahren habe ich meinen Stasi-Offizier kennengelernt. Ich wollte von ihm wissen, wie sich einige Dinge, die in meiner Akte stehen, zugetragen haben. Er sagte: „Sie waren schon ein besonderer Fall bei uns.“

Was halten Sie davon, dass Gruppen wie Pegida sich der Symbolik der Montagsdemonstrationen bedienen und protestierend durch Leipzig ziehen?

Ich will nicht sagen Wut, aber ich finde es natürlich schon dreist. Ich habe wenig Verständnis dafür. Es ist manchmal auch traurig, dass man über etwas berichten muss, das Nachahmer hervorruft. Etwa bei den Pegida-Demonstrationen. Wenn anfangs 5000 Menschen demonstrierten und ich darüber berichte, muss ich damit rechnen, dass am nächsten Tag 7000 Menschen auf die Straße gehen.

Mit Ihren Filmen und Geschichten im Gepäck reisen Sie durch die Grafschaft und halten Vorträge vor Schulklassen. Wie bringen Sie Schülern das Erlebte näher?

Ich versuche, die Geschichten plastisch und eindrucksvoll zu erzählen. Geschichte ist zum Anfassen. Also wer sich bei mir nicht interessiert, der wird es von einem Lehrer, der die Geschichte nur vom Hörensagen und aus dem Buch kennt, schon gar nicht lernen.

Haben Sie das Gefühl, dass die Mauer in einigen Köpfen noch steht?

Es gibt immer Nostalgiker oder Ostalgiker. Leute, die sagen: „Früher war alles besser.“ Früher war nicht alles besser. Der Zeitgeist ist ein anderer geworden. Außer dem grünen Ampelmännchen möchte ich aus der DDR gar nichts zurückhaben.

Video

16.06.2015 Siegbert Schefke
Siegbert Schefke hat die Montagsdemonstrationen in Leipzig am 9. Oktober 1989 vom Kirchturm der evangelisch-reformierten Kirche aus gefilmt. Jetzt reist er durch die Grafschaft und hält Vorträge.

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